Ausstellung in der Linzer Trinitatiskirche
Friesisch und echt biblisch
Bis Sonntag, 29. März
Linz. Für das ökumenische „Jahr der Bibel“ 2003 hatte Pastor Kurt Perrey vom Kirchenkreis Norden ganz im Westen von Deutschland den Auftrag bekommen, etwas Passendes zum Motto „Suchen und Finden - die Bibel“ zu veranstalten, das zudem möglichst typisch friesisch und dabei echt biblisch sein sollte. Eingefallen sind ihm damals Bibelfliesen. „Zusammen mit interessierte Mitarbeitern aus sechs verschiedenen Gemeinden des Kirchenkreises habe ich nach einem Vortrag am 21. Februar 2003 im Evangelisch-lutherischen Kirchenzentrum der Andreasgemeinde zum Thema „Bibelfliesen - Baumaterial und bildhafte Verkündigung“, an dem auch Experten aus den Niederlanden, dem Ursprungsland der Wandfliesen mit biblischen Motiven teilgenommen haben, am 23. Februar dann in der Ludgerikirche von Norden eine Ausstellung mit Bibelfliesen aufgebaut“, erinnerte der Pfarrer in Ruhe unlängst in der Trinitatiskirche von Linz. In dieser hat er zusammen mit Brigitte und Hartmut Fink aus Steinfurt im Münsterland eine chronologischen Fliesen-Rundgang aufgebaut, der 96 Darstellungen von der Schöpfungsgeschichte und dem Sündenfall bis zur Passion und der Auferstehung zeigt. „Die Evangelischen Kirche Deutschland hat auf ihrem Weg zum Jubiläum ‚500 Jahre Reformation’ in 2017 für dieses Jahr das Motto ‚Bild und Bibel’, ausgewählt. Deshalb habe ich Kontakt mit meinem Kollegen in Ruhe, Kurt Perrey aufgenommen und ihn gefragt, ob er bei uns nicht Bibelfiesen zeigen will“, so Pfarrer Christoph Schwaegermann.
96 Originale
Er sei sehr froh, dies rechtzeitig getan zu haben, denn die Wanderausstellung mit 96 Original-Bibelfliesen sei so gefragt, dass sie bis März 2016 ausgebucht ist. „Ursprünglich war nur die Ausstellung von 2003 geplant, aber inzwischen haben das ‚Norder Bibelfliesenteam’ und die Projektgruppe ‚Kulturgut Bibelfliesen’ aus Emsdetten die Bibelfliesen schon an 84 Orten gezeigt“, berichtete Kurt Perrey. Um in der Trinitatiskirche, in der die Ausstellung bis Sonntag, 29. März, freitags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie an den Sonntagen nach den Gottesdiensten, ab 11 Uhr besucht werden kann, auf die nur 13 mal 13 Zentimeter großen Fliesen mit je 48 Darstellung aus dem Alten und Neuen Testament aufmerksam zu machen, wurden noch fünf Reproduktionen auf großen Folien als Poster aufgehängt. Passend zur Zeit zeigen sie Motive der Passion wie etwa das Gebet Jesu am Ölberg und die im Garten Gethsemane schlafenden Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes.
Blütezeit der Bibelfliesen in den Wohnhäusern
„Im Zuge des Bildersturms calvinistischer Prägung in den burgundischen Niederlanden ab 1566, bei dem alle Kultbilder als Verstofflichungen der Götzen, die der Mensch im Herzen trage und die ihn vom wahren Gottesdienst abhalten würden, aus den Kirchen entfernt wurden, setzte dann im 17./18. Jahrhundert als Gegenbewegung die Blütezeit der Bibelfliesen in den Wohnhäusern ein“, erklärte Kurt Perrey. So seien Motive biblischer Verkündigung in das Alltagsleben der Menschen dort eingezogen, wo sie miteinander arbeiteten und schliefen, fröhlich und traurig waren. „Soweit bislang bekannt, sind 600 verschiedene Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament nach Vorlagen bekannter Künstler auf Fliesen gemalt worden, um Menschen, die vielfach nicht lesen konnten, in ansprechender, leicht verständlicher Darstellungsweise biblische Szenen nahe zu bringen“, so der Pfarrer in Ruhe. Die Bibelfliesen, vorwiegend in dem berühmten Delfter Blau, gäben ein Beispiel für niederländische Wohnkultur und seien zugleich typische Merkmale echter Volksfrömmigkeit. „Heute regen Bibelfliesen zur Beschäftigung mit einem Kulturgut an, animieren aber auch dazu, sich mit der jeweiligen Szene auseinanderzusetzen, die von vielen Betrachtern gar nicht mehr benannt werden kann, zumal nur wenige Fliesen einen schriftlichen Hinweis auf die Geschichte geben“, berichtete Kurt Perrey. Deshalb habe man das Thema der Darstellungen auf den Fliesen der jeweiligen Entstehungszeit und dem Herkunftsort hinzugefügt. Besucher der Wanderausstellungen hätten ihm versichert, nach dem Betrachten der relativ schlichten Kunstschätze mal wieder in der Bibel gelesen zu haben, etwa um Genaueres über das Linsengericht zu erfahren, mit dem Jakob seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht „abgekauft“ hatte, oder warum nur Lots Frau bei der Flucht aus Sodom und Gomorra zur Salzsäule erstarrte. „Bibelfliesen sind eben nicht nur Baumaterial, Volkskunst oder bildhafte Verkündigung, sondern auch eine außergewöhnliche Begegnung mit Gottes Wort“, so Kurt Perrey.
