Premiere im Schlosstheater in Neuwied
Die beste Tarnung ist die Wahrheit
„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch mit Martin Semmelrogge
Neuwied. In der Karnevalszeit haben die Rheinländer normalerweise einen vollen Terminkalender, zumal dann, wenn sie Fans des närrischen Humors sind. Für den Theaterbegeisterten gab es am Samstagabend ein Kontrastprogramm vom allerfeinsten: Martin Semmelrogge in „Biedermann und die Brandstifter“. Und darin spielte er nicht etwa den guten Gottlieb Biedermann, sondern natürlich einen der Brandstifter.
Herr Biedermann ist ein guter, wohlsituierter Bürger, der trotz schlechter Nachrichten über Brände in der Nachbarschaft nichts Böses vermutet. „Hauptsache, es ist nicht bei uns“, so seine Meinung und auch die seiner Frau, obwohl diese zumindest misstrauisch zu sein scheint, als sich nacheinander zwei Fremde auf ihrem Dachboden einnisten und sowohl Benzin als auch Zündschnur und Zündkapsel dort deponieren.
Die Feuerwehr beschränkt sich aufs Löschen, und die Polizei interessiert sich lediglich für den Selbstmord eines Angestellten Biedermanns, den dieser entlassen hatte. Und der Philosoph kommt, nachdem er zunächst ignoriert wird, zu spät, um auch nur mahnen zu können.
So kann das Schicksal seinen Lauf nehmen, wie man aus der literarischen Vorlage von Max Frisch weiß.
„Wenn das Unglück zu groß wird, nennt man es Schicksal“
Eine herrliche Rolle für Martin Semmelrogge ist die des zweiten Brandstifters, des ehemaligen Kellners Eisenring. Im labberigen Frack laut und frech leugnet er nicht, ein Brandstifter zu sein, Fässer auf dem Dachboden zu deponieren und die ganze Stadt abbrennen zu wollen. „Die beste Tarnung ist die Wahrheit, die glaubt einem nämlich keiner!“ Sein Kumpel Schmitz ebnet den Weg der Tat als erster Eindringling in das bürgerliche Haus, als Obdachloser, der an das Gewissen des Hausherren appelliert. Er wird sehr überzeugend und schlitzohrig dargestellt von Erwin Kleinwechter. Und Lorenz Schirren als Herr Biedermann – Nomen est Omen – verkörpert den guten Bürger, der am liebsten seine Ruhe hat und Veränderungen hasst, sich nicht exponieren will. Seine Frau Babette wird charakterisiert von Luna Metzroth, immer ein bisschen in Eile, immer ein bisschen misstrauisch. Ihr traut man am ehesten die Aufdeckung des geplanten Verbrechens zu, wird aber enttäuscht, da sie zwar ahnt, aber nicht handelt. Das Dienstmädchen Anna spielt Fabienne Hesse, die stets die Folgen der Taten anderer zu spüren bekommt und gehorcht.
Nicht unwichtig sind auch die „Randgestalten“ des Stückes, Feuerwehrmann, Polizist und Philosoph, die Olaf Böhnert sehr überzeugend darstellt, und die den Zuschauer immer wieder daran erinnern, dass eigentlich etwas passieren müsste. Aber Herr Biedermann hat selbst eine „Leiche im Keller“ in Form des Angestellten Knechtling (!), der sich umbringt, als er entlassen worden ist. Seine Witwe spielt Olga Yakovleva. Nicht lustig, aber passend: Der Kranz, den Biedermanns zur Beerdigung schicken wollen, trägt ihren Namen, und die Rechnung geht an den Untergebenen.
In der Inszenierung von Walter Ullrich präsentiert das Ensemble eine spannende und kurzweilige Verarbeitung eines tiefgründigen Themas. Auf einer Leinwand eingesetzte Computeranimationen und Filme vervollständigen Kulisse und bilden eine eindrucksvolle Untermalung der Geschehnisse und Warnungen vor drohendem Unheil.
Auch wenn Max Frisch, aus dessen Tagebuchnotizen aus den Jahren 1946-49 das Stück entstanden ist, seine Zuschauer nicht „belehren“ wollte, so ist es ihm doch eigentlich gelungen, uns einen Spiegel vorzuhalten. Weder Wegsehen noch blinder Aktionismus taugen zur Bewältigung von Problemen. Und die Brandstifter von damals und heute brauchen – wie in dem Stück auf der Bühne – keine Streichhölzer. Sie bekommen sie von den Biedermännern.
Das Stück wird noch gespielt bis zum 26. Januar, 10. bis 14. Februar und 16. bis 19. Februar. Karten gibt es im Schlosstheater Neuwied, Theaterplatz 3 und unter www. schlosstheater-Neuwied.de
Tel. 02631-22288, montags bis freitags 8-17 Uhr und an der Abendkasse 1 Stunde vor Beginn der jeweiligen Vorstellung.
Die Brandstifter Schmitz und Eisenring haben letztlich Erfolg. Foto Friedhelm Schulz
