Politik | 11.10.2016

CDU Senioren Union besucht das „kulturelle und administrative Gedächtnis“ von Koblenz

Ein spannender Morgen im Stadtarchiv

Die Senioren Union Koblenz vor dem Eingang zum Koblenzer Stadtarchiv.Ruediger Brennig

Koblenz. Äußerlich betrachtet sieht die Alte Burg seit Längerem alt und wenig einladend aus. Das stellten die Mitglieder der Senioren Union fest, die auf Einladung ihrer Vorsitzenden Monika Artz zusammen gekommen waren, als sie sich für ein Gruppenfoto aufstellten.

Innen dagegen, wo kostbare historische Dokumente bis zu zeitgenössischem Archivmaterial der heutigen Verwaltung in Magazinen aufbewahrt wird, sind die Räume gepflegt und freundlich. Eigentlich so, wie sie viele Besucher aus den Nachkriegsjahren bis 1980 kennen, als dort die Stadtbibliothek war. Heute ist hier das Stadtarchiv untergebracht. Es gibt genug Platz, wenn auch die Räume nur bedingt archivalen Anforderungen genügen. Es ist eben ein historisches Gebäude. Aber innerlich ist das Archivgut feuer- und diebstahlsicher untergebracht und wird vom Chef Archivrat Michael Kölges und seinen vier Mitarbeitern, die sich liebevoll um ihre Sammlung kümmern, betreut. Sie teilen sich dreidreiviertel Stellen.

Die Besucher wurden, nachdem sie um einen großen Tisch Platz genommen hatten, vom Chef begrüßt. Es kommen immer wieder Schulklassen, mit denen es sehr interessante Gespräche gibt zu Besuch, auch mal ein Volkshochschulkurs. Senioren habe er noch nicht erlebt, das sei für ihn sehr interessant, wie sie mit ihrer Lebens- und Zeitgeschichtserfahrung im Gespräch reagieren. Schnell wurde klar, das eigentliche Ereignis des Vormittags war der Amtsleiter selbst. Ein Mann, der spannend erzählen kann und das pädagogische Geschick hat, seine Zuhörer einzubeziehen.

Älteste Karte der Stadt Koblenz von 1794

Zuerst stellte er die Geschichte der Alten Burg vor, die kurz nach 1300 fertig erbaut war als sicheren Amtssitz der Trierer Kurfürsten in Koblenz. Den Koblenzer Bürgermeister, dem Rat und den Bürgern war sie ein Ärgernis, Koblenz wollte reichsunmittelbar bleiben, also nur dem Kaiser unterstellt und nicht den neuen Landesherren auf der Pelle haben. Mit Stolz zeigte Herr Kölges die älteste Karte von Koblenz aus dem Jahr 1794. Handgezeichnet bildet sie die Altstadt und aus römischer Zeit die Moselstadt mit den jetzigen Straßenzügen ab. Jedes Haus ist fortlaufend nummeriert. Es gab viele Gärten zwischen den Häusern, denn die rund 4.000 Bewohner ernährten sich weitestgehend autonom, vor allem im Falle von Belagerungen, etwa durch die Franzosen. Auf der Karte sahen die Senioren, dass die Alte Burg eine große Schutzparkanlage hatte, die bis etwa zum Haus Metternich auf dem Münzplatz reichte. Außerhalb der Stadtmauern ist auch schon die Neustadt mit dem Schloss an der Rheinfront abgebildet.

Nach der kurfürstlichen Zeit war das Gebäude zeitweise eine Blechwarenfabrik, später beherbergte es öffentliche Verwaltungen und auch die Hitlerjugend, dann die Stadtsparkasse sowie die Debeka. Dann stellte Herr Kölges sein Haus vor, berichtete von der Vernetzung und engen Kooperation mit dem Bundes- und Landesarchiven, die ebenfalls in Koblenz ansässig sind, den Hochschulen und der Bundeswehr.

