Verteilen statt Vernichten“: 11 Jahre Tafelarbeit im Westerwaldkreis
Wandel der Gesellschaft - Wandel der Tafel
Westerwaldkreis. 11 Millionen Menschen in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze, darunter 1,5 Millionen Kinder. 20 Millionen Tonnen Essen werden jährlich weggeschmissen. Und das nur in Deutschland. Erschreckende Zahlen, die leider der Realität entsprechen. Dass es einen Weg gibt, durch Verknüpfung der beiden Probleme, diesem Trend entgegen zu wirken, zeigte vor ca. 23 Jahren die erste Tafel in Berlin. Nach dem Beispiel aus Amerika wurde dort der Startschuss gemacht und brauchbares Essen, das von Supermärkten weggeschmissen werden sollte, an arme Menschen verteilt.
2005. In Bad Marienberg wird unter Trägerschaft des Diakonischen Werks im Westerwaldkreis die Westerwaldkreis Tafel gegründet. Seit dieser Zeit hat sich einiges geändert. Inzwischen findet man im Westerwaldkreis acht Ausgabestellen mit 430 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Begleitet und koordiniert wird die Arbeit von drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werkes. Die gesamte Tafelarbeit wird aus Spenden finanziert und zusätzlich unterstützt vom Förderkreis Westerwaldkreis Tafel und für die Ausgabestelle Montabaur/Wirges vom Förderverein Westerwaldkreis Tafel Montabaur/Wirges e.V.
Die zwei Säulen der Tafelarbeit
Tafelarbeit basiert auf zwei Säulen. Zum einen soll der extremen Vernichtung von Lebensmitteln entgegen gewirkt werden. Als Folge der heutigen Konsumgesellschaft wird etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel weggeworfen, obwohl die Produkte noch gut und genießbar sind. Oftmals liegt es nicht einmal an dem Verfallsdatum, sondern an der krummen Form der Gurke oder der zu großen Kerbe in der Kartoffel, was dafür sorgt, dass Obst und Gemüse den Verkaufsstandards nicht entsprechen und gedankenlos entsorgt werden.
Auf der anderen Seite leben Menschen, die von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Asyl oder geringer Rente betroffen sind, oft in finanziell bedrückenden Verhältnissen. Bekämpfen kann die Tafel das Problem nicht, dafür ist die Politik verantwortlich. Doch durch die Verteilung noch einwandfreier Lebensmittel, die eigentlich im Müll landen würden, kann Armut zumindest gelindert und die Vernichtung von Lebensmitteln verringert werden. Für zwei Euro pro Einkauf eines volljährigen Haushaltsmitglieds bekommen bedürftige Menschen einmal in der Woche Tafellebensmittel.
Möglich machen das all die ehrenamtlichen Helfer, Frauen und Männer jeden Alters, die mit Herzblut, Kreativität und Engagement bei der Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel helfen, aber auch immer ein offenes Ohr für die Schicksale der Betroffenen haben. Die Intention der Helfer ist dabei sehr unterschiedlich. Sei es, weil man helfen möchte, bzw. der Gesellschaft ein Stück selbst erfahrener Hilfe zurückgeben möchte, sei es die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung oder nach einer Aufgabe, bei der man gebraucht wird, nachdem man bereits im Ruhestand ist oder einfach das Reinschnuppern im Rahmen des Schul-, Firm- oder Konfirmandenunterrichts. Auch viele Betroffene helfen selbst mit, damit sie nicht nur nehmen, sondern auch etwas geben können.
Neue Herausforderung durch Flüchtlingsproblematik
Aktuell hat in den letzten Monaten die hohe Anzahl Asylsuchender und Flüchtlinge die Tafelarbeit vor neue Herausforderungen gestellt.
