Politik | 01.09.2016

BUND-Experte Klaus Brunsmeier berichtete von ungelösten Problemen bei der Suche von End- und Zwischenlagern

Beim Atommüll ist keine Ent-Sorgung möglich

Nach der Kommission „Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“ folgen nun Gesetzes- und Verwaltungsänderungen – Orte, Zeitpunkte, Verfahren und Kosten sind ungewiss.

Klaus Brunsmeier (2. v.re.) mit Mitgliedern des Bündnis Klimaschutz Mittelrhein.privat

Bendorf. Der Einstieg des Info-Abends „Atommüll – die tickende Zeitbombe“ war überraschend, so manche der anwesenden Aktiven gegen das AKW Mülheim-Kärlich rieben sich die Augen. Brachte der Referent Klaus Brunsmeier, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND und Mitglied der Kommission „Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, doch ein dickes Dankeschön von Umweltministerin Barbara Hendricks mit. „Die Anti-Atom-Bewegung war keine gegen den Staat gerichtete Bewegung. Im Gegenteil: Es waren Freunde des Staates und der Gesellschaft. Weil sie nicht hinnehmen wollten, dass wir alle den Risiken einer zu gefährlichen Art der Energieerzeugung ausgesetzt sind. Sie haben sich um unser Land verdient gemacht!“

Atomausstieg in Raten absehbar

Inzwischen ist ein Atomausstieg auf Raten absehbar, die Sorgen der Umweltbewegung richten sich vermehrt auf den Rückbau der Atomanlagen und eine möglichst wenig unsichere Lagerung der radioaktiven Abfälle. Dass dies angesichts der Gefährlichkeit des Materials und des unvorstellbar langen Zeitraumes von bis zu einer Million Jahren nur mit großen Problemen verbunden ist, war allen klar. Die Brisanz und Ungewissheit des Verfahrens dorthin erschreckte dann doch.

Egbert Bialk, Koblenzer BUND-Vorsitzender und moderierender Gastgeber dazu: „Wieder einmal sind wir entsetzt, wie leichtfertig viele Politiker und Wirtschaftsleute mit dieser schweren Hypothek umgehen, die nachfolgenden Generationen für nur 50 Jahre scheinbar billigen Stromes aufgelastet wurde. Weder ist man bereit den Atomausstieg im Grundgesetz zu garantieren, noch ungeeignete Standorte wie Gorleben auszuschließen, von einer hinreichenden Kostenübernahme durch die Verursacher ganz zu schweigen.“ Bekanntlich sind nur wenige Milliarden Euro bei den Atombetreibern rückgestellt, die herangezogen werden sollen. Brunsmeier rechnet aber mit weit über 70 bis vielleicht 100 Milliarden an Zusatzkosten: „Das bezahlen wir dann alle, auch unsere Kinder und Enkel. Generationengerechtigkeit sieht anders aus.“

Was ist der stand der Dinge?

Immerhin konnte der BUND-Experte etwas Klarheit über den derzeitigen Stand der ins Auge gefassten Gesetze, Orte oder Zeitpunkte vermitteln. Brunsmeier war für die Umweltverbände Mitglied in der 32-köpfigen „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, die Ende Juni mit einem Abschlussbericht das weitere Verfahren regeln sollte. Er berichtete aus erster Hand von den schwierigen Verhandlungen mit Politik und Wirtschaft und den aus seiner Sicht unzureichenden Ergebnissen, weshalb der BUND als einziger auch ein ablehnendes Sondervotum abgab: „Das fängt schon damit an, dass man zunächst einmal offen auf den Tisch legen müsste, um welche Mengen und Arten an Atommüll es sich handelt. Das kam erst sehr spät und blieb bis zuletzt umstritten. Die Prognose für 2022 rechnet mit rund 10.500 Tonnen bestrahlter Brennelemente, die überall in Deutschland an Kraftwerken, in Zwischenlagern oder in Frankreich und England mehr oder weniger gesichert liegen beziehungsweise immer noch durch den laufenden Betrieb täglich neu entstehen. Weitere Altlasten und zu erwartende Müllmengen kommen hinzu: Etwa 147.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktive Abfälle aus dem maroden Bergwerk Asse und voraussichtlich rund 300.000 Kubikmetern aus stillgelegten und rückzubauenden Kraftwerken, vorgesehen für den genehmigten Schacht Konrad in Niedersachsen.“

