Unkeler gedachten der Opfer der Reichspogromnacht vor 77 Jahren
Wider Vergessen und Diskriminierung
Unkel. „Hier stand die Synagoge, eingeweiht am 28. August 1874, zerstört in der Zeit der Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger am 10. November 1938. Wir vergessen nicht!“ So lautet der Text der Gedenktafel aus dem Jahr 1985 an der Ecke FreiligrathStraße/Am Graben, dem ehemaligen Standort des jüdischen Gotteshauses in Unkel. Bereits zum sechsten Mal in Folge hatte die Stadt dorthin am Abend des Tages eingeladen, an dem 1938 die Synagoge in Brand gesetzt worden war, um des Pogroms zu gedenken. Vor elf Jahren hatte Ester Kottscheid, die mit ihrem Mann Gottfried Herkenrath den „Initiativkreis“ ins Leben gerufen hat, erstmals in Unkel der Reichs-Pogromnacht an der kleinen Gedenktafel gedacht, bevor der Geschichtsverein die Organisation dieser Veranstaltung bis 2010 übernommen hatte.
„Ich freue mich, dass so viele heute zu der Gedenkfeier gekommen sind, weil Sie damit zeigen, dass es Ihnen ein Anliegen ist, diese Phase der deutschen und der Unkeler Geschichte nicht zu vergessen“, so Stadtbürgermeister Gerhard Hausen in seiner Begrüßung.Das vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gesteuerte Pogrom, in dessen Verlauf in Deutschland rund 26.000 Juden verschleppt, 400 bis 600 Juden ermordet und über 7.000 Geschäfte und Kaufhäuser jüdischer Inhaber geplündert wurden, sei propagandistisch als „spontaner, ja gerechter Volkszorn“ dargestellt worden, als „verständliche Reaktion“ auf die Ermordung des deutschen Legationssekretärs Eduard vom Rath in Paris am 3. November durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan. Die Reichspogromnacht, früher verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt, markiere dagegen vielmehr als Fanal den Übergang vom systematischen Diskriminieren deutscher Juden schon seit 1933 zur endgültigen Vernichtung jüdischer Menschen in Europa. „Mit dieser Gedenkfeier wider das Vergessen wenden wir uns gleichzeitig auch gegen Antisemitismus, Fremdenhass und Rassismus, aber auch gegen irrationale Islamfeindlichkeit. Sie setzen damit also auch ein Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung, Toleranz und Frieden zwischen verschiedenen Kulturen und Völkern, Religionen und Konfessionen“, schloss Hausen seine Begrüßung.
Der Intoleranz keinen Vorschub leisten
„Wir vergessen nicht! An diese, auf der Gedenktafel getätigte Zusage müssen wir uns halten. Sie darf nicht zu einer losen Phrase werden, sonst wird mit Unwissenheit und Geschichtslosigkeit den besten Voraussetzungen für Intoleranz Vorschub geleistet“, mahnte Gottfried Herkenrath. Hunderttausende hätten vor 77 Jahren tatenlos zugeschaut, als einige „arische Herrenmenschen“ Verbrechen begangen hätten. „Auch in Unkel hat die Synagoge gebrannt. Mindestens zwei Männer, die in Unkel bekannt waren, haben sie angesteckt“, erinnerte er. Immerhin hatten sich die beiden den Schlüssel für das Gebäude von Julie Levy, der Frau des Synagogen-Vorstehers Jonas Levy, aushändigen lassen, die gegenüber in dem Haus wohnte, in dem seit Jahren Friederike und Peter Boelke leben, die sich auch bei der Gedenkfeier engagieren.
1863 hatten sich die kleinen jüdischen Gemeinschaften von Unkel, Scheuren, Rheinbreitbach sowie Heister und Erpel zu einer Spezialgemeinde zusammengeschlossen, die mit der relativ großen Gemeinde Linz eine Synagogengemeinde bildete. Zwar soll es in Unkel schon seit „Urzeiten“ ein „Betlocal“ gegeben haben, den Antrag auf den Bau einer würdigen Synagoge stellte Simon Meyer aber erst im September 1869 im Gemeinderat, der dieses Projekt genehmigte. „Knapp fünf Jahre später, am 21. August 1874 wurde die Synagoge geweiht, bevor dieses Ereignis dann an den folgenden zwei Tagen rund um ein Zelt auf der Gemeindebleiche zwei Tage lang gefeiert wurde“, erinnerte Gottfried Herkenrath an das harmonische Zusammenleben von Juden und Christen Ende des 19. Jahrhunderts.
Einsatz für freie Entfaltung ohne Diskriminierung
Das änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Aber auch heute tritt Antisemitismus wieder offen zutage, oft verbrämt als Kritik an der Sicherheitspolitik Israels“, konstatierte Herkenrath. Parallel dazu machten sich hasserfüllte Strömungen in Deutschland breit gegen jene, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft gerechnet würden. „Setzen wir uns dafür ein, das auch Minderheiten bei uns ohne Diskriminierung leben und sich frei entfalten können“, forderte er die Teilnehmer an der Gedenkfeier auf, bevor sich diese zum jüdischen Friedhof aufmachten, um auch dort der jüdischen Bürger der Stadt zu gedenken.