Am Beispiel der Tafelausgabestelle Rennerod lässt sich der Zuwachs der Flüchtlinge unter den Tafelkunden deutlich erkennen. Aus den fünf Haushalten mit insgesamt 17 Personen, die 2013 noch registriert waren, waren bis Dezember 2015 schon 25 Haushalte mit 70 Personen, davon 33 Kinder, geworden. Und diese Zahl ist 2016 weiter gestiegen. Menschen verschiedenster Länder und Sprachen kommen in die Ausgabestellen, wo sich die ehrenamtlichen Helfer gravierenden Sprachbarrieren stellen müssen. Doch die kreativen Köpfe finden immer einen Weg zur Verständigung und wenn es mit Händen und Füßen sein muss. Inzwischen können bereits einige ausländische Tafelbesucher, die schon länger in Deutschland wohnen, dolmetschen.
Dank Tafelarbeit gelingt auch ein kleines Stück Integration. Flüchtlinge lernen mit „unseren“ Nahrungsmitteln umzugehen, auf der anderen Seite werden den Tafelmitarbeitern kulinarische Zubereitungsarten aus anderen Ländern näher gebracht. Natürlich wird bei der Weitergabe der Lebensmittel auch immer auf den jeweiligen religiösen Hintergrund der Kunden geachtet.
Besucht man eine Ausgabestelle der Westerwaldkreis Tafel, so findet man Infoschilder in vielen verschiedenen Sprachen, wodurch Asylsuchende eine Chance haben, Tafelarbeit kennenzulernen und das System zu verstehen. Dass diese Mühe auf regen Anklang stößt, sieht man an der Beteiligung junger asylsuchender Männer, die freundlich und hilfsbereit mit anpacken. Mehrere Asylsuchende arbeiten bereits regelmäßig ehrenamtlich in den verschiedenen Teams mit. Sie sind dankbar für das, was die Tafel ihnen bietet und froh, selbst einen Beitrag leisten zu können.
Doch es gibt durchaus aus auch kritische Stimmen zur Tafelarbeit. Die Meinung der Bevölkerung spaltet sich bei diesem Thema und es ist tatsächlich eine gewisse Ambivalenz zu erkennen. Die zwei Ziele der Tafel, die in diesem Artikel bereits deutlich hervorgehoben wurden, bringen nicht nur Positives mit sich. Da ist zum einen die Verwertung überschüssiger Lebensmittel, die von Supermärkten am Ende des Tages irgendwie entsorgt werden müssen. Das eigentliche Problem der Lebensmittelvernichtung rückt in den Hintergrund, da sich vordergründlich eben Menschen dieser Waren annehmen. Dementsprechend könnten böse Stimmen behaupten, die Überproduktion sei durchaus nötig, um mithilfe der Tafel bedürftigen Menschen günstige Mahlzeiten zu ermöglichen. Damit gäbe es eine Art Entschuldigung für unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Dennoch muss dabei stets im Blick behalten werden, dass die Tafel eine Folge des Wegwerfverhaltens unserer Gesellschaft war und nicht die Ursache. Lebensmittel würden auch dann in großen Massen weggeworfen, gäbe es keinen Abnehmer wie die Tafel.
Beitrag zur Armutslinderung
Zum Zweiten ist da der Beitrag der Tafelarbeit zur Armutslinderung. Auch hier besteht die Gefahr, dass das eigentliche Problem der Armut und eine langfristige Bekämpfung dieser schnell aus dem Blick geraten. Während armen Menschen seitens Tafelarbeit zumindest stückweise geholfen wird, besteht die Gefahr, dass Politiker, mit Blick auf die Unterstützungsmöglichkeiten armer Menschen durch Tafellebensmittel, eine gerechte Sozialpolitik mit Maßnahmen zur Armutsbekämpfung in den Hintergrund stellen. Auch gesellschaftlich werden sich nicht mehr genug Gedanken um Armut gemacht, es ist auf eine bestimmte Weise normal, dass es Menschen gibt, die arm sind und deshalb aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind. Dieses Problem können Tafeln nicht lösen, was aber auch nicht ihre Aufgabe ist.
Alles in allem wurden vor 11 Jahren im Westerwald Missstände erkannt und seit der Gründung der Westerwaldkreis Tafel konnten große Mengen Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt und an bedürftige Menschen weitergegeben werden, denen damit der oft beschwerliche Alltag etwas erleichtert werden konnte. Und dies dank des großen Engagements vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer.