Noch gar nicht erfasst seien weitere Abfälle, etwa aus der Urananreicherung in Gronau, die noch Jahrzehnte in Betrieb sei und vom Umweltministerium grob auf 100.000 Kubikmeter geschätzt wird, „vielleicht auch das Doppelte, das kann und will niemand sagen“ so Brunsmeier.

Wie geht es weiter?

Das Hauptinteresse, auch bei den zahlreichen Zuhörern und Diskutanten, liegt natürlich beim weiteren Verfahren. Brunsmeier berichtete, dass erreicht wurde, dass eine neue Behördenstruktur eingerichtet wurde, die von den Energieversorgern unabhängig ist. Auch das Standortsuchgesetz soll im Frühjahr 2017 novelliert werden, damit das abgestufte Verfahren zur Lagersuche schrittweise in den nächsten Jahrzehnten angegangen wird.

„Gegen den Druck von Bayern und Sachsen werden jetzt bundesweit doch zunächst alle drei geeigneten Wirtsgesteine untersucht und bewertet: Salz, Ton und Granit. Auch der Schutz durch Deckgebirge geht in die Abwägung mit ein. Ein geologisch absolut sicheres Lagergestein gibt es nicht, nirgendwo in Europa. Es geht nur um die am wenigsten schlechte Entsorgung. Zusätzliche Sicherungen sind deshalb wichtig. Bis zur Einlagerung muss der Wärme entwickelnde hoch radioaktive Abfall bis auf 100 Grad abgekühlt, also zwischengelagert werden, auch aus Vorsorge wegen der Explosionsgefahr von Wasserdampf.“

Für die anderen Müllformen in sehr verschiedenen Zuständen müssen spezielle Lagerformen gefunden werden, sodass es mehrere Lager und Zwischenlager geben werde, gleichzeitig aber die Atomtransporte begrenzt werden müssen. Proteste und Klagen seien trotz des aus Sicht des BUND unzureichenden Rechtsschutzes überall zu erwarten, auch bei den Zwischenlagern, das könne sich bis zur Jahrhundertwende hinziehen. „Eine Alternative zum Start der umfangreichen Lagersuche und zum schnellen Atomausstieg gibt es nicht“, so Brunsmeier.

Wie sollen Atomkraftwerke zurückgebaut werden?

Ein spezieller Fragenkomplex bezog sich auch auf den Umgang mit rückzubauenden Atomkraftwerken, besonders interessant auch in der Region rund um das AKW Mülheim-Kärlich. Der BUND sprach sich hier entschieden gegen die bisher genehmigte Praxis der „Freimessung“ von schwach belasteten Baustoffen aus, die etwa 97 Prozent der Menge ausmachen. Dies begrüßte auch Elke Sodemann-Müller von der Bendorfer Bürgerinitiative gegen das AKW Mülheim-Kärlich: „Jede zusätzliche Radioaktivität kann Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Es gibt keinen Schwellenwert, der ungefährlich ist. Die Stoffe dürfen deshalb nicht in den Wirtschaftskreislauf entlassen, sondern müssen gesondert und kontrolliert in einer speziell abgedichteten Deponie gelagert werden.“

Die überaus informative Veranstaltung schloss mit dem Appell für einen sofortigen umfassenden Atomausstieg und die Beschleunigung der Energiewende, auch aus Gründen des Klimaschutzes.

Klaus Brunsmeier (2. v.re.) mit Mitgliedern des Bündnis Klimaschutz Mittelrhein.Foto: privat

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