Rhein Niedrigwasser Lage
Niedrigwasser am Rhein bei Bonn: Auswirkungen auf Schifffahrt und Anleger
aus Unkel
Bonn. Wo vor Wochen noch Wasser gegen die Ufermauer schwappte, liegen jetzt Steine und Unkraut in der Sonne. Der Rhein führt so wenig Wasser wie seit Jahrzehnten nicht - am Bonner Pegel wurden zuletzt rund 64 Zentimeter gemessen. Und trotzdem legen weiße Ausflugsschiffe ab. Man muss nur genauer hinschauen, welche wie weit kommen.
An Bord stehen Kapitäne, die mit dem Strom aufgewachsen sind - manche fahren ihn seit sechzig Jahren. Hochwasser, Niedrigwasser, Normalstand: Sie haben alles gesehen. Man müsse eben mit allem klarkommen, sagen sie beiläufig, das sei nun mal Schifffahrt. Keine Aufregung. Nur Aufmerksamkeit.
Und weil die Zahl regelmäßig für Schrecken sorgt: Ein Pegel von 64 Zentimetern heißt nicht, dass man durch den Rhein waten könnte. Der Pegelstand ist ein Messwert an einem festen Punkt, ein Bezugswert - nicht die Tiefe des Flusses. Wäre er es, könnte kein Ausflugsschiff mehr fahren; das braucht gut anderthalb Meter Wasser unter dem Rumpf. In der Fahrrinne, der Mitte des Stroms, stehen weiter mehrere Meter, und die Wasserstraßenverwaltung hält sie tief genug. Der Rhein ist also niedrig - aber kein Rinnsal.
Welche Anleger fallen – und welche halten
Zum Verhängnis wird der niedrige Pegel deshalb nicht in der Fahrrinne, sondern an den Anlegestellen, wo ein Schiff genug Wasser unter dem Rumpf und Abstand zum Ufer braucht.
Reihum sind sie zuletzt weggefallen: erst Unkel, dann Bad Breisig, dann Bad Honnef - und jetzt auch Bad Godesberg, wo unter der Anlegebrücke nur noch rund ein Meter Wasser steht. Ein Meter reicht nicht.
Was bei einigen Linien noch geht: Alter Zoll und Bonner Bogen, Königswinter, Remagen, Linz. Und fällt ein Anleger aus, steuert man notfalls den eines Kollegen an - in der Schifffahrt hilft man sich. Umgeplant wird also, ja. Aber es wird keine Flotte neu sortiert und kein Betrieb eingestellt. Es wird weitergefahren, nur eben vorsichtiger.
Wer eine Abfahrt verpasst, sollte das übrigens ernst nehmen. Ein Schiff, das einmal abgelegt hat, ist eher mit einem gestarteten Flugzeug zu vergleichen als mit einem Bus, der noch mal eben an die Haltestelle zurückrollt. Zurückkommen, wenden, gegen Strömung und bei wenig Wasser neu andocken - das lässt sich nicht improvisieren.
Warum es auf jeden Zentimeter ankommt
Aufsetzen auf dem Kiesgrund?
Nicht schön, aber verkraftbar - man fährt sich frei oder lässt sich Starthilfe geben. Was nicht passieren darf, ist der Propeller. Eine Reparatur kostet Zehntausende Euro, und die Werften sind bei diesem Wasserstand ohnehin kaum erreichbar. Also überholt niemand mehr so schnell, man liest das Echolot wie einen Puls: mal anderthalb Meter unter dem Rumpf, an heiklen Stellen nur einer.
Zehn Minuten später anzukommen ist da keine Panne, sondern die klügere Entscheidung.
Und je weiter nach Süden, desto ruhiger wird die Lage: Richtung Linz wird der Rhein Stück für Stück tiefer. Ob es an einem Tag bis Koblenz oder gar in die Mosel reicht, bleibt eine Abwägung von Tag zu Tag, von Pegel zu Pegel. Doch genau diese lange Linie ist die schönere - und die, die viele bei der Kurzpendelei zwischen Bonn und Königswinter gerade gar nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Die Belohnung für die, die weiterfahren
Denn hier reiht sich Sage an Geschichte.
Da ist der Drachenfels, an dem der Legende nach Siegfried den Drachen erschlug; Lord Byron besang den Felsen schon 1816 - „the castled crag of Drachenfels“ - und half so, die Rheinromantik zu entfachen. Flussaufwärts grüßt der Rolandsbogen, letzter Rest einer Burg, von dem der Ritter Roland der Sage nach zur Klosterinsel Nonnenwerth hinübergeblickt haben soll; der eingestürzte Bogen wurde 1839 wieder aufgerichtet. In Unkel, der Rotweinstadt, verbrachte Willy Brandt seine letzten Jahre. Bei Remagen ging die Eroberung der Ludendorff-Brücke am 7. März 1945 als „Brücke von Remagen“ in die Geschichte ein; gegenüber ragt die Erpeler Ley mit ihrem alten Tunnel. Und am Ende wartet Linz, „die bunte Stadt am Rhein“, mit ihren Fachwerkgassen.
Die Kehrseite: Was besser unten geblieben wäre
Der zurückweichende Fluss gibt aber nicht nur Aussichten frei.
Der Rhein ist auch ein Archiv, das nur bei Ebbe aufschlägt - und was da hochkommt, ist selten harmlos. Allein am 17. August barg der Kampfmittelbeseitigungsdienst südlich der Konrad-Adenauer-Brücke eine 125 Kilogramm schwere Brandbombe aus dem Wasser und sprengte sie noch am selben Tag kontrolliert, hinter Sandsäcken. Tags zuvor waren weitere Brandbomben aufgetaucht, am Wochenende zuvor eine Panzerfaust. Für jede Sprengung wird ein Radius von 300 Metern gesperrt - und der Schiffsverkehr für die Dauer unterbrochen.
Man sollte das nicht als Kuriosität abtun. Was heute als Routine abgearbeitet wird, war einmal scharfe Munition, und das meiste liegt weiter dort unten, wo wir es sonst nicht sehen. Dass das kein Zufall dieses einen Sommers ist, zeigt der Blick nach Koblenz: Dort wurde 2012 eine gewaltige Luftmine überhaupt erst entdeckt, weil der Rhein Rekord-Niedrigwasser führte. Die Regel für jeden am freigelegten Ufer ist simpel: nicht anfassen, Abstand halten, den Fund melden - und die Arbeit denen überlassen, die es können.
Mit allem klarkommen
Am Ende bleibt die Gelassenheit derer, die seit Jahrzehnten mit diesem Fluss leben.
Ändern lässt sich der Pegel nicht. Also fährt man - langsamer, aufmerksamer, so weit es eben geht. Und wer mitfährt, bis Linz und vielleicht darüber hinaus, der sieht einen Rhein, wie ihn gerade kaum jemand sieht: karg, offen und voller Geschichten, die er sonst für sich behält.
Anleger Nummer 9 in Bonn Foto: Ricardo Kappel
Sprengung am Anleger am Bundeshaus Foto: Ricardo Kappel
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Absperrung vor der Sprengung Foto: Ricardo Kappel