Leserbrief zum Artikel: „Verstummen die Narren in der Innenstadt?“
Niedergang des Brauchtums Karneval in Neuwied
Fragt man sich, warum die Neuwieder City seit einigen Jahren verödet und die Beteiligung am Straßenkarneval in die Innenstadt zurückgeht, so stösst man unweigerlich auf nahezu identische Antworten. In den folgenden Zeilen will ich eine Chronologie in Kurzfassung vorlegen, ohne in die Tiefe zu gehen.
Als ich vor 35 Jahren in die Deichstadt kam, war Neuwied die lebendigste Stadt am Mittelrhein. Namhafte, inhabergeführte Fachgeschäfte prägten das Bild, Menschen aus einem Umkreis von mindestens 50 km Luftlinie, ja sogar aus Köln und Düsseldorf, trafen sich hier zum gemeinsamen Einkaufserlebnis.
Die Inhaber wohnten in ihren Geschäftshäusern und vergrößerten anlässlich der Modernisierung die Schaufensterfronten. Mietshäuser wurden nicht mehr saniert, weil man nicht modernisierte Wohnungen auch im maroden Zustand an Migrantenfamilien teuer vermieten konnte.
In den Geschäftshäusern aber war durch den Wegfall der Hauseingänge der Zugang zu den Wohnungen nur noch durch die Geschäftsräume möglich. Die Inhaber gingen nach und nach in Rente und siedelten sich in diversen Vororten oder gar im Westerwald an. Die Innenstadt verödete, Filialen großer Billigläden machten auf, eine Eckkneipe nach der anderen wurde geschlossen, weil die Gäste ausblieben. Leerstand breitete sich aus und nahm Jahr für Jahr bis heute zu.
Im Festausschuss der Stadt (außer Heimbach-Weis und Engers) gab es seinerzeit 14(!) Karnevalsvereine, ein absolutes Unding. Dadurch wurden unnötig Potential verspielt. Und das nur, weil sich stets neue Vereine gründeten, wenn es mal zu härteren Auseinandersetzungen in den Vereinsspitzen kam. Der Festausschuss war nicht in der Lage, Synergien zu schaffen und Kräfte zu bündeln.
Heute wohnen kaum noch „Urneuwieder“ in der Innenstadt. Entsprechend gering ist der Besuch des Straßenkarnevals. Da macht auch dem eingefleischtesten Karnevalisten der Rathaussturm oder Rosenmontagszug keinen Spaß mehr. Schade, dass so rheinsches Brauchtum langsam stirbt.
Hans Bachus, Neuwied

Die vielen Karnevalsvereine hätten vielleicht besser zusammenarbeiten können, sie waren aber auch ein Indiz dafür, dass vielen Menschen der traditionelle Karneval am Herzen lag. Was ist denn davon heute noch übrig? Gute Redner sind heute im Karneval rar, Mottos sind praktisch alle inhaltsleer bis stumpfsinnig, der Humor immer platter und primitiver, die Musik entspricht Ballermann-Niveau auf Loveparade-Lautstärke, und als Anwohner entlang einer Karnevalsumzugsstrecke kann man sich grundsätzlich darauf einstellen, Magen- und Blaseninhalt von "Karnevalisten" im Vorgarten oder Hauseingang vorzufinden.
Ich war selbst in einem Karnevalsverein aktiv, u.a. einige Jahre auch im Spielmannszug in unzähligen Umzügen größerer Orte/Städte im Umkreis dabei. Der Karneval heute hat mit dem rheinischen Brauchtum nur noch selten zu tun. Deshalb bin ich mittlerweile der Meinung, er kann gar nicht schnell genug sterben.