Allgemeine Berichte | 29.11.2012, 13:50 Uhr

In Neuwied herrschte ganz früh Pressefreiheit

Besuch von Top Journalist Heribert Prantl anlässlich 350 Jahre Freiheitsrechte

Über zweihundert Interessierte wollten den Vortrag von Top Journalist Heribert Prantl nicht verpassen.FF
72

Neuwied. Im letzten Akt des großen Jubiläumsjahres, anlässlich der Verkündung des Neuwieder Freiheitsediktes durch Graf Friedrich III zu Wied vor 350 Jahren, widmet sich die Stadt Neuwied der Pressefreiheit. Die ist zwar nicht Inhalt des neun Punkte umfassenden Privilegs, dass der Graf 1662 verkündete, entwickelte sich jedoch in der Folge als Ausdruck des toleranten Klimas in der Stadt. „Das freiheitliche Pressewesen war für etwa zehn bis zwanzig Jahre deutschlandweit und sogar in Teilen Mitteleuropas einzigartig“, erklärte Erhard Jung, Pressesprecher der Stadt Neuwied und Mitglied des Arbeitskreises, der das Jubiläumsjahr in monatelanger Arbeit vorbereitete und durchführte. Gemeinsam mit dem ersten Beigeordneten Jürgen Moritz hieß er den deutschlandweit renommierten Journalisten Prof. Dr. Heribert Prantl im Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeine willkommen. Der Gast hatte sich gut vorbereitet. „Der Neuwieder Anzeiger, der bis ins 18. Jahrhundert verlegt wurde, war die 35. Tageszeitung in ganz Deutschland. In Anbetracht der kleinen Stadt ist das außerordentlich“, erklärte Heribert Prantl. Sehr gern sei er nach Neuwied gekommen, um über Freiheit zu sprechen. In Berlin oder München würde ihm das schwerfallen. Aber Neuwied passe in eine Reihe mit Hambach oder Hof, wo demnächst das erste Denkmal für die Pressefreiheit errichtet wird. Die Pressefreiheit war das Thema, dass das Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, unter den Titel „Sechs Paar Socken für die Freiheit - Wozu der Journalismus gut ist und welche Verantwortung er hat“ stellte. Mit der Systemrelevanz der Banken verkaufte die Politik den Bürgern die Steuermilliarden für die Rettung von Banken nach der Lehmann Pleite 2008. Systemrelevant waren angeblich auch die Autobauer, die in der Folge ins Trudeln gerieten, mit der Abwrackprämie unterstützt wurden aber schon drei Jahre später wieder mit neuen Absatzrekorden glänzten. Wirklich und einzig systemrelevant ist für Heribert Prantl die Presse. Denn die Presse sei ein Garant für die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik. So richtig deutlich sei den Deutschen das bei der Spiegel-Affäre vor 50 Jahren geworden. Seitdem sei die kritische Öffentlichkeit nicht mehr eingeschlafen und die Politik müsse jederzeit mit dem Bürger rechnen. Heribert Prantl erinnerte an die vielen politischen Skandale, die von der Presse aufgedeckt wurden. Er ist überzeugt davon, dass die Publizität des Journalismus wirksamer ist als die Instrumente der Strafgerichtsbarkeit. Heribert Prantl muss es wissen. Bevor er vor 25 Jahren Journalist wurde, war er Richter und Staatsanwalt. Die aktuellen Schreckensnachrichten über das Ende der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau lassen Heribert Prantl zwar nicht kalt, in den Abgesang auf die Printmedien möchte er dennoch nicht einstimmen. Eine Verdrängung durch das Internet und der Blogs sieht er nicht. Ganz im Gegenteil. Das Internet diene der schnellen Vermeldung des Ereignisses. Noch nie lag ein so kurzer Abstand zwischen dem Geschehen und seiner Veröffentlichung. Die Stärke der Zeitungen liege dagegen in der Analyse, Aufbereitung und Einordnung der Geschehnisse. Gerade dies sei in der Flut der Nachrichten wichtig. Handwerkliche Fehler seien bei der Frankfurter Rundschau gemacht worden. Die Gefahr für die Printmedien sieht Heribert Prantl woanders. Ein Verleger sei ein Mensch mit besonderer sozialer Verantwortung. „Wer Geld verdienen will, muss eine Konservenfabrik aufmachen“, meinte der Top-Journalist. Als Beispiel nannte er die Pleiten zahlreicher Zeitungen in den USA, kurz nach den Börsengängen. Ein Verlag lasse sich nicht ausschließlich nach den Regeln der Wirtschaftlichkeit führen. Den Einwand eines Zuhörers, dass den Zeitungen die Leser abhanden kommen, wollte Heribert Prantl nicht gelten lassen. Der Zuhörer untermauerte seine These mit einer spontanen Umfrage, die lediglich drei unter Vierzigjährige im Kirchsaal zutage brachte. Heribert Prantl verwies auf die vielen engagierten, junge Leute und darauf, dass der durchschnittliche Leser der Süddeutschen 50 Jahre alt sei. „Damit verbleiben uns noch dreißig Jahre“, schmunzelte der Festredner. Einig waren sich alle darüber, dass junge Leute wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln müssten, dass gutes Geld kostet. Nicht ausschließen mochte Heribert Prantl, dass irgendwann der Steuerzahler, ähnlich wie bei den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten, einspringt. Er zählte europäische Länder auf, in denen dies der Fall ist. Für den Titel der Veranstaltung „Sechs Paar Socken für die Freiheit“ nahm der ehemalige Staatsanwalt Anleihe in der deutschen Geschichte. „Die Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie“, hatte 1832 ein Journalist beim Hambacher Fest gesagt und war dafür in den Knast gewandert, wo er drei Paar Socken pro Woche stricken musste. „Hätte der Mann gewusst, dass es mal ein Bundesverfassungsgericht gibt, dass die Pressefreiheit schützt, hätte er vor Freude sechs Paar Socken gestrickt“, so Heribert Prantl. Der Journalist sieht übrigens deutliche Parallelen zu seinem früheren Beruf: „Die Unabhängigkeit der Richter ist die Pressefreiheit der Journalisten“. Und: „Es gibt nur einen Beruf, der durch das Grundgesetz Legitimation erfährt“. FF

