Leierkastenspieler aus ganz Deutschland kamen nach Linz
Von Gräueltaten und Frauenzimmern
Linz. Fest in der Hand von Leierkästen war die Bunte Stadt am Rhein in der Bunten Woche beim 31. Internationalen Drehorgelfest, mit dem Linz wie üblich seinen jährlichen Veranstaltungsreigen eröffnete. Begrüßt wurden die Musikanten auf dem Marktplatz vor dem historischen Rathaus vom Beigeordneten Karl-Heinz Wölbert, der Stadtbürgermeister Hans Georg Faust vertrat und dabei bewies, dass auch er den Dreh raus hat. Er entlockte einem der Instrumente schwungvoll den „Frühling“ von Antonio Vivaldi. „Da können wir nur hoffen, dass das Wetter auch so sonnig-frühlingshaft bleibt wie im Moment“ , wünschte sich Siggi Filter, der die Organisation und Koordination des Festes zusammen mit Stadtmanager Thomas Herschbach von der Linzer Tourist-Information übernommen hatte. Wie Werner Schnell aus Weingarten an der oberschwäbischen Barockstraße ist der Kölner als einer der beiden „Bibis“ von Beginn an dabei. „Linz hat gerufen und wir sind natürlich gerne gekommen. Allein schon die Kulisse dieser Stadt ist traumhaft, in die wir uns nicht nur nahtlos einpassen, sondern in der wir auch als Freunde unter Freunden immer herzlich aufgenommen werden“, so Siggi Filter.
Bunt und vielfältig
Hildegard Knef habe zwar gesungen: „Lieber Leierkastenmann, fang noch mal von vorne an“, heute gebe es aber auch viele Frauen unter den Drehorgelspielern, versicherte er. Geändert habe sich auch das Repertoire. Zwar würden viele Leute noch Hildegard Knefs Vorliebe für nostalgische Melodien des Zille-Mileus und der Berliner Roaring Twenthies teilen, erklingen würden aber neben Klassik und Jazz auch aktuelle Schlager und rheinische Karnevalsmusik. „Bunt und vielfältig spiegelt das Drehorgelfest genau das wider, was unsere schöne Stadt auszeichnet. In einem Radius von 100 Kilometern gibt es nichts Vergleichbares“, schwärmte Karl-Heinz Wölbert von dem Linzer Drehorgelfest, bevor er das Kommando gab: „An die Schwengel – fertig – los!“ Und schon machten sich die Drehorgelspieler auf, sich mit ihren Instrumenten über die gesamte Altstadt vom Rheintor über den Buttermarkt bis hinauf zum Neutor zu verteilen, wobei die Instrumenten-Wagen mit ihren Blattfedern und den eisenbereiften Holzspeichenrädern so über das Kopfsteinpflaster ratterten, dass die kleinen Zigeuner oder Affen, die Zuhörer um Spenden baten, aus dem eifrigen Nicken gar nicht mehr herauskamen.
Die „Gräueltaten“ des Schinderhannes
Ob Melodien in Dur oder Moll ohne jeden falschen Ton erklangen, entschieden der Drehorgelspieler nur durch die Wahl des jeweiligen Liedes, nach der sie nur noch die Geschwindigkeit per Kurbel im Griff hatten. „Rosamunde, schenk mir dein Herz und sag ja!“, forderte ein Sänger an der Einmündung der Strohgasse in die Rheinstraße, der seine Drehorgelspielerin auf dem Akkordeon unterstützte. Genau davor, leichtfertigen Gesellen auf den Leim zu gehen, warnte der Moritatensänger auf dem Burgplatz eindringlich, erzählte er doch nicht nur vom „großen Grubenunglück“ oder von dem schönsten Mädchen Namens Lieschen, auch von den „Gräueltaten“ des Schinderhannes. Immer wieder ließ er „Die gar schaurige Moritat des Schusters aus Treuenbrietzen“, dem treulosen Gesellen erklingen, erinnerte an das Schicksal der tugendhaften Susanne voller Güte, und an Sabinchen, dem „Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft“: „Drum ihr Mädchen lasst euch warnen, traut den Männern nicht. Denn sie woll`n euch nur verführen, weiter woll`n sie nichts!“ Trotzdem gingen am Wochenende nicht nur unternehmungsfreudige Wanderinnen einem Drehorgelspieler auf den Leim, der sie erfolgreich animierte, mit ihm das lustige Zigeunerleben „Faria, faria ho“ zu besingen und zu genießen. Dabei verabschiedet er sich wie sein Kolleg auf dem Marktplatz entweder wehmütig von seinen Fans und der Bunten Stadt mit „Time to say good bye“ oder aber auf typisch Kölsch mit „Bye bye my love, maach et jot bis zom nächste Mol!“
Das „Schifferklavier“ erweis sich als die adäquate Begleitung für die „Orgel des kleinen Mannes“, "der" heute auch eine Frau sein kann.
