Stadt Neuwied lud zu Einwohnerversammlung ein
Überwiegend positive Rückmeldungen
Die ersten Flüchtlinge ziehen in die Raiffeisen-Turnhalle ein
Neuwied. Überwiegend positive Rückmeldungen brachte die Einwohnerversammlung zur Flüchtlingsunterkunft Raiffeisen-Turnhalle. Dass einige Nachbarn aber auch Ängste haben, war nicht zu überhören. Die Stadt Neuwied hatte vergangenen Samstag in die Turnhalle eingeladen. Das Interesse war mit weit über dreihundert Bürgern größer als erwartet und überstieg die Kapazität. Vom Publikum abgelehnt wurde der Vorschlag von Oberbürgermeister Nikolaus Roth, die Veranstaltung im Anschluss zu wiederholen. Die Spannung war einfach zu groß.
Der Oberbürgermeister erklärte eingangs die Hintergründe zur Notunterkunft. Die Kapazität des zentralen Asylbewerberheims in der Hafenstraße sei erreicht. Gleichzeitig sei es nicht mehr möglich, ausreichend dezentrale Unterkünfte zu finden bzw. einzurichten. Er erinnerte daran, dass der Flüchtlingsstrom bislang von der Bevölkerung weitgehend unbemerkt in Wohnungen im gesamten Stadtgebiet geleitet werden konnte. „Wir benötigen ab jetzt aber einen zeitlichen Puffer“, so Roth. Maximal 200 Menschen sollen in der Raiffeisen-Turnhalle unterkommen. Parallel arbeite die Stadt an der Umsetzung eines Containerdorfs für 400 Menschen. Derzeit würden zwei Standorte auf ihre Tauglichkeit überprüft. Unter allen Turnhallen im Stadtgebiet habe sich der Standort im Raiffeisenring als ideal erwiesen. Die große Turnhalle dient als Schlafplatz. Die gegenüberliegende wird zum Aufenthaltsraum und Verpflegungsort umgestaltet.
Containerdorf in Planung
„Lösungen für den Schulsport sind gefunden, für den Vereinssport suchen wir nach Alternativen. Zu Karneval soll das Containerdorf stehen“, versprach der Beigeordnete Michael Mang. Weltweit gebe es 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Für Deutschland rechnet er mit bis zu einer Million. 4,8 Prozent muss Rheinland-Pfalz aufnehmen. 4,5 Prozent davon werden auf den Kreis Neuwied verteilt. Die Stadt Neuwied nimmt dem Kreis wiederum 36 Prozent der Ankommenden ab. Das wären 622 Flüchtlinge für 2015. 267 Menschen sind bislang gekommen. Sechzig Wohnungen wurden angemietet.
Mang erklärte, dass im Raiffeisenring Nationalitäten mit der höchsten Bleibewahrscheinlichkeit unterkommen. Das seien Syrer und Afghanen. Alle seien im zentralen Aufnahmelager registriert und untersucht worden. „Wir gehen langsam und planbar vor“, versicherte der Sozialdezernent. Konkret heißt das, dass die ersten Syrer dieser Tage eintreffen. Bis zum 1. Oktober sollen es 30 Männer und fünf Frauen sein im Alter zwischen 18 und 56 Jahren sowie zwei Jugendliche. In einem ersten Schritt wird die Anzahl der Bewohner auf 100, im zweiten Schritt, im Laufe des Novembers, auf 200 erhöht. Mang berichtete, das die Turnhallen mit Hilfe von Experten und unter Berücksichtigung von Erfahrungen in anderen Städten hergerichtet worden. Grundsätzlich könnten sich die Menschen frei bewegen. Am Standort werde man mit Hilfe zahlreicher Institutionen Freizeitangebote anbieten. Pfarrerin Freyja Eberding berichtete von über 100 Stunden Sprachunterricht, gleich von Anfang an. Die Pfarrerin der evangelischen Friedenskirchengemeinde moderierte die Einwohnerversammlung.
