Riedener sucht würdevollen und öffentlich zugänglichen Raum für Fotogedenktafel zum Zweiten Weltkrieg
Gedenktafel auch als Mahnung gedacht
Rieden/Volkesfeld. Als am 23.09.1943 Alois Engel, der Vater von Otmar Engel (76), 32jährig in Kuban/Russland fiel, war die Tragik des Zweiten Weltkrieges in vollem Gange. Damals war nicht absehbar, dass sein Enkel, Mario Engel, 2008, also 65 Jahre später, beginnen würde, die Geschichte(n) der Riedener und Volkesfelder gefallenen Soldaten zu recherchieren. Die Kriegs (kinder)Generation hatte keinerlei psychologische Hilfe, um das Trauma des Krieges zu verarbeiten. Erst die Generation der Babyboomer, die in den 50er- und 60er-Jahre geborenen Kriegsenkel, ist mit dem nötigen Abstand und den Möglichkeiten der neuen Medien in der Lage, sich mit der traumatischen (Familien-) Geschichte auseinanderzusetzen.
Mario Engel machte sich nach eigenen Schicksalsschlägen daran, seine Biografie zu schreiben. Als er sich in diesem Zuge auch mit der Ahnenforschung befasste, stellte er fest, dass neben seinem Großvater weitere sechs Männer seiner Familie nicht aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt waren. So entstand daraus seine Idee, die Gesichter hinter der steinernen Gedenktafel seines Heimatortes ausfindig zu machen. Pater Rainer, der damalige Pfarrer in Rieden, der von der Idee einer Fotogedenktafel begeistert war, ließ ihn über die Öffnungszeiten hinaus, im Kirchenarchiv recherchieren.
Mario Engel, gebürtiger Riedener, hatte schon in Kinder- und Jugendtagen durch das Austragen von Zeitungen und das Ausschellen der Dorfneuigkeiten, einen Draht zu den alteingesessenen Dorfbewohnern, auch seine Eltern sind in Rieden und Volkesfeld sehr verwurzelt; die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für die Recherche war enorm: Viele Bürger aus der Pfarrgemeinde Rieden/Volkesfeld überließen oder liehen Mario Engel verwertbares Foto- und Daten-Material aus der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges. „Ohne die Mithilfe vieler interessierter Bürger hätte ich nicht die 146 Fotos und die dazugehörigen Infos zu allen Soldaten auf der steinernen Gedenktafel zusammentragen können, geschweige denn, die elf weiteren Fotos inkl. der Daten von Verstorbenen, die (noch) nicht auf dem steinernen Denkmal eingemeißelt sind.“ so Engel.
Bis heute hält er es für eine glückliche Fügung, dass es ihm in der Zusammenarbeit mit vielen Leuten gelungen sei, die Schicksale der Gefallenen sichtbar zu machen, die Jüngsten waren erst siebzehn Jahre alt. Er habe das Gefühl, das Projekt wurde bis heute „getragen“ - durch die Kraft der Hinterbliebenen, vielleicht sogar durch die Kraft der verstorbenen Seelen.
Das Handwerk der professionellen Fotobearbeitung sowie das Know-how für die Gesamtgestaltung der Fotogedenktafel hatte Engel auf der Foto-Design-Schule (FDS, Pforzheim) in einer Vollzeitausbildung erlernt. Er organisierte in 2009/2010 drei Ausstellungen für das Dokumentations- und Kunst-Projekt, je eine in der Riedener und Volkesfelder Kirche sowie eine mehrmonatige Ausstellung in der privaten Marienkapelle in Rieden.
Das Interesse der Bevölkerung ist groß
Durch das große Interesse der Bevölkerung an der Fotogedenktafel wurden viele Erinnerungen lebendig - ein generationenübergreifender und emotionaler Austausch wurde dadurch angeregt, ob Firmungsgruppe oder Geschichts-Oberstufenkurs, selbst Grundschüler zeigten sich an der Geschichte ihrer (Ur-)Großväter interessiert. Für das große Engagement und die Mithilfe der Bevölkerung ist Mario Engel sehr dankbar: „Seit März 2012 haben sich über 2.000 Bürger, davon mehr als 650 Riedener und 80 Volkesfelder, aller Altersstufen zwischen 18 und 98 Jahren in die Unterschriftenliste eingetragen, in der sie sich für den Erhalt der Gefallenen-Fotogedenktafel einsetzen.
