Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Montabaur im Gespräch
„Erfolge weitertragen in die Zukunft“
Ulrich Richter-Hopprich erläuterte gegenüber BLICK aktuell seine Ziele für die Entwicklung der Kommune
Montabaur. Seit gut einem Jahr ist Ulrich Richter-Hopprich als Bürgermeister der Verbandsgemeinde Montabaur offiziell im Amt. BLICK aktuell nutzte dieses „kleine Jubiläum“, um mit dem studierten Verwaltungsjuristen eine erste Zwischenbilanz zu ziehen und einen Blick auf zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen zu werfen.
BLICK aktuell: Herr Bürgermeister Richter-Hopprich, Boomtown Montabaur, so wird sie oft genannt. Und die Entwicklung der vergangenen Jahre wird überregional hoch gepriesen. Dafür stehen vor allem der ICE und das bekannte Internetunternehmen – und manche sagen, Montabaur wird so etwas Ähnliches wie ein Vorort von Frankfurt. Was sagen Sie dazu?
Günstige Lage zwischen den Ballungszentren ausnutzen
Richter-Hopprich: Ja, tatsächlich ist es das, was geschickt gemacht wurde in der Vergangenheit: nicht zu versuchen, Montabaur als neues Zentrum zu etablieren, sondern ganz geschickt die Lage zwischen den Zentren auszunutzen. Das hat zu einer rasanten Entwicklung geführt: nicht nur der Stadt Montabaur selbst, sondern der Verbandsgemeinde und der ganzen Region.
BLICK aktuell: Das hat zu einem rasanten Bevölkerungszuwachs geführt, auf aktuell über 40.000 Einwohner. Darauf müssen Sie sich einstellen.
Richter-Hopprich: Genau das sind die Herausforderungen, vor denen wir gerade stehen. Wir müssen einfach auch Wohnraum und Einkaufsmöglichkeiten schaffen, und wir bauen im Augenblick sehr viele Kindergärten. Wir müssen in der Wasser- und Abwasserversorgung genauso wie im Straßenbau diesen Anforderungen hinterherkommen.
BLICK aktuell: Mit dem Quartier Süd ist ein ganzes neues Wohnviertel entstanden. Es ist auch schon sehr viel Geld investiert worden, damit neue Bevölkerungsgruppen nach Montabaur angezogen werden. Infrastrukturell ist einiges zu verbessern. Wie steht es zum Beispiel mit dem Handyempfang auf den Dörfern?
Mobilfunk im dörflichen Bereich ist große Herausforderung
Richter-Hopprich: Ja, das ist tatsächlich eine der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Der Handyempfang ist ja erst einmal keine öffentliche Aufgabe, in der wir einfach tätig werden können, sondern wir sind darauf angewiesen, dass private Netzbetreiber ihre Netze ausbauen. Wir sind allerdings tatsächlich gerade mit solchen privaten Betreibern in Gesprächen. Und wir haben auch selbst die Lücken identifiziert, um hier Anstöße geben zu können.
BLICK aktuell: Jetzt ist ja diese Entwicklung wirklich ein Traum für einen Bürgermeister, sowohl finanziell als auch von der aufstrebenden Entwicklung. Die Wirtschaftswissenschaft sagt aber: Jeder Boom hat auch wieder ein Tief. Wann erwarten Sie wieder das Tief?
Richter-Hopprich: Da müsste ich in den Sternen lesen können, um Ihnen das zu sagen. Aber ich rechne auch damit, dass irgendwann jeder Boom ein Ende hat. Und deshalb ist es jetzt gerade wichtig, dass wir uns darauf konzentrieren, in Bereiche zu investieren, die uns nachhaltig einen Vorteil verschaffen. Also nicht nur Investitionen in Bereiche, wo es schön ist, dass man jetzt gerade einen Vorteil hat, sondern wir müssen jetzt an die Generationen von morgen denken.
BLICK aktuell: Sie haben das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Und Sie haben auch Prioritäten gesetzt. Allerdings auch nicht immer unumstrittene Entscheidungen, wie zum Beispiel der Autohof in Heiligenroth. Da gab es auch Widerspruch in der Bevölkerung.
