Kranzniederlegung am Oberwinterer Ehrenmal zum Volkstrauertag
Bürger gedachten der Gefallenen der beiden Weltkriege
Oberwinter. Es hatten sich zahlreiche Bürger eingefunden am Oberwinterer Ehrenmal, um am Volkstrauertag ihrer Pflicht gerecht zu werden, sowie die Erinnerung an manchen bekannten Namen des Hafenortes aufrecht zu halten. Angeführt von den Blau-Weißen des Tambourcorps und den Sankt Sebastianus-Schützen stellten sich auch die Mitglieder des MGV Liederkranz sowie ein Posaunenquintett am Ehrenmal auf, um der kleinen Veranstaltung einen festlichen und musikalischen Rahmen zu geben. Es war an Ortsvorsteher Norbert Matthias, die Rede zum Volkstrauertag zu halten. Der Ortsvorsteher hatte sich anlässlich des Gedenktages und des Ortes am Ehrenmal einige grundsätzliche Gedanken zum Thema Krieg und Frieden gemacht.
„Der Frieden ist eine moderne Erfindung“
„Krieg scheint so alt zu sein wie die Menschheit, Frieden aber ist eine moderne Erfindung“, so Matthias. Der britische Anthropologe Henry Maine habe diese Worte im 19. Jahrhundert formuliert. Ausgesprochen in einer Periode relativen Friedens nach den Napoleonischen Kriegen und vor den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts machten diese Worte durchaus Sinn. „Der Frieden ist eine moderne Erfindung. Gerne wollen wir diese Worte glauben und auf die heutige Zeit übertragen. Nicht wenige Historiker prophezeiten der zivilisierten Welt noch um 1950 zur Zeit des Koreakrieges und der atomaren Aufrüstung ein baldiges Ende. Stattdessen erleben wir hier in der Mitte Europas derzeit eine Periode des Friedens und des Wohlstandes“, so der Ortsvorsteher. In der modernen Welt scheine es also einige Mechanismen zu geben, die auch jenseits der atomaren Abschreckung den Frieden zu sichern helfen.
Einer dieser Mechanismen sei sicherlich die Idee des Humanismus, die vor den großen Kriegen gemeinsam mit dem Geist der Aufklärung an Gewicht gewann, in den Kriegen dann gewaltsam unterdrückt wurde, um dann aber um so stärker wieder zurückzukehren. „Um es anders auszudrücken, wir sind heute aufgeklärter als noch vor 80 Jahren zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Das zeigen nicht zuletzt auch die jüngsten Wahlergebnisse mit einem verschwindend kleinen Anteil der extremen Rechten“, so Matthias.
Bedürfnisse verändern sich
Des weiteren würden sich die Bedürfnisse verändern. Besitzgier und sozialer Status - über Jahrhunderte hinweg primärer Kriegsgrund von Königen und Fürsten - stünden nicht mehr alleine im Vordergrund menschlichen Strebens dies zumindest in Mitteleuropa. Lebensqualität, Gesundheit und Selbstverwirklichung, aber auch Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen seien heute häufig genannte Motive für den einmal eingeschlagenen Lebensweg. Ehre und bedingungsloser Gehorsam gegenüber der Obrigkeit hätten ausgedient. An deren Stelle trete der Gedanke der Partizipation, der Wunsch nach Teilhabe an den erzielten gesellschaftlichen Fortschritten. Es gebe zwar zunehmend wieder Nationalstolz, aber nicht in der Form, „dass wir uns über andere Völker erheben fühlen, sondern ganz im Gegenteil erwächst der Nationalstolz eher aus dem Gefühl heraus, als Deutscher von Menschen fremder Nationalität geschätzt und anerkannt zu werden“, betonte Matthias.
Zusammenfassend könne man also durchaus sagen, dass die Menschen in Mitteleuropa sich geändert haben. „Unsere Bedürfnisse sind andere als früher und wir haben die Möglichkeit, diese vom Staat aktiv einzufordern“, so Matthias.
Gefahr gewaltsamer Konflikte in Mitteleuropa scheint eher gering
Auf dieser Erkenntnisgrundlage erscheine es nicht verfehlt, daran zu glauben, dass die Gefahr gewaltsamer Konflikte in Mitteleuropa eher gering zu sein scheine. „Nun stehe ich hier vor dem Denkmal der in beiden Kriegen gestorbenen Soldaten aus Oberwinter und zeichne ein eher positives Bild von Gegenwart oder Zukunft. Sie werden sich sicher fragen, wie das zusammenpasst“, hob Matthias hervor.
Der Zusammenhang liege darin, dass die Lebens- und Leidensgeschichten aufeinander aufbauen würden. Die unvorstellbare Zahl von 70 Millionen Menschen habe in beiden Weltkriegen ihr Leben gelassen. Danach stand in weiten Kreisen der westlichen Welt die Erkenntnis: „Nie wieder!“
„Der Schrecken der Vergangenheit, das Leiden der Menschen, die Barbarei und Ungerechtigkeit, die ungezählten familiären Tragödien sind der Boden, auf dem unsere heutige kritische und offene Gesellschaft entstanden ist. Wenn es überhaupt einen Sinn hat, warum diese auf dem Gedenkstein verewigten Menschen gestorben sind, dann dafür, dass wir heute in Frieden und Freiheit leben dürfen.
Diese Tugenden zu pflegen und zu bewahren und uns gleichzeitig offen gegen die Feinde der Demokratie zu wehren, das ist das, was wir gelernt haben und das ist das Mindeste, was wir für die Kriegsopfer heute noch tun können“, endet Matthias seine Ansprache.
Gemeinsam legten zahlreiche Oberwinterer Kommunalpolitiker mit Ortsvorsteher Norbert Matthias einen Kranz nieder.