Auch alle Berufsgruppen sind mit dabei: Azubis, Praktikanten, Studierende, Hausfrauen, Arbeiter, Kaufleute, Handwerker (meister), Künstler, Lehrer/innen, Geistliche, Pflegepersonal/Ärzte, Juristen und Professoren. „Besonders freue ich mich über die vielen Unterschriften von Steinmetzen, denn außer meinem gefallenen Großvater, waren viele der anderen im Krieg gebliebenen Soldaten unserer Pfarrgemeinde Steinmetze. Ebenso haben sich viele Bürger aus den umliegenden Gemeinden, wie Weibern und Mendig, mit ihrer Unterschrift für die Tafel eingesetzt“, so Engel.
Mehr als zwanzig Zeitzeugen, die zum Gelingen der Fotogedenktafel beigetragen bzw. die sich in der Unterschriftenliste eingetragen haben, sind inzwischen verstorben.
Der Mayener Josef Buhr (92), gebürtiger Volkesfelder, ist einer der ältesten ehemaligen Soldaten aus der Pfarrgemeinde Rieden/Volkesfeld. Er war sehr berührt, als er seine drei gefallenen Cousins mit all den ehemaligen Schulkameraden und Altersgenossen auf der Tafel das erste Mal zusammen erblickte, sie alle hatten nicht, wie er, das Glück gehabt, aus dem Krieg bzw. aus der Gefangenschaft heimzukehren.
Mario Engel ist seinen Eltern Luzi und Otmar Engel sowie seiner Ehefrau Rose Merfels sehr dankbar, denn sie haben ihn vom Beginn der Idee über die Recherche und die künstlerische Umsetzung der Fotogedenktafel und anschließend bis heute beim Sammeln der Unterschriften in jeder Hinsicht voll unterstützt. „Ich hatte nach der Krebsdiagnose mit 18 Jahren eine zweite Chance - die Menschen, die im Krieg blieben (bleiben) - hatten (haben) keine zweite Chance“, gibt Mario Engel zu bedenken. Gerade in einer Zeit, in der weltweit NATO-Soldaten in etlichen Krisengebieten eingesetzt, massenhaft Zivilisten in Lebensgefahr, unzählige Asyl suchende und kulturelle Minderheiten auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, muss die 70 Jahre mahnende Erinnerung an all die Schrecken des Zweiten Weltkrieges aufrecht erhalten bleiben, insbesondere im Hinblick auf alle davon Betroffenen, ob als einzelne Person, Familie oder ganze Gesellschaft - dazu kann die Fotogedenktafel beitragen.
Wer hat eine konkrete Idee?
Wer eine konkrete Idee hat, in welchem öffentlichen Gebäude die Fotogedenktafel einen würdevollen Platz finden kann oder wer einen derartigen Platz zur Verfügung stellen möchte (auch außerhalb der Verbandsgemeinde), wird gebeten, sich bis zum 1. Oktober 2015 schriftlich bei Mario Engel, Am Schorenberg 1a, 56745 Rieden oder per E-Mail mariojanusengel@aol.com zu melden.
Die Fotogedenktafel der 157 Riedener und Volkesfelder gefallenen Soldaten soll eine angemessene Bleibe finden - konstruktive Ideen und Vorschläge (auch über die Grenze der Verbandsgemeinde hinweg) wünscht sich Mario Enge.
Der 92-jährige Mayener Josef Buhr (l.), gebürtiger Volkesfelder, ist einer der ältesten ehemaligen Soldaten aus der Pfarrgemeinde Rieden/Volkesfeld. Er war sehr berührt, als er seine drei gefallenen Cousins mit all den ehemaligen Schulkameraden und Altersgenossen auf der Tafel von Mario Engel das erste Mal zusammen erblickte. Foto: privat
