Pallottiner nehmen endgültig Abschied von Rheinbach
Geist der Pallottiner soll weiterleben und in Nigeria neues Kapitel aufschlagen
Wenn bis zum Jahresende kein tragfähiges Konzept für die Weiterverwendung der Pallotti-Kirche vorliegt, wird das Gotteshaus vielleicht schon im Frühjahr kommenden Jahres abgerissen
Von unserem Mitarbeiter Volker Jost
Rheinbach. Nach 85 Jahren neigt sich die Zeit der Pallottiner in Rheinbach dem Ende entgegen. Das machten Missionssekretär Pater Markus Hau, Provinzökonom Pater Rainer Schneiders und Provinzrat Pater Alexander Holzbach SAC jetzt bei einer Pressekonferenz in der Aula des ehemaligen Vinzenz-Pallotti-Kollegs (VPK) deutlich. Ein noch nicht näher bestimmtes Kunstwerk soll zwar in absehbarer Zeit auf dem Gelände des ehemaligen VPK an die Historie erinnern, „aber uns wäre noch wichtiger, dass etwas von unserem Geist bleibt“, machte Hau klar. „Wir hoffen, dass die Pallottiner in fast einem Jahrhundert etwas gesät haben, das weiter gedeiht.“ Gebäude allein machten den Geist jedenfalls nicht aus.
Aus Altersgründen sowie aus Personalmangel sei es der Gemeinschaft nicht mehr möglich, den Standort aufrechtzuerhalten, begründete Hau den Abschied. Das komplette Gelände der ehemaligen Internate und der Schule seien bereits an die Immobilienentwickler BPD (Köln) verkauft wurden, hier soll das neue Wohngebiet „Pallotti-Areal“ entstehen. Indes seien die Verhandlungen über den Verkauf des unter Denkmalschutz stehenden Kommunitätsgebäudes an der Koblenzer Straße und des daran rechtwinklig anschließenden funktionalen Aula-Traktes in der Pallottistraße ebenfalls auf der Zielgeraden, berichtete Schneiders. Der Anbau aus der Nachkriegszeit werde vom künftigen Besitzer wohl abgerissen, während im historischen Bauwerk voraussichtlich eine Art Betreutes Wohnen entstehen werde.
Am 6. Februar 2021wird die Kirche profaniert
Bestehen bleiben soll zumindest die Kapelle auf dem Trümmerhügel, sie werde in das neue Konzept des „Pallotti-Areals“ eingebunden. Die Tage der Pallotti-Kirche hingegen scheinen gezählt, denn wenn nicht bis zum Jahresende ein tragfähiges Konzept für die Weiternutzung auf dem Tisch liegt, wird das Gotteshaus wohl im kommenden Frühjahr dem Erdboden gleich gemacht. Mit der Profanierung am 6. Februar 2021 ist ihr Ende als sakrales Gebäude ohnehin besiegelt.
Dabei seien die Pallottiner sogar bereit, das Gebäude zu verschenken, so Schneiders. Doch dafür brauche es einen Interessenten, der bereit sei und auch die finanziellen Mittel habe, die notwendigen Investitionen zu schultern. „Ein ernsthafter Interessent müsste über Millionen verfügen“, machte Schneiders klar. Das Dach stehe ebenso an wie eine neue Heizungsanlage, zudem müssen genügend Parkplätze geschaffen werden, und das sei nur die dringendsten Maßnahmen. Das Kapital, um etwa einen Kulturort zu schaffen, käme da noch hinzu.
Mit tragfähigem Konzeptwird die Kirche verschenkt
Da die Suche nach einer Folgenutzung nun schon seit einigen Jahren andauere und noch kein tragfähiges Konzept vorgelegt worden sei, gebe es nur noch bis zum Jahresende folgendes Angebot: „Wenn jemand mit einem finanziell wie inhaltlich überzeugenden Konzept für eine gemeinnützige, kulturelle oder religiöse Nutzung des Gebäudes auf uns zukommen, werden die Pallottiner die ehemalige Kirche verschenken“, versicherte Hau. Wenn sich allerdings bis zum Jahresende niemand finde, müsse man über Verkauf oder eine ganz andere Verwendung, im Zweifelsfall auch über den Abriss durch den künftigen Käufer nachdenken. Für das Grundstück ohne die Kirche gebe es nämlich durchaus eine Nachfrage, schließlich handle es sich um ein interessantes innerstädtisches, bebaubares Gelände. Wobei Hau auch betonte: „Keine Lösung ist einfach, und uns liegt nicht daran, einen hohen Gewinn mit der Kirche zu erzielen. Es kann aber auch nicht von den Pallottinern erwartet werden, eine hohe Investition in ein Gebäude zu stecken, in dem sie nicht mehr sein werden.“
Ihre Zeit als Gotteshaus läuft jedenfalls ab. „Eine Kirche braucht eine Gemeinde und Priester, die dort die Eucharistie feiern. Da die Pallottiner Rheinbach verlassen, ist das nicht mehr gewährleistet“, erläuterte Schneiders. Deshalb werde die Kirche am 6. Februar 2021 profaniert. Die Profanierung ist ein kirchlicher Akt, für den es einen eigenen Ritus gibt, mit dem eine geweihte Kirche wieder zu einem weltlichen Gebäude wird. Der Ritus sieht so aus, dass ein entsprechendes Dekret des Bischofs verlesen wird und in einer Prozession die Reliquien des Altars, das Allerheiligste und die Heiligenbilder aus der Kirche hinausgetragen werden.
