Gedenkplatte mit nachträglich bekannt gewordenen Nazi-Opfern wurde ergänzt
Eine würdige Stätte der Erinnerung auf dem alten Friedhof
Kottenheim. Den Opfern der beiden Weltkriege wird in Kottenheim in der Gedächtniskapelle auf dem alten Friedhof an der Kirche gedacht. Das imposante, elf Meter hohe Bauwerk im romanischen Stil, welches in der näheren Umgebung wohl einzigartig sein dürfte, wurde nach dem Ende des ersten Weltkriegs 1922 damals nicht ohne widrige Voraussetzungen und Rückschläge errichtet. Da die gespendeten Gelder infolge der Inflation alsbald wertlos waren, stellten die im Ort ansässigen Grubenbesitzer alle Naturbausteine aus Basaltlava und Tuff kostenlos zur Verfügung. Die Einweihung erfolgte 1924 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.
1954/1955 trug man die zahlreichen Opfer des zweiten Weltkrieges aus dem Dorf einschließlich der damals bekannten hiesigen elf deportierten Juden sowie die Bombenopfer vom Januar 1945 in der Hochstraße in Namenstafeln nach. Spätere Recherchen brachten jedoch weitere Naziopfer in Erinnerung; die Gemeinde Kottenheim ließ im zeitlichen Abstand zwei entsprechende Tuffsteintafeln von Bildhauer Albert Schmitz + anfertigen. Nach und nach sind dann erneut bisher unbekannte oder im Laufe der Jahre vergessene Opfer aus der Zeit des Dritten Reiches mit Bezug zu Kottenheim bekannt geworden, sodass jetzt eine erneute Ergänzungstafel von Bildhauer Ralf Bell-Schäfgen im Auftrag der Gemeinde gestaltet wurde. Wer waren nun die Personen, deren Namen jetzt in Stein gemeißelt ebenfalls die Erinnerung an sie und ihren Leidensweg wachhalten sollen?
Wilhelm Kahn, ein Bruder der beiden in Theresienstadt ermordeten Kottenheimer Juden Sophie und Hermann Josef Kahn, lebte bis zu seiner Deportation in Koblenz; hier unterhielt er eine Mehlgroßhandlung. Obwohl er Soldat im 1. Weltkrieg war, hatten die Nazis keine Scheu ihn und seine aus Kruft stammende Ehefrau nach Sobibor zu deportieren und dort umzubringen. Die beiden Kinder reisten noch rechtzeitig nach England aus.
Johanna Kaufmann geb. Gottschalk, eine Schwester des Kottenheimer jüdischen Metzgers Benny Gottschalk, genannt „Jüde Benny“, unterhielt zunächst mit ihrem Mann ebenfalls eine Metzgerei in Ediger an der Mosel, später dann in Koblenz-Metternich. Von hier aus wurden auch sie nach Izbica/Polen deportiert. Mehre Kinder konnten sich durch eine rechtzeitige Ausreise vor den Nazis retten.
Carl Montebaur und Wilhelm Labonte waren einige Jahre vor ihrer Ermordung in Hadamar im Rahmen der sogenannten Euthanasie Patienten in der Provinzial-Nervenanstalt in Andernach. Carl hatte als junger Soldat im ersten Weltkrieg schreckliche Dinge erlebt, die er in einem Tagebuch festhielt. Nach seiner Rückkehr erkrankte er vermutlich an posttraumatischen Störungen. Dann war da noch der aus Kottenheim stammende Anton Pickel, der im ersten Weltkrieg in britische Gefangenschaft geriet, danach eine Engländerin heiratete, später dann als politisch Verfolgter in Köln verhaftet und ins KZ Buchenwald eingeliefert wurde. Dort verstarb er schon nach acht Tagen an Entkräftung und vermutlich infolge vorher erlittener Strapazen.
Am kommenden Volkstrauertag besteht die Möglichkeit, in der dann offenen Gedächtniskapelle auch der ehemaligen Opfer auf der neu errichteten Tafel zu gedenken.
Nun wurde die Gedenkplatte mit nachträglich ergänzt.