Richter-Hopprich: Ja. Uns ist es wichtig, auch den Umweltschutz nachhaltig zu betrachten. Allerdings bedeutet das, dass wir die gesamte Fläche betrachten, und nicht nur den einzelnen Punkt. Wir müssen Naturschutz vorantreiben, wir müssen Flächen schützen. Wir müssen auch die Ausdehnung der Wohnbesiedlung im Rahmen halten, damit wir Flächen endgültig für den Umweltschutz auch aus der gewerblichen Nutzung heraushalten können.
BLICK aktuell: Sie investieren in Wohnbesiedlung und in Straßenbau, und die Stadtteile werden infrastrukturell gut versorgt. Haben Sie auch an die Menschen gedacht, die nicht so mobil sind, die kein Auto haben, vielleicht mit dem Rad fahren?
Integriertes Mobilitätskonzept sollte das Ziel sein
Richter-Hopprich: Ja, wir bemühen uns sehr stark darum, dass zuallererst der Fahrradweg zwischen Holler und Montabaur und auf die Gelbachhöhen umgesetzt wird. Das ist durchaus schwierig, weil das Land nach 30 Jahren Kampf für diesen Fahrradweg noch keine Einsicht gezeigt hat an dieser Stelle. Wir werden darüber hinaus auch ein Fahrradwegekonzept für die gesamte Verbandsgemeinde aufstellen. Ich glaube allerdings, dass es gar nicht darum geht, jetzt alle Menschen auf das Fahrrad zu bekommen, sondern dass wir ein integriertes Mobilitätskonzept aufstellen müssen. Das bedeutet, dass wir ganz viele unterschiedliche Mobilitätskonzepte miteinander verbinden müssen. Deshalb haben wir in der Augst gerade die Mitfahrerbänke etabliert. Deshalb sind wir in Verhandlungen mit dem Kreis über die Ausweitung des ÖPNV. Deshalb haben wir auch unser Anrufsammeltaxi. All diese Bausteine zusammen mit unserem ICE-Bahnhof, mit den Fahrradwegen – das kann Mobilität schaffen.
BLICK aktuell: Aber dieses Konzept wird noch entwickelt? Und in welchem Zeitraum?
Richter-Hopprich: Ich werde das noch in diesem Jahr dem Verbandsgemeinderat vorschlagen. Wir haben dafür Mittel in den Haushalt eingestellt.
BLICK aktuell: Eben habe ich schon angesprochen: Es gibt auch manchmal Widerspruch. Zum Beginn Ihrer Amtszeit gab es ja die Veröffentlichung des Architektenentwurfs für das neue Verbandsgemeinde-Rathaus. Da haben Sie viel Kritik hören müssen. Sie sind aber ganz offensiv mit dieser Kritik umgegangen. Wie haben Sie diese Tage rückblickend erlebt? Richter-Hopprich: Das war natürlich erst einmal überwältigend, diese Reaktion zu sehen. Es war mein erster sogenannter Shitstorm. Ich habe aber an den Fragen, die da aufkamen ,auch schnell gemerkt, dass viele sich mit dem Thema noch nicht befasst hatten. Und es ist uns auch nicht gelungen, die Menschen in der Verbandsgemeinde vorher umfassend zu informieren. Das merkt man zum Beispiel, wenn die Frage kommt, warum man denn so einen Entwurf neben all die Fachwerkhäuser stellen will, obwohl doch tatsächlich das Baugrundstück in einem alten Gewerbegebiet liegt. Also war die logische Konsequenz: Wir müssen noch einmal in eine Informationsoffensive. Und wir merken auch, dass wir mit den traditionellen Medien unsere Informationspflicht nur ganz schwer gestemmt bekommen.
BLICK aktuell: Sie haben also mit den Vorbehalten nicht in diesem Maße gerechnet?
