Politik | 26.02.2018

Leserbrief zum Artikel „Eltern haben Angst um ihre Kinder“

„Sexuelle Gewalt ist nicht zu entschuldigen“

Artikel im Blick Aktuell Puderbach Nr. 07/2018

Hanroth. Der Artikel ist einseitig recherchiert und dazu angetan, diffuse Ängste in der Bevölkerung zu schüren, die in keinem Verhältnis zu einer realen Bedrohungslage stehen. Unreflektiert werden die Mutmaßungen dreier besorgter Eltern, die sich dem Autor des Artikels für ein Interview zur Verfügung stellten, zur Gefährlichkeit und angeblichen Unkontrollierbarkeit der Triebe eines in der VG Puderbach lebenden verurteilten „Kindesmisshandlers“ wiedergegeben. Die von einem Vater zur Bestätigung seiner Thesen herangezogene „offizielle Seite“ konnte offensichtlich nicht näher benannt werden. Lediglich beiläufig erwähnen die Eltern, es sei auch mit Bürgern der Nachbarorte darüber „gesprochen“ worden, dass eine latente Gefahr von einem Triebtäter ausgehen könne. Unerwähnt blieb, dass de facto bereits vor einigen Wochen in den Regionen Puderbach und Dierdorf großangelegte Flyer-Verteilaktionen organisiert worden waren. Die verteilten Flyer verzichten inhaltlich ebenso wie Ihr Bericht auf eine differenzierte Betrachtung oder gar überprüfbare Fakten und missbrauchen statt dessen berechtigte Angst für Propaganda.

Fakt ist jedenfalls, dass derzeit gegen einen verurteilten Sexualstraftäter großräumig eine Hexenjagd veranstaltet wird. Die daran Beteiligten unterstellen ganzen Berufsgruppen Inkompetenz, um sich selbst als die wahren Interessenvertreter der Bürgerinnen und Bürger darzustellen. Zitat aus Ihrem Artikel: „Sie (die interviewten Eltern) haben das Gefühl, ohne ihren Druck würde gar nichts passieren.“

Das unter dem Slogan „Schützen Sie Ihre Kinder vor Sexualstraftätern!“ erstellte Faltblatt beinhaltet bemerkenswerte Passagen, die viel über die Verfasser des Textes aussagen: „Selbst vor Jungen machen pädophile Täter keinen Halt“. Dass Jungen Opfer sexualisierter Gewalt werden, scheint der Gipfel zu sein. Sorry, aber sexuelle Gewalt - ganz gleich ob gegen Jungen oder Mädchen, erwachsene Frauen oder Männer - ist ein Kapitalverbrechen, das die Opfer lebenslänglich zeichnet. Und bei dem Passus: „Wir setzen uns für lebenslängliche und andere empfindliche Strafen ein“ kann man sich fragen, was wohl empfindliche Strafen in den Augen der Verfasser sind? Allerdings ist bekanntlich die Höhe der Strafen selten ein Hinderungsgrund, eine Straftat zu begehen. Über das Strafmaß von Sexualstraftätern kann man diskutieren, aber Kinder schützt man damit nicht und schon gar nicht, indem man eine Hetzjagd auf verurteilte Straftäter macht.

Richtern, Pädagogen und Sozialarbeitern zu unterstellen, die Folgen für Opfer zu unterschätzen und mit Stuhlkreis und bunten Pillen zu experimentieren, zum Schaden der Opfer, zeugt von Unkenntnis.

Wer – wie die in Ihrem Artikel zu Wort kommenden Menschen - im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt von kranken Trieben redet, verkennt, dass ein Mensch eben anders als ein Tier nicht ausschließlich dem Instinkt und Trieb folgt, sondern eine Entscheidung über sein Handeln trifft. Wer von Trieben redet, entschuldigt letztendlich Verhalten - und sexuelle Gewalt ist nicht zu entschuldigen. Eine solche Argumentation legitimiert letztendlich sexualisierte Gewalt gerade von Männern gegen Frauen.

Der Missbrauch von Kindern erfolgt ganz überwiegend im unmittelbaren sozialen Umfeld des Kindes, das heißt, vor allem in der Familie und im Freundeskreis und eben nur sehr selten durch den Fremden, der den Opfern hinterm Busch auflauert. Diese Fälle werden allerdings durch die Presse unverhältnismäßig groß herausgestellt, während all die Väter, Brüder, Opas, Lehrer und Pfarrer meist keine Schlagzeile wert sind.

Schützen kann man Kinder letztlich nur, indem man sie stark macht. Indem man sie lehrt „NEIN“ zu sagen, ihnen zuhört, sie ernst nimmt und ihnen glaubt.

Leserbrief von

TROTZDEM-LICHTBLICK / Verein gegen sexuellen Missbrauch – Frauennotruf e. V.

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