Leserbrief zur Mahnwache in Sinzig am 21. Februar
Opfer spielten zum Teil keine Rolle
Manche Redner instrumentalisierten den Anschlag in Hanau
Auch ich nahm an dieser Mahnwache teil, als Zeichen gegen Rassismus und Hass und um meine Anteilnahme für die Opfer zu zeigen. Mein großer Dank gilt den Initiatoren, die diese Versammlung organisiert haben.
Nach den Begrüßungsworten, so wurden zum Beispiel alle Opfer beim Namen genannt und zum Teil ein wenig über sie gesagt, wurde zu (spontanen) Wortbeiträgen oder auch gemeinsamem Schweigen aufgefordert.
Es gab Wortmeldungen und es wurde Einiges gesagt, was gut und richtig ist. Das erste leise Unbehagen entstand bei mir, als sich ein Redner vorstellte und direkt seine Parteizugehörigkeit erwähnte. Natürlich kann eine solche Veranstaltung nicht unpolitisch sein, aber meiner Ansicht nach steht ein solcher Anlass über der Parteipolitik.
Dann ging ein Redner als Mikrofon, der sich sofort als Mitglied von Ditib zu erkennen gab. (Der Verband Ditib untersteht der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei, welches früher dem türkischen Ministerpräsidentenamt angegliedert war und heute dem Präsidenten direkt unterstellt ist/Quelle: Wikipedia.)
Was mir als Erstes auffiel, war, dass die Opfer von Hanau bei diesem Redner praktisch keine Rolle spielten. Von Beginn der Rede an, die für mich so klang, als würde sie nicht zum ersten Mal gehalten, wurde polemisiert und aktiv für den Ditib geworben, dabei beispielsweise die Existenz islamistischen Terrors abgestritten, und so für mich der Sinn und Zweck der Mahnwache unterlaufen.
Nachdem ich mir dies kurze Zeit angehört habe, bin ich nach Hause gegangen. Ich habe versucht, meine Wut und meinen Frust über das zuletzt Gehörte zu verdrängen und habe das getan, weshalb ich auf den Kirchplatz gekommen war, nämlich an die Opfer des Anschlages von Hanau und alle Opfer des rechten Terrors zu denken und für sie zu beten.
Karin Lepke-Regel, Sinzig
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Hätte die Leserbriefschreiberin Karin Lepke-Regel an der Neuwieder Mahnwache für die Opfer von Hanau teilgenommen, hätte sie gewiss nicht voller Wut und Frust über den Wortbeitrag des Ditib-Vertreters die Mahnwache verlassen. Spontan brachte sich in Neuwied etwa ein junger Syrer mit einem sehr persönlich anmutenden Beitrag ein und erinnerte daran, nach seiner Ankunft in Deutschland an einer Mahnwache nach islamistischem Terror in Frankreich teilgenommen zu haben. Eine vergleichbare Kaperung der Mahnwache durch einen offenbar unangemessenen Beitrag unterblieb somit glücklicherweise bei uns. Jedoch habe ich in unserer Stadt nach einem schlüssigen Vortrag eines ehemaligen Professors an der Katholischen Hochschule NRW in Köln, der stringent darlegte, dass der islamistische Terror sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun hat, erlebt, dass ein Ditib-Vertreter den gerade gehörten Vortrag ignorierend erklärte, dieser Terrorismus habe nichts mit dem Islam zu tun. Insofern kann ich die emotionale Reaktion der Leserbriefschreiberin, den Kopfschütteln auslösenden Auftritt des Redners in Neuwied immer noch vor Augen, bestens nachvollziehen. Dass ihr zudem als erstes aufgefallen sei, dass die Opfer von Hanau für den Ditib-Vertreter praktisch keine Rolle gespielt hätten, weist, wenn ihr Eindruck zutreffend ist, auf die nicht jedem gefallende Tatsache, dass Rassismus kein Alleinstellungsmerkmal deutscher Rechtsextremisten ist. Unter den Opfern in Hanau waren Kurden.
Siegfried Kowallek, Neuwied