Allgemeine Berichte | 18.11.2015

Unkeler gedachten der Opfer der Reichspogromnacht vor 77 Jahren

Wider Vergessen und Diskriminierung

Der Klarinettist Selcuk Sahinoglu gestaltete die Gedenkveranstaltung mit Synagogal-Melodien. DL

Unkel. „Hier stand die Synagoge, eingeweiht am 28. August 1874, zerstört in der Zeit der Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger am 10. November 1938. Wir vergessen nicht!“ So lautet der Text der Gedenktafel aus dem Jahr 1985 an der Ecke FreiligrathStraße/Am Graben, dem ehemaligen Standort des jüdischen Gotteshauses in Unkel. Bereits zum sechsten Mal in Folge hatte die Stadt dorthin am Abend des Tages eingeladen, an dem 1938 die Synagoge in Brand gesetzt worden war, um des Pogroms zu gedenken. Vor elf Jahren hatte Ester Kottscheid, die mit ihrem Mann Gottfried Herkenrath den „Initiativkreis“ ins Leben gerufen hat, erstmals in Unkel der Reichs-Pogromnacht an der kleinen Gedenktafel gedacht, bevor der Geschichtsverein die Organisation dieser Veranstaltung bis 2010 übernommen hatte.

„Ich freue mich, dass so viele heute zu der Gedenkfeier gekommen sind, weil Sie damit zeigen, dass es Ihnen ein Anliegen ist, diese Phase der deutschen und der Unkeler Geschichte nicht zu vergessen“, so Stadtbürgermeister Gerhard Hausen in seiner Begrüßung.Das vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gesteuerte Pogrom, in dessen Verlauf in Deutschland rund 26.000 Juden verschleppt, 400 bis 600 Juden ermordet und über 7.000 Geschäfte und Kaufhäuser jüdischer Inhaber geplündert wurden, sei propagandistisch als „spontaner, ja gerechter Volkszorn“ dargestellt worden, als „verständliche Reaktion“ auf die Ermordung des deutschen Legationssekretärs Eduard vom Rath in Paris am 3. November durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan. Die Reichspogromnacht, früher verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt, markiere dagegen vielmehr als Fanal den Übergang vom systematischen Diskriminieren deutscher Juden schon seit 1933 zur endgültigen Vernichtung jüdischer Menschen in Europa. „Mit dieser Gedenkfeier wider das Vergessen wenden wir uns gleichzeitig auch gegen Antisemitismus, Fremdenhass und Rassismus, aber auch gegen irrationale Islamfeindlichkeit. Sie setzen damit also auch ein Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung, Toleranz und Frieden zwischen verschiedenen Kulturen und Völkern, Religionen und Konfessionen“, schloss Hausen seine Begrüßung.

Der Intoleranz keinen Vorschub leisten

„Wir vergessen nicht! An diese, auf der Gedenktafel getätigte Zusage müssen wir uns halten. Sie darf nicht zu einer losen Phrase werden, sonst wird mit Unwissenheit und Geschichtslosigkeit den besten Voraussetzungen für Intoleranz Vorschub geleistet“, mahnte Gottfried Herkenrath. Hunderttausende hätten vor 77 Jahren tatenlos zugeschaut, als einige „arische Herrenmenschen“ Verbrechen begangen hätten. „Auch in Unkel hat die Synagoge gebrannt. Mindestens zwei Männer, die in Unkel bekannt waren, haben sie angesteckt“, erinnerte er. Immerhin hatten sich die beiden den Schlüssel für das Gebäude von Julie Levy, der Frau des Synagogen-Vorstehers Jonas Levy, aushändigen lassen, die gegenüber in dem Haus wohnte, in dem seit Jahren Friederike und Peter Boelke leben, die sich auch bei der Gedenkfeier engagieren.

1863 hatten sich die kleinen jüdischen Gemeinschaften von Unkel, Scheuren, Rheinbreitbach sowie Heister und Erpel zu einer Spezialgemeinde zusammengeschlossen, die mit der relativ großen Gemeinde Linz eine Synagogengemeinde bildete. Zwar soll es in Unkel schon seit „Urzeiten“ ein „Betlocal“ gegeben haben, den Antrag auf den Bau einer würdigen Synagoge stellte Simon Meyer aber erst im September 1869 im Gemeinderat, der dieses Projekt genehmigte. „Knapp fünf Jahre später, am 21. August 1874 wurde die Synagoge geweiht, bevor dieses Ereignis dann an den folgenden zwei Tagen rund um ein Zelt auf der Gemeindebleiche zwei Tage lang gefeiert wurde“, erinnerte Gottfried Herkenrath an das harmonische Zusammenleben von Juden und Christen Ende des 19. Jahrhunderts.

