Aus der Geschichte Mayens
Als Nachtwächter die Städte bestreiften
Rechtzeitig Feuergefahren entdecken und Diebstähle verhindern war ihr Auftrag
Mayen/Kottenheim. Wenn jetzt in der dunklen Jahreszeit in einigen Städten mit noch erhaltener mittelalterlicher Bebauung zur touristischen Attraktion ein Nachtwächter mit Hellebarde in den frühen Abendstunden durch die Straßen geht, an herausragenden Punkten Erläuterungen gibt und zur vollen Stunde sein Horn erklingen lässt, so mag dies nostalgische Gefühle an die sogenannte „gute alte Zeit“ wecken. Doch damals, als die Städte sich mit Mauern und Toren u.a. vor unerwünschten Besuchern schützten, waren die Nachtwächter Teil der Sicherheitsvorkehrungen, also eine Art präventiv polizeiliche Gefahrenabwehr.
Aus dem damals kleinen, überschaubaren Mayen des 16. Jahrhunderts ist eine städtische Dienstanweisung für die Nachtwächter aus 1568 erhalten, die von Fridolin Hörter (Heimatforscher und langjähriger Betreuer der Bücherei des GAV Mayen sowie des Eifelvereins) vor Jahren erläutert und verständlich gemacht wurde. Hörter ergründete in der alten Anweisung die angegebenen Örtlichkeiten und beschrieb sie mit den heute auch nicht mehr jedem Mayener bekannten städtischen Punkten: „Die Streife des Nachtwächters begann am Markt an der Spillhaustreppe. Das Spillhaus war ein Tanzlokal und stand in Höhe des inzwischen geschlossenen Kaufhofes (Ecke Markt - Töpferstraße). Den Markt herunter ging der Gang an die „Wegscheit bey den Hirtz“, das ehemalige Kaiserseck (Ecke Markstraße - Göbelstraße - Neustraße). Weiter durch die Marktstraße bis an die „Stedbach an Pangratius Haus“ (ehemals Scharfeck, heute Marktstraße - Brückenstraße). Weiter die Brückenstraße herunter „an den Kreuzwehrpütz“ (an der Kreuzung Brückenstraße, Im Keutel, Im Wasserpförtchen stand früher wohl mitten in der Straße eine Wasserpumpe). Danach ging der Nachtwächter weiter die Stehbachstraße hinauf an das „Spitall“ (Ecke Göbelstraße) und weiter bis Ecke „Duppengass“ (Töpferstraße), wo er letztmalig in sein Horn blies und die Stunde ausrief. Anschließend musste er noch weiter zum Obertor und dort nachsehen, ob der Stadtknecht auch auf seinem Posten war.“
Da der Südostteil der Stadt - so Hörter - noch bis etwa 1800 kaum bebaut und dort fast nur Gärten waren, wurden also im Rundgang der Nachtwächter die Bäckerstraße, Neustraße, Entenpfuhl und Im Keutel nachts nicht bestreift. Der Nachtwächter hatte im Winter ab 20 bis 5 Uhr, im Sommer von 21 bis 3 Uhr seinen Dienstgang zu verrichten.
Nach einer Anordnung aus den 1780er Jahren von Kurfürst und Trierer Bischof Wenzeslaus war in seinen Kurlanden ein Polizei-Corps ermächtigt, in den Städten und Dörfern diejenigen zu überprüfen, die mit solchen Nachtwächter-Funktionen betraut waren: „Dem zufolge hat das Polizei-Corps von Zeit zu Zeit sich zu überzeugen, ob die von Unsern höchsten Kurvorfahrern her schon längst bestehende Verordnungen über die in Städten und Dörfern zu haltende, der öffentlichen Wohlfahrt sowohl bei Feuersgefahren, als Diebsversuchen so zuträgliche Tags- und Nachtwachten und zwar durch diensttaugliche Leute gehörig versehen werden, und jede desfalsige, zu seiner Wissenschaft gedeihende Unterlassung alsbald dem betreffenden Beamten zur ohnnachsichtlichen Ahndung anzuzeigen.“ Daraus ist also schlüssig zu folgern, dass die Kommunen verpflichtet waren, Nachtwachen in ihren Straßen durchführen zu lassen. Die Hauptgefahr dürfte insbesondere in den Dörfern mit ihren strohbedeckten Hausdächern das Ausbrechen von Bränden gewesen sein. Denn wenn ein Feuer ausbrach, griff es oft auf die anrainenden Häuser über; vielfach wurden ganze Straßenzüge durch Brände vernichtet.