Seit dem Bundesarchivgesetz von 1990 sei rechtlich geregelt, dass Bürger, die einen plausiblen Grund haben, etwa Familien- oder Firmenforscher oder für ein Vereinsjubiläum Einblick in Dokumente erhalten, wenn der Datenschutz gesichert ist. Vorher war es eine Entscheidung des Archivleiters, ob er in solchen Fällen Zugang gab. Studierende und Doktoranden durften schon immer Archive nutzen. Bis 1974 war die Koblenzer Sammlung an das Landeshauptarchiv angegliedert. Nach einer Zeit im Wöllershof zog es 1980 an seinen heutigen Standort.

Das Archiv enthält auch eine eigene auf Koblenz bezogene Bibliothek und sammelt mit Hingabe alles, was es an Interessantem im privaten wie im Vereinsleben gibt, auch stadtteilbezogene Schriften. Da Zeitungen nur begrenzt haltbar sind, werden sie auf Mikrofilm gespeichert. Den Apparat dazu verdankt das Archiv übrigens einem Spender.

Auch eine Kaiserurkunde mit Siegel von 1302 konnte besichtigt werden

Die Besucher konnten sich dann die Magazine ansehen, in denen wohl nummeriert und dokumentiert sowie staubfrei geschützt das Archivgut in stabilen Kartons aufbewahrt wird. Wertvolle alte Urkunden mit anhängenden Siegeln stehen in speziellen Halterungen aufrecht. Richtig spannend wurde es, als Herr Kölges einige besondere Dokumente hervorholte und den Besuchern zeigte. Da gab es eine handschriftliche Kaiserurkunde mit Siegel von 1302 in der der Kaiser den Koblenzer Bürgern ihre Reichsunmittelbarkeit bestätigt. Sie hatten bei ihm Schutz gegen die kurfürstliche Herrschaft gesucht. Das Pergament ist heute noch so strapazierfähig wie vor Jahrhunderten. Die Tierhäute können Feuchtigkeit ertragen. Dokumente auf Papyrus sind sehr empfindlich, handelt es sich doch um pflanzliche Materialien.

Interessantes erfuhr die Gruppe auch über die Herstellung von Tinte: Ruß, Asche, eine eisenhaltige Flüssigkeit und Galläpfel lassen ein sehr saures Produkt entstehen (Eisengallustinte), das Papier zerstören kann. Die Handschriften sind aus dem aufgelösten Papierteilen zu lesen. Auch Schriften spielten eine große Rolle. Die alten Handschriften sind vorwiegend in lateinischer Schrift, der Universalschrift, verfasst, gelegentlich auch in gotischer, also altdeutscher Schrift. Auch hier gab es ein interessantes Dokument, ein Hitler Erlass aus dem Jahr 1941. Als dieser sich in seinem Größenwahn schon als Herrscher von Großdeutschland und Vormacht in Europa sah, befahl er den Schulen, nicht mehr die deutsche Schrift zu lehren, die Sütterlinschrift sei eigentlich gar nicht deutsch, sondern die lateinische Schrift. Einige Teilnehmer erinnerten sich an diese Zeit, als sie Schüler waren.

Herr Kölges zeigte dann noch ein Buch, in dem eine Darstellung des leidenden Christus auf der ersten Seite abgebildet ist. Es gehörte der „Elend-Bruderschaft zu Coblenz“, eine Kongregation frommer Katholiken. Sie kümmerten sich um Fremde, die auf der Durchreise in Koblenz erkrankten oder starben und sorgten für ein würdiges Begräbnis.

Es entstanden hochinteressante Gespräche, keiner drängelte zum Aufbruch. Jeder bekam eine Broschüre: „Angebote der Stadt Koblenz im Bereich der kulturellen Bildung“ und einen „Stadtführer Koblenz auf den Spuren des Nationalsozialismus“ geschenkt. Monika Artz versprach als Mitglied im Kulturausschuss der Stadt gemeinsam mit ihrer Ratskollegin Edith Hoernchen für die Belange des Stadtarchivs immer ein offenes Ohr zu haben. Die Teilnehmer spendeten dem Archivleiter langen Beifall. Pressemitteilung der

CDU Senioren Union Koblenz

Die Senioren Union Koblenz vor dem Eingang zum Koblenzer Stadtarchiv.Foto: Ruediger Brennig

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