Fatih Cevikkollu unterhielt das Publikum in der Oberen Burg im wahrsten Sinne göttlich
Im schneeweißen Anzug
Der Kabarettist glänzte mit teils bissig-schwärzester Satire
Rheinbreitbach. Bekannt geworden ist Fatih Cevikkollu, der am Wochenende beim Förderkreis Obere Burg in Rheinbreitbach zu Gast war, als Murat in „Alles Atze“. Von dieser TV-Klamotte hat sich der Kölner Deutsch-Türke aber längst entfernt. Nach seinen erfolgreichen und mehrfach preisgekrönten Programmen „Fatihland“ und „Komm zu Fatih!“ präsentierte der Kabarettist am Sonntagabend sein neues Programm „Fatih unser - Erlösung leicht gemacht!“, das nichts oder zumindest nicht allzu viel mit Religion zu tun hat, wie er versicherte, das aber dafür zwischen politischem Kabarett und bitterbösen Comedy hin- und herpendelt.
„Die politisch-satirischen Texte, die ich mache, sind meistens sehr persönlich, sie sollen aufklären, dabei unterhaltsam und charmant sein. Sie sollen den Zuschauern Freude im Herzen bereiten“, so Fatih Cevikkollu über sein Programm. In dem wird er plötzlich und unerwartet auf dem Weg zum Bäcker aus dem Leben gerissen und landet im letzten aller Wartezimmer. Was, wenn man sich erst nicht erklären kann, was da passiert ist und dann glaubt, dass das ganz bestimmt ein Irrtum war? Im passenden schneeweißen Anzug, „schwarze Haare, cooler Gang und intelligentes Charisma, so sehen wir Deutschen jetzt aus!“ stellte Fatih Cevikkollu dem Big Boss des Universums in der Oberen Burg jede Menge Fragen, die man sich normalerweise immer erst dann stellt, wenn es schon zu spät ist, Fragen nach einem Leben voller Ekstase oder nach einem Dasein ohne jede Reiz, damit es später einmal besser wird..
Erfreulich direkt und ohne Tabus, scharfzüngig-provokant geißelte er den Zeitgeist. So etwa die zunehmend apolitische Körperkult-Jugend, für die Demokratie bedeute, „am Samstagabend für 50 Cent bei Dieter Bohlen anzurufen.“ Dabei sei es doch angebracht, weniger am Körper, als an der Haltung zu arbeiten, kritisierte er den Castingshow-Wahn. Noch bösartiger sein Seitenhieb auf die gesandstrahlten männlichen Modeltypen mit „glatter Bi-Fi-Haut“ im Stil eines Cristiano Ronaldo: „Leni Riefenstahl wäre vor Freude glitschig geworden bei so einem Anblick“, der bissige Kommentar des Ganzkörperbehaarten, wie sein offenes Hemd und der Dreitagebart verrieten.
Aber auch die PC-Freaks, die allein in ihrem Zimmer vor dem Bildschirm sitzen, nahm Fatih Cevikkollu aufs Korn. „Wer Facebook für ein soziales Netzwerk hält, für den ist der Griff in die Steckdose eine Wellness-Kur!“ Von Wellness zur Mode war nur ein kleiner Schritt. Die aber wird von Homosexuellen dominiert. Mit denen haben Türken wie Katholiken zwar keine Probleme, unkte Fatih Cevikkollu, „aber ihnen ist leider egal wie Frauen aussehen!“
Satirisch-versöhnlich verteidigte er dagegen die Lachnummer-FDP von Bürderle und Westerwelle, die er als guter Deutscher natürlich nie gewählt hat. Aber Witze sollte man über die Liberalen wirklich nicht mehr machen, da dies gleichbedeutend mit Kinder-Schubsen sei, erklärte er mit diabolischem Grinsen. Ja sogar an Berlusconi fand der Kabarettist noch ein gutes Haar, auch wenn er sich nicht sicher war, ob das echt ist. Und natürlich spielt auch die Integration eine Rolle im Programm des kölschen Deutsch-Türken. „Gestern noch Kümmeltürke, heute schon Topterrorist, was ist da passiert?“, fragte er sich. Klar, dass da Horst Seehofer versichert habe, bis zur letzten Patrone gegen Zuwanderung zu kämpfen. Aber was war denn da noch vor dem Besuch von Recep Tayyip Erdogan in Deutschland, als viele Plakate mit türkischen Texten zu sehen waren? Fatih Cevikkollu konnte die Aufregung immer noch nicht verstehen. „Wie, Ihr sprecht wirklich noch kein Türkisch? Wie lange leben wir denn jetzt schon hier bei Euch?“, fragte er zur Gaudi des Publikums in der Oberen Burg, das er zwei Stunden lang fest im Griff hatte.
Beschwichtigende Gesten hatte der deutsch-türkische Kabarettist nicht nötig.