Besuch von Top Journalist Heribert Prantl anlässlich 350 Jahre Freiheitsrechte

Über zweihundert Interessierte wollten den Vortrag von Top Journalist Heribert Prantl nicht verpassen.Fotos: FF

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Speditions/Industrie/Bürokaufmann-frau // Disponent-in, Wir bieten eine Teilzeitstelle in Bad Breis
Premium Titel - Premium Titel - Bestellung Nr.: 0033096546
Bestellung Nr.: 4300003040-W100-606 - Wärme B2B Q3 im Blick Koblenz
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0605#
Heimat aktiv erleben
05-Marktbericht 2026
Empfohlene Artikel
Das Hinweisschild hat nun in Engers seinen festen Platz.
0

Neuwied-Engers. Der „Martinsweg am Mittelrhein“ ist um ein sichtbares Zeichen reicher: Die Stiftung Sankt Martin Engers hat ein neues Hinweisschild an der historischen Kirche St. Martin angebracht. Kürzlich wurde das Schild im Beisein von Vertreterinnen und Vertretern der Initiative www.martinsweg-am-mittelrhein.de und der Stiftung symbolisch übergeben.

Weiterlesen

0

Neuwied. Mit den IHK-Schulpatenschaften bringt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz seit 2012 allgemeinbildende Schulen und Unternehmen in der Region zusammen. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler frühzeitig bei der Berufsorientierung zu unterstützen und ihnen Einblicke in die betriebliche Praxis zu ermöglichen. Gleichzeitig erhalten Unternehmen die Möglichkeit, Ausbildungsberufe vorzustellen und mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Stolz tragen die Spieler ab sofort die neuen Anzüge, die von Toni Rheinard (rechts im Bild) beim Training überreicht wurden.
0

Tonisport unterstützt die Nachwuchsarbeit des FC Andernach

Neue Trainingsanzüge und Sporttaschen für die D-Jugend

Andernach. Der FC Andernach kann auch in dieser Saison auf starke Unterstützung aus dem Umfeld des Vereins zählen. Die Firma Tonisport bleibt dem Verein weiterhin als Hauptsponsor verbunden und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Nachwuchsmannschaften.

Von Leo Bicvic aus Andernach

Weiterlesen

Schilder weisen auf die Brückensperrung der Horchheimer Eisenbahnbrücke ab dem 26. Oktober hin.
0

Koblenz. Die Horchheimer Eisenbahnbrücke wird ab dem 26. Oktober für den Fußgänger- und Radverkehr gesperrt. Diese Maßnahme dauert voraussichtlich fünf Wochen bis zum 29. November und erfolgt im Rahmen von Arbeiten der Deutschen Bahn zur Korridorsanierung des Rechten Rheinufers.

Weiterlesen