Keine Störenfriede und Stimmungsmacher
Der Ablauf war überraschend ruhig. Störenfriede oder Stimmungsmacher gab es keine. Jede Wortmeldung wurde klar und sachlich von den Experten beantwortet. Als Erster meldete sich ein aus Berlin zugezogener Polizist mit reichlicher Erfahrung mit Flüchtlingsunterkünften zu Wort. Er bezeichnete die Stadt Neuwied als sehr gut vorbereitet. Dann waren es vor allem die Vertreter der Kirchen, die über ihre Angebote informierten. Und zwar in beide Richtungen. Im ehemaligen Hausmeisterbüro hat die Diakonie eine Anlaufstelle für besorgte Bürger eingerichtet. „Wir möchten Fragen und Klagen einen Raum geben“, so Violeta Kunz. Janine Sieben, Elternsprecherin der vis-à-vis befindlichen Kindertagesstätte wollte wissen, wie es sich mit traumatisierten Flüchtlingen und gegenüber spielenden Kindern verhält. Stefan Radermacher vom Amt für Immobilienmanagement versicherte, dass es eine klare Trennung gibt. Für Sicherheit sorge rund um die Uhr ein Wachdienst. Eine Mutter von drei Kindern fragte, wie es generell und speziell bei Nacht um die Sicherheit stehe. Michael Mang berichtete von Regeln für die Bewohner und einer einzuhaltenden Nachtruhe. Mehrere besorgte Nachbarn meldeten sich zu Wort. Polizeihauptkommissar Peter Leinz bemühte die Statistik. Danach gebe es im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften nicht mehr Gewalt als anderenorts. Dennoch sicherte er zu, rund um die Uhr Streife fahren zu lassen. Auch vor dem Hintergrund vor Anschlägen auf die Unterkunft. Zudem würden die Beamten angewiesen, zu Fuß Begehungen zu machen. Im Gegenteil zum „platten Land“ bestünde in Neuwied der Vorteil, dass die Polizei bei Anruf in zwei Minuten vor Ort sei. Lebhaft und aus einer anderen Sicht stellte es eine junge Eritreerin aus eigener Erfahrung dar: „Die Menschen, die hierhin kommen, haben selbst Angst vor dem, was sie erwartet“. Unterschwellig schwang mit, dass die größte Besorgnis den allein reisenden Männern gilt. Hier klärten die Experten auf: Oft handele es sich dabei um Väter, die die lebensgefährliche Reise antreten und ihre Familien in den Camps in der Türkei oder Jordanien in Sicherheit wissen, um sie später nachholen. Weitaus häufiger als die besorgten Bürger meldeten sich die aufgeschlossenen zu Wort. Eine 30-Jährige bot spontan an, Minderjährige bei sich aufzunehmen.
Mit Flüchtlingen wohnen
Ein Rentner schlug vor, Flüchtlinge in Privatunterkünfte zu vermitteln wie nach dem Krieg mit den Ost-Vertriebenen. Mancher Alleinstehende sei dankbar für Gesellschaft und eine helfende Hand. Oberbürgermeister Nikolaus Roth erklärte, dass die Verwaltung diese Vermittlung nicht leisten könne und verwies auf private Initiativen. Beispielsweise das Café Asyl biete die Möglichkeit, Flüchtlinge kennenzulernen und Freundschafen zu knüpfen.
Eine Heddesdorferin wollte wissen, ob Konflikte in der Unterkunft zu erwarten seien. Die Stadtspitze verwies auf den Sicherheitsdienst und die Betreuung durch Sozialarbeiter. Zudem seien die Menschen gleicher Nationalität. Auslöser für Konflikte seien häufig ganz banaler Natur. Die Ansprechpartner sollen die Probleme direkt lösen. Die ärztliche Betreuung sei ebenfalls gesichert. Krankenhaus-Oberin Therese Schneider berichtete, dass im St. Elisabeth Krankenhaus 20 arabisch-sprechende Ärzte und Psychologen zur Verfügung stünden. Um die große Hilfsbereitschaft zu kanalisieren, wurde im Rathaus eine zentrale Koordinationsstelle geschaffen. Kontakt: Tel. (0 26 31) 802 50 50 oder fluechtlingshilfe@stadt-neuwied.de.
Auf dem Podium standen Freyja Eberding, Oberbürgermeister Nikolaus Roth und Beigeordneter Michael Mang Rede und Antwort.
Violeta Kurz von der Diakonie und Pfarrer Detlef Kowalski stellten ihre Angebote vor.
„Auch Flüchtlinge haben Angst vor dem was sie erwartet“, berichtete eine junge Eritreerin aus Erfahrung
