Politik | 11.05.2020

Leserbrief

Die Wirtschaft bereichert sich an der Corona-Krise?

Vielfältig ist die Diskussion um die getroffenen Coronamaßnahmen der letzten Wochen geworden. War ein Shut Down wirklich nötig? Wie hoch waren die Infektionszahlen wirklich? Rechtfertigen die heutigen Erkenntnisse die Maßnahmen? Woher kommt das Coronavirus und wer profitiert von den Maßnahmen? All diese Fragen werden zurecht diskutiert und unterschiedliche Antworten darauf gefunden. Gerade auf die letzte gestellte Frage taucht jedoch eine Theorie immer wieder auf, die jedem Demokraten Sorge bereiten sollte: Die Wirtschaft bereichert sich an den Folgen der Coronakrise! Ist das tatsächlich so?

Wer sich hier neutral und sachlich die aktuelle Wirtschaftssituation einmal genauer anschaut, der wird wohl schnell feststellen, dass wohl nicht die gesamte Wirtschaft sich an der Coronakrise bereichern kann. Denn nicht wenige Handwerks- und Gastronomiebetriebe sind bereits jetzt schon pleite. Größere Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet und versuchen mit kreativen Lösungen die Arbeitsplätze zu sichern. Jeden Tag kämpfen zahlreiche Unternehmer (teilweise mit ihrem Privatkapital) um das Überleben der eigenen Firma und der Sicherung der Arbeitsplätze. Das Sterben des Kultursektors ist bereits im vollen Gange. Doch wer genau bereichert sich denn an den Folgen der Coronakrise?

„Die oberen Zehntausend der Wirtschaft! Die bestimmen doch auch, was in der Politik gemacht wird und was nicht, um das eigene Kapital spekulativ zu erhöhen. Die Politiker haben doch nichts mehr zu sagen.“

Wer sich diese Aussage einmal mit einem historischen Blick genauer anschaut, der wird schnell feststellen, dass hier eine gewisse Ähnlichkeit zu den Aussagen der Nationalsozialisten besteht. Diese sagten sinngemäß, dass das internationale Finanzjudentum die Geschicke der Politik lenken würde, um sich mit „volksschädlichen Spekulationen“ am Kapital der Allgemeinheit zu bereichern. Das Volk (heutzutage wohl eher die Menschen) hätte nichts mehr zu sagen.

Auch Großunternehmer (unabhängig von Rasse und Nationalität), die Geschäftshäuser und Eigentum besaßen, wurden mit diesen Worten diffamiert. Auf Grundlage dieser Theorie forderten die Nationalsozialisten die Enteignung der Großwarenhäuser und Großunternehmer und verurteilten Menschen, die in irgendeiner Form Geld und Eigentum besaßen. Kern dieser Maßnahmen war eine Weltanschauung, die eine Randgruppe als Sündenbock für die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik nutzte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Menschen nun ebenfalls in einer zunehmend komplexeren Welt versuchen, eine neue Randgruppe zu finden, die die Geschicke der Politik lenken und sich an der Krise bereichern müssen. Es bleibt zu hoffen, dass genug Menschen den eigenen Verstand differenziert einschalten und nach 75 Jahren Kriegsende die Ähnlichkeiten dieser Rhetorik erkennen. Denn wer die Ängste der Menschen zu nutzen und zu schüren weiß, der kann gefährliche Unwahrheiten in ihre Herzen pflanzen, die letztlich auch die Demokratie gefährden können.

Thomas Napp, Rheinbreitbach

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