Inventar wird weiterhin fürliturgische Zwecke verwendet
Das Inventar wird immerhin zum allergrößten Teil weiterhin für liturgische Zwecke verwendet. Die Geräte und liturgischen Gegenstände sollen an das Bistum Pristina im Kosovo abgegeben werden, auch die Orgel soll in die dortige Kathedrale des Bistums übersiedeln. Bänke, Altar, Ambo und Tabernakel finden einen Platz in einer Kirche, die gerade im Kosovo gebaut wird. Die Madonna soll nach Kamerun verschenkt werden, wo der Pallottinerbischof Bruno Ateba im Norden des Landes in einer sehr armen Diözese arbeitet. „Er freut sich schon auf die Muttergottesstatue für seine Bischofskirche“, berichtete Hau.
Das schöne Metallkreuz und der gleichgestaltete Tabernakel sollen in das neue Jugendzentrum der Pallottiner nach Mbaukwu im Süden Nigerias gehen. Damit symbolisiere es ein spirituelles Erbe, denn wie in Rheinbach nach dem Krieg soll auch dort der Jugend eine Perspektive gegeben werden, „immer mit der Frage, wie kann Leben gelingen, frei und eigenständig geführt werden.“ Das neue Jugendzentrum sei jedoch für die deutsche Provinz eine sehr große Herausforderung, auch finanziell.
Mit dem Geld wird ein Jugendzentrum in Nigeria aufgebaut
Deshalb werde auch der große Teil des Geldes aus dem Verkauf des Grundstücks hinter der Kirche zum Aufbau dieses Jugendzentrums verwandt. „Die Gemeinschaft wagt da viel, und es kostet Millionen – die aber gut investiert sind, nämlich in die Entwicklung Afrikas und für die Menschen“, war Hau überzeugt. Er hoffe, dass die Rheinbacher die Pallottiner beim Aufbau des Jugendzentrums unterstützen werden. „Ich würde gerne versuchen, da eine Brücke zu bauen, immer wieder Informationen hierher zu bringen, was aus dem Rheinbacher Erbe im fernen Afrika geworden ist.“
Historie der Pallottinerin Rheinbach
Zur Historie: Die Pallottiner kamen 1892 als „Missionsorden“ von Rom nach Deutschland und waren immer auf der Suche nach Schülern, „von denen sie hofften, dass viele selbst Pallottinerpatres und Missionare werden würden“, erläuterte Provinzrat Pater Alexander Holzbach. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts boomte der Nachwuchs, auf diesem Hintergrund sei auch die Übernahme des „Collegium Hermannianum“ 1935 in Rheinbach zu sehen. Anfangs betrieben die Pallottiner hier bis 1967 parallel zwei Ausbildungsstätten: Das übernommene Konvikt, das ab 1945 „St. Albert“ hieß und in der ehemaligen Tomburgstraße, der heutigen Straße „Stadtpark“, angesiedelt war. Und das Hermann-Josef-Kolleg, das ab 1945 dezidiert Nachwuchsschule der Pallottiner war. Diese hatte vor dem Krieg in Vallendar bestanden und war danach nach Rheinbach umgesiedelt worden. 1963 bekam die Schule die staatliche Anerkennung und hieß nun Vinzenz-Pallotti-Kolleg. Schule und Internat wurden ausgebaut und hatten zu Glanzzeiten über 800 Schüler. Kosten und Personalfragen ließen bei den Pallottinern jedoch immer mehr die Frage nach der Lebensfähigkeit des Standortes Rheinbach aufkommen. So kam es dann ab 2012 zu dem Prozess des Abbaus des VPK, der nun endgültig abgeschlossen werden soll. JOST
