Adi Buchwald eröffnete die Ausstellung „Linz am Rhein im Ersten Weltkrieg“
Eine Zeitreise in eine dunkle Periode europäischer Geschichte
Die Exponate sind nur noch am Wochenende in der Stadthalle zu sehen
Linz. „Laut Überlieferung wurde um das Jahr 1912 durch die Freilegung der Fachwerkmauern in der Altstadt der Begriff ‚Die Bunte Stadt an Rhein‘ für unser Städtchen geprägt“, erinnerte Stadtbürgermeister Adi Buchwald Samstagvormittag in der Stadthalle. Dort eröffnete er die Ausstellung „Linz am Rhein im Ersten Weltkrieg“, die von der Stadtarchivarin Andrea Rönz initiiert und umgesetzt wurde. Im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts schufen die Architekten Heinrich Mattar und Eduard Scheler zahlreiche schmucke Bauten mit den für sie typischen historisierenden Stilelementen, ein deutliches Zeichen für die Blüte der kleinen Stadt.
Diese Blüte aber war nur von kurzer Dauer, denn schon am 31. Juli 1915 gaben in Linz große Plakate am Rathaus, an den beiden Stadttoren und an der Geschäftsstelle der Rhein-und-Wied-Zeitung am Marktplatz bekannt, dass sich Deutschland im Kriegszustand befinde. Nur einen Tag später erfolgte die Mobilmachung und am 2. August läuteten in Linz gegen 22 Uhr die Sturmglocken des Rathauses und alle Kirchenglocken: Bürgermeister Paul Pieper verkündet auf dem Marktplatz das Aufgebot des gesamten Landsturms. „Jeder fühlte, dass eine ernste Zeit begonnen habe, in der er seine ganze Kraft dem bedrohten Vaterlande zur Verfügung stellen müsse“, ist auf einer der großen Stellwände zu lesen, an denen Fotografien, Zeitungsschnitte und Erläuterungen die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nach George Kennan an den Besuchern vorbeiziehen lassen.
Die patriotische Anfangsbegeisterung wich in den nächsten Jahren schnell der Sorge um die Soldaten, aber auch der Notwendigkeit, die Entbehrungen und Leiden der Zivilbevölkerung zu lindern und den Alltag des Krieges zu bewältigen. „Etwa ein Viertel der männlichen Bevölkerung von Linz wurde im Verlauf der vier Kriegsjahre zum Heeresdienst eingezogen und an fast allen Kriegsschauplätzen eingesetzt“, so Andrea Rönz in ihrer Einführung. In der Heimat dagegen kam es zu einer Mangelwirtschaft in allen Bereichen und auch die allgemeine Teuerung machte der Bevölkerung sehrt zu schaffen. „Insgesamt 93 Gefallene oder Vermisste hatte Linz zu beklagen. Sie waren durchschnittlich 25 Jahre jung“, erinnerte Adi Buchwalds in seiner Begrüßungsrede, in der er Andrea Rönz dankte. „Sie gibt einen äußerst anschaulichen Einblick in die damaligen Lebensbedingungen in Linz und von Linzern an der Front“, so der Stadtbürgermeister. Als die Stadtarchivarin an ihn mit der Ausstellungsidee herangetreten sei, habe er spontan zugestimmt und sich sehr gefreut, dass auch die Kollegen in den Ausschüssen wie im Stadtrat dieses Projekt mit einem positiven Votum unterstützt hatten. Sein Dank galt auch der Sparkasse Neuwied sowie der Volks- und Raiffeisenbank Neuwied.
„Zum Gelingen der Ausstellung haben aber auch viele Privatpersonen und Institutionen beigetragen, die sich auf meinen öffentlichen Aufruf gemeldet und Materialien aus dem Ersten Weltkrieg für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben“, betonte Andrea Rönz. So ist etwa die komplette Feld-Uniform eines Hauptmanns aus dem Preußen-Museum Wesel zu sehen. Andere Exponate sind in hochrecheckigen Vitrinen untergebracht wie Stellungsbefehle, Militärpässe und Soldbücher, Koppel, Feldflasche und Henkelmann nebst Seitengewehren. Natürlich dürfen auch Kriegsdarstellungen aus einem Sammelalbum für Zigarettenbilder, das Buch „Illustrierte Kriegsgeschichte 1915-1920“ und ein Album mit Feldpostkarten nicht fehlen. Zeichen ausgeprägte Vaterlandsliebe und Heldenverehrung sind dagegen eine Mokkatasse mit Eisernem Kreuz und ein großer Porzellanteller, dessen Rand von einem dichten Eichenlaubkranz gesäumt wird, während in der Mitte das Porträt von Hindenburg zu sehen ist.
Erheblich kurioser machen sich da die exotischen Frauenschuhe für so genannte „Lilien- oder Lotosfüße“ aus, wie die Füße bezeichnet werden, die Frauen im Kaiserreich China durch extremes Einbinden und Knochenbrechen zugunsten eines etwa tausend Jahre lang anhaltenden Schönheitsideals deformiert worden waren. Nach Linz gebracht hatte sie Josef Wiemer aus Tsingtao an der chinesischen Ostküste. Der Linzer war in dem in der Provinz Shandong von den Deutschen gebauten Hafen stationiert. Mit dem Hauptstützpunkt des Ostasiengeschwaders der Kaiserlichen Marine wollte das Deutsche Kaiserreich sein 1898 vom Kaiserreich China gepachtetes Gebiet im Süden der Shandong-Halbinsel sichern. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Tsingtao nach dreimonatiger Belagerung von Japan besetzt, da die 5.000 Deutschen den Widerstand gegen die Übermacht von 30.000 Japanern nicht aufrechterhalten konnten, zumal sich das Ostasiengeschwader bei Kriegsbeginn in der Südsee befand.
Erheblich martialischer als die Lotosfüße und das Leben mehrere Menschen bedrohend war aber die Granate aus dem Frontgebiet an der Somme. Diese Schlacht an der Westfront begann am 1. Juli 1916 im Zuge einer britisch-französischen Großoffensive gegen deutsche Stellungen. Am 18. November wurde die mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs, die als „Abnutzungsschlacht“ von den Alliierten geführt worden war, abgebrochen, ohne eine militärische Entscheidung herbeigeführt zu haben.
Die kulturelle Entscheidung der Ratsmitglieder, Andrea Rönz die Ausstellung konzipieren und durchführen zu lassen, war dagegen goldrichtig. In der Stadthalle zu sehen ist sie noch am noch am Donnerstag und Freitag, 15. und 16. Mai von 15 bis 19 Uhr sowie am Samstag und Sonntag, 17. und 18. Mai von 11 bis 19 Uhr. Danach werden Teile im Verwaltungsgebäude der Verbandsgemeinde, Am Schoppbüchel 5, im Rahmen des Projektes „Im Dialog“ ausgestellt.