Wirtschaftlichkeit stand beim Rathausneubau im Fokus
Richter-Hopprich. Ich habe damit gerechnet, dass das ein Entwurf ist, der polarisiert, dass man ihn mag oder ihn nicht mag. Zumal mir bewusst war, dass viele auf das ästhetische Erscheinungsbild schauen, wobei mir natürlich daran gelegen war, dass wir einen funktionalen und wirtschaftlichen Bau errichten. Aber ich glaube auch, dass es guttut, wenn man einen polarisierenden Entwurf hat. Und dass es auch gut für die Stadt sein wird, ein solches Gebäude zu haben.
BLICK aktuell: Sie haben nicht nur auf die Wirtschaftlichkeit geachtet. Aktuell wird Erdwärme diskutiert als Heizung. Gehen Sie damit auf die Bedürfnisse von Umweltschützern zu?
Richter-Hopprich: Also, es ist eine Technologie, die geprüft wird. Die Entscheidung wird erst im Mai fallen. Aber der Verbandsgemeinderat hat sich natürlich auch hier auf den ersten Blick für die Nachhaltigkeit und den schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen begeistert.
BLICK aktuell: Wir bleiben bei der Nachhaltigkeit und machen eine Zeitreise. Wie sehen Sie die Verbandsgemeinde? Sie sind wie wir alle kein Prophet, aber vielleicht haben Sie Ihre Vorstellung, wie es sich entwickeln soll.
Nächsten Infrastruktur-Stein für die Zukunft setzen
Richter-Hopprich: Fünf Jahre sind eine sehr kurze Zeitspanne. Wenn ich mir die großen Entwicklungen ansehe, ob es jetzt das Outlet-Center ist oder der Bahnhof, dann geht eigentlich nichts unter 15 Jahren. Ich hoffe, dass es uns jetzt oder in den nächsten Jahren gelingt, den nächsten großen Infrastruktur-Stein zu setzen, der uns weiter trägt. Wir merken jetzt: Wir haben die positiven Effekte des Bahnhofs und auch des Outlet-Centers erst einmal ausgeschöpft. Und wir müssen jetzt noch die nächste große Infrastrukturmaßnahme finden. Das ist die wichtigste Aufgabe, gerade wenn wir die großen Erfolge, die wir jetzt haben, in die Zukunft weitertragen wollen.
BLICK aktuell: Sind Sie auch auf Krisen vorbereitet, auf einen eventuellen Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen? Es ist ja ein großer Akteur, der sehr verbunden ist mit Montabaur, aber damit geht auch eine gewisse Abhängigkeit einher.
Richter-Hopprich: Richtig. Das kann immer passieren. Gerade deshalb hat die Verbandsgemeinde in der Vergangenheit ja auch Rücklagen gebildet, um jetzt die großen Investitionen überhaupt stemmen zu können.
Vom „Feuerwehrmann“ zum Verwaltungschef
BLICK aktuell: Kommen wir zum Abschluss zu Ihnen persönlich. Würden Sie für uns die folgenden Sätze vervollständigen?
Als kleiner Junge wollte ich schon …
Richter-Hopprich: … immer Feuerwehrmann werden.
BLICK aktuell: Mit Kaplan Steffen Henrich das zweite Mal in der Bütt gestanden zu haben …
Richter-Hopprich: … war ein Riesenspaß!
BLICK aktuell: Ein starker Ort zum Auftanken ist für mich …
Richter-Hopprich: … daheim, bei meiner Frau und meinen Töchtern.
BLICK aktuell: Wenn ich das neue Verbandsgemeinde-Rathaus eingeweiht habe …
Richter-Hopprich (lacht): Was ist dann? Dann atme ich erst einmal durch, dass dieses Riesenprojekt geklappt hat!
BLICK aktuell: Die schönste Nebensache der Welt ist für mich …
Richter-Hopprich: …einfach ein freier Tag mit meiner Frau.
BLICK aktuell: Wenn eine unserer Töchter auch einmal in die Politik gehen wollte, würde ich …
Richter-Hopprich: … mich freuen, dass sie was bewegen will.
BLICK aktuell: Ihr Lebensmotto?
Richter-Hopprich: Alles probieren, das Beste wählen!
Richter-Hopprich: Herr Richter-Hopprich, wir bedanken uns für das Gespräch.
