Leserbrief zu den Dreharbeiten der Serie How to sell drugs online (fast)
Perfekt für Netflix – nicht aber für Kinder und Jugendliche
Wie unlängst mit stolz geschwellter Brust der Unkeler Öffentlichkeit präsentiert ist unsere Kulturstadt im Alter des unbegrenzten Streamings auf Netflix angekommen. Die Serie How to sell drugs online (fast) wurde vorwiegend im Bonner Raum gedreht – sowie ein Teil der zweiten Staffel auf dem ehemaligen Freibadgelände in Unkel! Der Stolz, mit dem diese neue schillernde Facette von Unkel präsentiert wird, speist sich vor allem aus den Prämierungen, die dieser Serie zuteilwurden. How to sell drugs online (fast) erhielt bei der Romyverleihung 2020 eine Auszeichnung in der Kategorie „Beste TV-Serie“, sie wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy Serie 2020“ sowie mit dem Grimme Preis geehrt. Und auf einmal steht Unkel in den Schlagzeilen der Lokalpresse als erfolgreicher Drehort.
Doch was bedeutet dies konkret für die Kulturstadt? Sicherlich gab es einen Obolus, der für die Nutzung des Drehortes entrichtet wurde. In Zeiten leerer Kassen ist ein solcher Zahlungseingang natürlich willkommen. Und bestimmt werden sich Willige mit ausreichend schnellem Internetzugang finden, um im Wikipedia-Eintrag der Serie das ehemalige Unkeler Freibad als Drehort zu würdigen. Dann ist gesichert, dass nicht nur die LeserInnen der Lokalpresse um Unkels neuen Ruhm wissen, sondern auch die Jugend beim Browsen darüber stolpert.
Wird Unkel dadurch an Attraktivität als Wohn- und Gewerberaum gewinnen? Ich wage zu bezweifeln, dass junge Familien oder Personen, die in der Tradition Willi Brandts hier ihren Ruhestand genießen wollen, aufgrund von Unkels Erfolg mit How to sell drugs online (fast) in die Kulturstadt werden ziehen wollen. Für manche Gewerbetreibende mag die Verknüpfung von Unkel mit online Streaming und „besonderen“ Verdienstmöglichkeiten erfolgversprechend sein. Doch ist das die Art der Gewerbetreibenden, die wir unbedingt in unsere Kulturstadt locken wollen?
Wie alle anderen Städte ist auch Unkel nicht gefeit vor unlauterem Gewerbe und illegalem Drogenhandel.
Vielen BewohnerInnen ist längst bekannt, in welchen Tiefgaragen oder dunklen Ecken mit guter Verkehrsanbindung mitunter Geschäfte abgeschlossen werden, die nicht passen zu den beschaulichen Fachwerkhäusern der Innenstadt, dem lebendigen Kunsthandwerk oder dem solidarischen Miteinander, das wir Stadtratmitglieder im Wahlkampf beworben haben. Und seit Tiefgaragentore wieder geschlossen werden, gibt es auch zwielichtige Gestalten, die neue öffentlich zugängliche Plätze für ihre Zwecke auskundschaften. Im Sinne von How to sell drugs online (fast) wird das ehemalige Freibadgelände als Ort des Drogenhandels und -genusses geradezu angepriesen.
Tatsächlich bemühen sich seit der Schließung des Freibades viele Menschen um die Wiederbelebung und Wiedereingliederung des Geländes in den Unkeler Alltag. Spätestens seit dem demokratischen Votum der Lenkungsgruppe zur Nutzung des Geländes unter Federführung des gemeinnützigen Vereins Gemeinsam für Vielfalt e.V. ist explizit davon die Rede, den Bürgerpark für ALLE attraktiv zu gestalten und dabei einen Schwerpunkt auf die Zukunft der Kulturstadt Unkel zu legen: Kinder und Jugendliche. Gerade in Zeiten leerer Kassen, in denen Spielplätze und selbstangelegte BMX-Strecken verschwinden, in denen Erhaltungskosten für Spielgeräte im städtischen Haushalt kaum noch auftauchen, benötigt diese Bevölkerungsgruppe dringend einen sicheren Ort als Treffpunkt für ihre Freizeitgestaltung. Dass dieser Ort drogenfrei sein muss, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Das ehemalige Unkeler Freibad als Bürgerpark ist perfekt dazu geeignet – als Gelände, auf dem der persönliche Kontakt im Vordergrund steht, auf dem Menschen unmittelbar miteinander interagieren, anstatt sich hinter Bildschirmen, Avataren und Emojis zu verstecken.
Im Wahlkampf haben wir geworben mit Slogans wie „WIR FÜR UNKEL. Lebens- und liebenswertes Unkel“, „GEMEINSAM FÜR UNKEL. Heimat. Gestalten.“, für Chancengleichheit und Umweltschutz und „Wir machen UNKEL einfach l(i)ebenswert“. Wir haben erklärt, das Ehrenamt zu unterstützen und den Wünschen aller Generationen gerecht werden zu wollen.
Es ist an der Zeit, diesen Absichtsbekundungen Taten folgen zu lassen und auf die Bedürfnisse ALLER Bevölkerungsgruppen einzugehen, vor allem aber auf die Bedürfnisse jener, die aufgrund ihres Alters nicht selbst im Stadtrat eine Stimme haben.
Lasst uns gemeinsam die Weichen dafür stellen, dass Unkel eine Kulturstadt des persönlichen Miteinanders bleibt, in der Kinder und Jugendliche sicher aufwachsen können und in der sie attraktive Freizeitmöglichkeiten finden, die sie dabei unterstützen, zu glücklichen und erfolgreichen Erwachsenen heranzuwachsen. Wenn How to sell drugs online (fast) das Beste ist, was wir unseren Kindern und Jugendlichen mit auf den Weg geben können, haben wir als Stadtrat, als Stadt, als Gemeinschaft solidarischer UnkelerInnen versagt. Wir können und müssen unserer Aufgabe besser gerecht werden.
Dr. Katharina Gallant,
Mitglied im Stadtrat Unkel
