Spitzenpolitiker und Wegbegleiter würdigen einen unvergesslichen Politiker und Menschen
Ein großer Deutscher und überzeugter Europäer, der Geschichte geschrieben hat
Der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler starb mit 89 Jahren in seinem Haus in Pech
Wachtberg-Pech. Der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher ist tot. Der Freidemokrat erlag in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren einem Herz-Kreislauf-Versagen, das teilte sein persönliches Büro mit. Seine Familie sei bei ihm gewesen, als er in seinem Haus in Pech in der Gemeinde Wachtberg, deren Ehrenbürger er war, starb. Zahlreiche Spitzenpolitiker und Wegbegleiter würdigten Genscher als großen Deutschen und Europäer, der Geschichte geschrieben habe.
Eine bleibende Erinnerung für die meisten Deutschen ist der Moment, als Genscher im September 1989 den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Nachricht überbrachte, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. In Genschers 18-jährige Amtszeit als Außenminister unter drei Bundeskanzlern fielen unter anderem der Fall der Mauer, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, der deutsch-polnische Grenzvertrag sowie der deutsch-sowjetische Kooperationsvertrag. Genscher setzte sich während des Kalten Krieges für die Annäherung von Ost und West durch die Entspannungspolitik ein. Unvergessen bleibt auch sein selbstloses Angebot, sich beim Olympiaattentat 1972 in München im Austausch gegen die israelischen als Geiseln zur Verfügung zu stellen.
Großer Beitrag zur Vereinigung Deutschlands
Bundespräsident Joachim Gauck hob Genschers „großen Beitrag zur Vereinigung Deutschlands in Freiheit und Frieden“ hervor. Beharrlich, allgegenwärtig und „mit feinem Gespür für historische Momente“ habe Genscher das friedliche Zusammenwachsen Deutschlands und Europas vorangetrieben, schrieb Gauck in einem Kondolenzbrief an Genschers Witwe Barbara. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Genscher als weltweit geachteten Staatsmann, der für Deutschland Vertrauen erworben habe. Sein Lebenswerk habe zwei Zielen gegolten, dem europäischen Entspannungsprozess und der deutschen Wiedervereinigung. Sie verneige sich „vor der Lebensleistung dieses großen liberalen Patrioten und Europäers“, so die Kanzlerin.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erklärte in Brüssel, Genscher werde Europa fehlen: „Er hatte sein ganzes unermüdliches politisches Wirken der Versöhnung, der Einigung und dem Wohlergehen dieses Kontinents verschrieben.“ Polens Außenminister Witold Waszczykowski würdigte Genscher als „Architekten des Wandels, dem wir das Ende des Kalten Krieges auf unserem Kontinent verdanken“.
Einer der großen Akteure der Wiedervereinigung
Der Tod Genschers hat auch international Trauer ausgelöst. Genscher habe sich trotz Kritik als einer der ersten westlichen Politiker dafür eingesetzt, die Perestroika in der Sowjetunion ernstzunehmen, erklärte der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow. Die Geschichte habe ihm Recht gegeben. „All die letzten Jahre war Hans-Dietrich ein wahrer Freund für mich.“ In einer Mitteilung von Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault hieß es: „Er war einer der großen Akteure der Wiedervereinigung, der mit seinen politischen und menschlichen Qualitäten diese bedeutende Phase der europäischen Geschichte geprägt hat.“ Genscher sei „überzeugter Europäer“ gewesen. „Meine Heimat ist Halle, Zuhause bin ich in Pech“. Unzählige Male hat Hans-Dietrich Genscher das wiederholt, den er fühlt sich den Menschen im Drachenfelser Ländchen verbunden. Das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn er zeigte sich oft auf kulturellen Veranstaltungen und unterstützte so manche gute Initiative. Vor dem Wachtberger Rathaus weht „aus Respekt vor Genschers Lebensleistung und seiner langjährigen engen Verbundenheit mit der Gemeinde“ die Trauerbeflaggung. Bürgermeisterin Renate Offergeld hatte dem wohl bekanntesten Wachtberger erst im Oktober 2015 bei einem Festakt die Ehrenbürgerschaft verliehen und ihm noch vor wenigen Tagen persönlich zum 89. Geburtstag gratuliert.
Jost
