Allgemeine Berichte | 02.12.2025

Demokratie braucht Erziehung

Ein lebendiger Abend mit Nicola Schmidt im Kino Capitol in Montabaur

Afra Schmidt, Nicola Schmidt und Heike Schönborn im Kino Capitol Foto: Olaf Nitz

Montabaur. Bei dem letzten Vortrag von FAKT e.V. in diesem Jahr war das Kino Capitol in Montabaur wieder gut gefüllt, als Nicola Schmidt, Erziehungsexpertin und Bestseller Autorin von ihrem Weg erzählte, Kinder und Eltern mit neuen Augen zu sehen.

Unter dem Titel „artgerecht – wie wir mit einem anderen Umgang mit unseren Kindern die Welt verändern“ berichtete sie von der artgerecht Methode, ihren Familiencamps im Wald und was die Forschung zum gesunden Umgang mit Kindern sagt.

„Wir sind nicht dafür gemacht, zehn Stunden allein mit einem Kind zu verbringen.“

Gleich zu Beginn ihres Vortrags sprach Schmidt über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen moderner Elternschaft: „Wir leben in einer Ausnahmesituation – ohne Dorf, ohne Unterstützung. Kein Wunder, dass Eltern sich manchmal fühlen wie im Überlebensmodus“, erklärte sie. Ihr Appell: zurück zu mehr Gemeinschaft, mehr echter Unterstützung und weniger Perfektionismus.

„Babys kommen mit einer eingebauten Gebrauchsanleitung. Wir haben nur verlernt, sie zu lesen.“

Bindung sei die Grundlage mentaler Gesundheit in der frühen Kindheit, auch wenn sie manchmal unbequem sei. Stillen oder Füttern mit Hautkontakt, Getragen werden und Nähe im Schlaf – all das seien evolutionär verankerte Verhaltensweisen. „Wir haben das aufwändigste von allen Primatenbabys, aber der Aufwand macht uns später vieles leichter“, resümierte Schmidt den aktuellen Stand der Forschung.

„Kleinkinder und Schulkinder brauchen Elementare Erfahrungen und Orientierung“

Im Abschnitt zu Kleinkindern berichtete Schmidt aus ihren Wildniscamps: Kinder bräuchten Feuer, Wasser, Erde, Luft, elementare Erlebnisse. Ein Blick in die Gehirnentwickung zeigte den Zuhörern: Kleinkindgehirne sind hochvernetzt, aber noch nicht effektiv. Daher profitieren sie von ruhigen Erwachsenen – „Folgen vor Führen“ nannte sie den artgerecht-Ansatz. Dabei holt der Erwachsene das Kind in dessen Welt ab, um es dann in seine Welt zu führen: „Kinder sind kompetent, aber nicht erfahren. Sie brauchen uns.“

Sie betonte, dass Orientierung ein menschliches Grundbedürfnis sei: Kinder wollten wissen, was die soziale Regel sei. Autoritative Erziehung – warm, klar, konsistent – bringe nachweislich die mental gesündesten Kinder hervor.

Ihre Beispiele aus dem Alltag – von spontanen Übernachtungsanfragen bis zur „Nudeln-auf-der-falschen-Seite-des-Tellers“-Krise – sorgten für viel Lachen, aber auch für Aha-Momente im Publikum.

Die artgerecht Grundhaltung: Kontakt zuerst

Schmidt stellte die Kernprinzipien der artgerecht Methode vor:

  • Sehen statt bewerten: „Ich sehe dich“ statt eine Bewertung wie: „Gut gemacht!“
  • Folgen vor Führen: Erst Verbindung herstellen, dann leiten
  • Ja-Grenzen und klare Neins: Gefühle akzeptieren, Wünsche würdigen, aber Grenzen setzen
  • Drei Wege bei Grenzüberschreitungen: Nachsicht, gemeinsames Üben oder klares Stopp – je nach Situation
  • Artgerechte Konsequenz: Nur dann „durchziehen“, wenn alle ansprechbar sind – Stress blockiert – auch bei Erwachsenen! – die Lernfähigkeit
  • Die Murmel-Methode: Kinder haben ein begrenztes „Kooperationskontingent“. Zu viele Fragen erschöpfen ihr Gehirn, manchmal müssen Erwachsene für einen sicheren Rahmen sorgen

Immer wieder verwies sie in bewährter artgerecht-Art auf Forschung zu Gehirnentwicklung, Stressregulation und Regulation. Das Projekt der Wissenschaftsjournalistin ist dafür bekannt, sich an aktuellen Studien zu orientieren. Gleichzeitig machte sie Mut: Erziehung müsse nicht perfekt sein – „jeden Tag ein bisschen“ reiche.

Demokratie braucht Erziehung

Zum Abschluss spannte Schmidt wieder den Bogen zur Gesellschaft: „Sicher gebundene Kinder sind weniger anfällig für autoritäre Systeme“, erklärte sie. Deshalb sei Kindererziehung weit mehr als Care-Arbeit – sie sei ein wichtiger Beitrag zur Demokratie, vielleicht sogar der Wichtigste.

„Ihr legt die Grundlage für Menschlichkeit in diesem Land“, sagte sie an das Publikum gerichtet. „Vertraut auf diesen Prozess. Alles wird gut.“

FAKT e. V. hatte diesen Abend im Rahmen seines Engagements für Demokratie, Vielfalt und Menschlichkeit organisiert.

Als Teil einer Reihe von Veranstaltungen, die das Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft stärken, stand dieser Abend exemplarisch für das, was FAKT e. V. ausmacht: Räume zu schaffen, in denen Menschen sich begegnen – mit Respekt, Offenheit und dem Mut, hinzusehen. So wurde aus der Lesung ein wieder ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und die Handlungsfähigkeit jedes Einzelnen, Teil einer friedvollen und gerechten Welt zu sein. Weitere Termine und Aufzeichnungen der Vorträge finden Sie auf atelierkunstund therapie.de und artgerecht-projekt.de Pressemitteilung FAKT e.V.

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