Einsatz für freie Entfaltung ohne Diskriminierung

Das änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Aber auch heute tritt Antisemitismus wieder offen zutage, oft verbrämt als Kritik an der Sicherheitspolitik Israels“, konstatierte Herkenrath. Parallel dazu machten sich hasserfüllte Strömungen in Deutschland breit gegen jene, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft gerechnet würden. „Setzen wir uns dafür ein, das auch Minderheiten bei uns ohne Diskriminierung leben und sich frei entfalten können“, forderte er die Teilnehmer an der Gedenkfeier auf, bevor sich diese zum jüdischen Friedhof aufmachten, um auch dort der jüdischen Bürger der Stadt zu gedenken.

Der Klarinettist Selcuk Sahinoglu gestaltete die Gedenkveranstaltung mit Synagogal-Melodien. Foto: DL

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare

Immer mehr Vandalismus in Bad Neuenahr-Ahrweiler

  • Jürgen Stark : Diejenige, die es betrifft lesen den Artikel eh nicht und es ist ihnen egal.
  • Efstratios Stratos Voutsidis : Ich wünsche Frau Bierstedt auch alles Gute in ihrer alten Heimat,sie war und ist eine tolle frau. Alles gute für sie und gesundheit. Viele Grüße
  • Christian Vogel: Der Bereich muss raus aus Koblenz! Neues Umfeld, neues Personal und dichter h heran an die wichtigen Entscheidungsträger. Bonn, Koblenz und die Rhein-Schienen als solches sind Geschichte und wurden...
Dauerauftrag 2026
Pädagogische Pflegerische Gruppenleitung
Innovatives rund um Andernach
Anzeige Show Alive
Kirmes in Weißenthurm
Kirmes in Weißenthurm
Innovatives rund um Andernach
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0313#
Hafenkonzert Brohl
Empfohlene Artikel
Symbolbild.  Foto: ROB
42

Rheinbrohl. Im Zeitraum zwischen dem 21.04.2026 und dem 19.05.2026 entwendeten bislang unbekannte Täter aus einem Rohbau in der Hilgersstraße in Rheinbrohl mehrere Paletten mit Fliesen, Spezialkleber sowie diverse Werkzeuge. Nach bisherigen Erkenntnissen dürfte zum Abtransport des Diebesguts ein größeres Fahrzeug genutzt worden sein.

Weiterlesen

Symbolbild.  Foto: ROB
110

Neuwied. Am Morgen des 20.05.2026 wurde der Polizeiinspektion Neuwied eine Verkehrsunfallflucht in der Weiser Straße im Neuwieder Stadtteil Engers gemeldet. Nach bisherigen Erkenntnissen beschädigte ein bislang unbekanntes Fahrzeug, das in Fahrtrichtung Rhein unterwegs war, vermutlich in den frühen Morgenstunden einen in Höhe der Hausnummer 19 abgestellten Pkw. Dabei wurde der linke Außenspiegel des geparkten Fahrzeugs erheblich beschädigt.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild. Foto: pixabay.com
359

Auch Autoinsassen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden

22.05.: Frontalcrash zwischen PKW und Motorrad: Motorradfahrer wird schwer verletzt

Zimmerschied. Am Freitag, den 22.05.2026 gegen 19:10 Uhr, kam es auf der L330 zwischen Zimmerschied und Welschneudorf zu einem Verkehrsunfall mit einem schwerverletztem Kradfahrer. Nach bisherigem Kenntnisstand kam ein Kradfahrer in einer scharfen Rechtskurve in den Gegenverkehr und kollidierte dort mit einem entgegenkommenden PKW.

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: pixabay.com
74

Bonn. Die Bonner Polizei sucht Zeugen eines Verkehrsunfalls, der sich am Mittwochmorgen (20.05.2026) gegen 07:20 Uhr im Bonner Stadtteil Tannenbusch ereignet hat. Ein zwölfjähriger Junge fuhr auf seinem Fahrrad zur Schule, als er an der Oppelner Straße die Straße überqueren wollte. Hier wurde er von einem Auto erfasst und stürzte zu Boden. Der Autofahrer erkundigte sich zunächst nach dem Wohlbefinden des Zwölfjährigen, der angab keine Hilfe zu benötigen.

Weiterlesen

A3: Gefahr durch Fahrzeugteile auf allen Fahrstreifen
115

Diez/Limburg. Auf der A3 in Fahrtrichtung Frankfurt besteht aktuell Gefahr durch mehrere Fahrzeugteile auf allen Fahrstreifen. Die Fahrzeugteile befinden sich zwischen der Anschlussstelle Diez und der Anschlussstelle Limburg-Nord. Dies meldet der ADAC. BA

Weiterlesen

Dauerauftrag
"Harald Schweiss"
Gesundheitsmagazin im Kreis Ahrweiler
Gesundheitsmagazin im Kreis Ahrweiler
Gesundheitsmagazin im Kreis Ahrweiler
Kirmes in Weißenthurm
Koblenzer Fashion Show
Vorabrechnung, Nr. AF2025.000354.0, Mai 2026
Koblenz Fashion Show
Media-Auftrag 2026/27
Mitarbeiter/in Patientenanmeldung
Titel
Tag der offenen Tür der FFW Oberwinter, 30.05.26
Tag der offenen Tür der FFW Oberwinter, 30.05.26
Anzeige KW 21
Titelanzeige