Dank des Haushaltsplanes von 1858 der Stadt Koblenz ist zu erkennen, dass es dort einen weit größeren Bedarf für eine nächtliche Bewachung gab. Man beschäftigte in dieser Zeit zwei Turmwächter, die jährlich 50 Taler erhielten. Dann gab es einen Nachtwachtmeister als Vorgesetzter von 14 „wandelnden Nachtwächtern“. Während der Vorgesetzte in den Wintermonaten pro Nachtdienst 10 und im Sommer 9 Silbergroschen verdiente, erhielten die auf Streife befindlichen Nachtwächter im Winter 8 und im Sommer 7 Silbergroschen (bis 1907 war der Taler die deutsche Währung. Ein Taler = drei Mark, ein Silbergroschen = 1/30 Taler).
Im Dorf Kottenheim waren selbstverständlich in früherer Zeit auch Nachtwächter angestellt. Der abgelichtete Nachtwächter aus Kottenheim ist leider selbst von den ältesten Mitbürgern nicht namentlich zu identifizieren; er könnte aber nach seinem Aussehen für eine moderne Hobbit-Verfilmung Pate gestanden haben. Vermutlich ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts die vakante Nachtwächter-Stelle neu durch einen Polizeidiener - und damit für eine über die Nachtwache hinausgehende polizeiliche Tätigkeit - besetzt worden. Die Presse berichtete im Juli 1900: „Die von der Aufsichtsbehörde in Anregung gebrachte Vermehrung der Polizeibeamten veranlaßte unsern Gemeinderath, die Anstellung eines Polizeidieners für den Ort Kottenheim, welcher gleichzeitig die Nachtwache übernehmen soll, zu beschließen. Die Stelle soll sofort ausgeschrieben und möglichst bald besetzt werden.“ Der Bürgermeister Schäfer der Amtsverwaltung Mayen-Land schrieb unmittelbar danach die Stelle aus und animierte „Bewerber von kräftiger, gesunder Körperkonstitution baldigst Gesuche einzureichen“. Frühere Militärangehörige sollten wohl bevorzugt werden.
Eine besondere Notwendigkeit zur nächtlichen Bewachung der Orte entstand überall nach der deutschen Kapitulation im November 1918, als allenthalben Raub und Diebstahl zunahmen; es wurden Bürgerwehren angeordnet.
Darüber wird auch von Lehrer Krupp in der Kottenheimer Schulchronik berichtet: „Jeder Mann zwischen 20 und 50 Jahren wurde dazu verpflichtet, was in Kottenheim noch bis zum 60. Lebensjahr ausgedehnt wurde. Bahnbeamte, Arzt und Geistlicher wurden ausgeschlossen, weil deren Beruf auch Nachtdienst in sich schloß.“ Der Chronist war offenkundig verärgert, denn er hielt weiterhin fest: „Die einzigen Beamten, die nun noch zum Nachtdienst herangezogen werden konnten, waren die Lehrer, die man, zur Ehre der Kottenheimer sei es hier für alle Zeiten verzeichnet, auch nicht davon verschont hat, und so wurden denn die Lehrer Lenzen, Keil und meine Wenigkeit (Krupp) zu Nachtwächtern von Kottenheim befördert, welches Amt wir in der Nacht vom 20. auf 21. November 1918 zum ersten Male ausgeübt haben.“
Der Begriff Nachtwächter ist heute eher negativ besetzt. „Dau Noahrswächde“ wird hin und wieder als Bezeichnung für einen Menschen benutzt, der nicht erwartungsgemäß reagiert oder als Träumer eingestuft wird. Franz G. Bell
Die Brückenstraße in Mayen, wo der Kreuzwehrpütz stand. Fotos: Archiv Franz G. Bell