Zum Nachlesen
Deshalb habe man auch kleine Hefte mit thematisch geordneten, farbigen Abbildungen etwa von „Kriminalgeschichten“, „Pilgerwegen“ oder „Tier-Geschichte“ herausgebracht. Neben dem Ausstellungskatalog „Mit Bilderfliesen durch die Bibel“ gibt es auch noch „Das Buch der Bücher mit den Bibelfliesen“ in dem 600 Darstellungen der jeweils zu den Textstellen passenden Bibelfliesen abgebildet sind, die von dem niederländischen Experten Jan Pluis im Anhang ausgiebig beschrieben werden. Zu diesen Kunstwerken aus früheren Zeiten, die älteste Fliese stammt aus dem Jahr 1670, gesellt sich in der Trinitatiskirche noch eine zeitgenössische, nicht weniger interessante Fliesenarbeit von Alexander Jokisch. Aus seiner „Kapelle“ in der Rheinstraße hat er seine „Linzer Pietá“ vor dem Altar aufgebaut, die somit, ebenfalls passend zur Passionszeit, direkt auf das hinter ihr zu sehende Kreuz hinführt.
Transformiert ins Jetzt
„Anders als bei den Fliesen, deren Darstellung Bildern bekannter Künstler nachempfunden sind, zeige ich meine ganz subjektive Sicht des bekannten Themas, das in die Jetztzeit transferiert worden ist“, so der Fliesenkünstler. Dargestellt ist im Mittelteil eines Triptychons nicht eine „bekannte“ Mariengestalt als „Herrin des Mitleids“, sondern eine arabische Frau während des Irakkrieges, die mit ihrem Sohn, der nur durch seine Haltung auf dem Schoß der Mutter an Jesus erinnert, auf einem Flughafen darauf wartet, vor der Gewalt aus dem Kriegsgebiet fliehen zu können.
Aber die Pietá hat auch einen ganz konkreten Bezug zu der Bunten Stadt am Rhein. „Nicht nur dass sie seit sechs Jahren während der Fronleichnamsprozession an der Statio auf dem Burgplatz zu sehen ist, hinter der Mutter kann man auch die Linzer Klapperläufer erkennen“, berichtete Alexander Jokisch. Diese erinnerten an die Vergänglichkeit der Zeit. Zwar werde in seiner Pietá die Gewalt, die dem Thema durch den vorausgegangene Kreuztod immanent enthalten ist, nicht ausgeklammert.
Zeichen der Hoffnung
„Das Mittelteil des Triptychons wird aber von einer Dornenkrone flankiert, die deutlich imstande ist zu blühen“, berichtete Alexander Jokisch. Dies sei ein Zeichen für die Hoffnung, dass die Gewalt doch überwunden werden könne. „Außerdem passt diese moderne Pietá ausgezeichnet zu der Flüchtlingsarbeit, die wir angesichts der momentanen Lage hier in Linz und Umgebung leisten“, schloss Christoph Schwaegermann die Vorstellung der Ausstellung zu dem aktuellen Motto „Bild und Bibel“ der Reformationsdekade.
Stolz präsentierte Pfarrer Christoph Schwaegermann seinen Kollegen Kurt Perrey, der mit der Ausstellung „Bibelfliesen“ altes Kulturgut christlicher Frömmigkeit in die Trinitatiskirche gebracht hat, und damit wie die vor dem Altart gezeigte Linzer Pietá von Alexander Jokisch den Besuchern auch eine außergewöhnliche Begegnung mit Gottes Wort ermöglicht. Foto: DL
