Politik | 16.08.2013

Die Personalsituation am Mainzer Hauptbahnhof legt den Verkehrsknotenpunkt der Landeshauptstadt lahm

Weichenstellung ins Chaos?!

Mainzer Bahn-Chaos in Köln - das wünscht sich niemand.Ich-und-Du pixelio.de

Mainz. Während die Bahnkunden sauer sind und Gewerkschafter Frust und Wut über die Personalsituation zum Ausdruck bringen, nutzt die Politik dieses Kabinettstückchen deutscher Bahngeschichte genau dazu, wozu jedweder Schlamassel immer schon gerne genutzt wurde: zum Wahlkampf. Helfen tut das erstmal niemandem. Am wenigsten der Situation am Hauptbahnhof der Landeshauptstadt. Der wird nach wie vor nur sehr eingeschränkt angefahren und alles läuft im Notbetrieb. Wann sich das ändern soll, wann der offizielle Fahrplan wieder verlässlich eingehalten wird, kann niemand seriös beantworten. Aber es gibt Pläne. So kündigten die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und der Vorstandschef der zuständigen DB Netz, Frank Sennhenn, nach einem Krisengipfel Mitte der Woche in Mainz an, dass zu Beginn des neuen Schuljahres, also ab Montag, 19. August, die Züge zwischen und 6 und 20 Uhr zu 85 Prozent wieder fahren würden. Ab diesem Wochenende soll wieder der Normalfahrplan gelten und in der letzten Augustwoche wolle die Bahn zum Vollbetrieb zurückkehren - sollten nicht zusätzliche Krankmeldungen der Fahrdienstleiter eingereicht werden.

Am seidenen Faden

So weit, so gut. Oder so schlecht. Denn ungeachtet der in Aussicht gestellten Entschärfung müssen sich die Verantwortlichen nun anhören, dass dieses Desaster keineswegs überraschend gekommen ist, sondern vielmehr absehbar war und sogar sehenden Auges riskiert wurde. Und die Kritiker setzen noch eins drauf: Heute Mainz, morgen München und übermorgen Wolkenkuckucksheim.

Die Mainzer Verhältnisse seien überall und jederzeit möglich, heißt es. Denn nicht nur in der Landeshauptstadt ist die Personaldecke äußerst dünn und hängt der reibungslose Ablauf des Geschehens am seidenen Faden. Dieser angespannte Zustand soll vielmehr kennzeichnend für das gesamte Unternehmen sein. „Die Wahrheit ist: Was jetzt in Mainz passiert, kann sich jederzeit an jedem Ort in Deutschland wiederholen“, meinte denn auch der Bundessprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, Matthias Oomen, gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Rigide Sparpolitik

Dem widerspricht die Bahn nicht und der Frank Sennhenn räumt ein, dass die Personalsituation tatsächlich „bundesweit angespannt“ sei. Nun sollen 600 Fahrdienstleiter zusätzlich eingestellt werden, um Mainzer Verhältnisse künftig auszuschließen. Matthias Oomen spricht dagegen von mehreren Tausend zusätzlichen Mitarbeitern, die für einen reibungslosen Zugverkehr notwendig wären, darunter Zugpersonal und Lokführer. Diese Einschätzung stützt auch die Aussage der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, die allein den Bedarf an Fahrdienstleitern auf rund 1.000 beziffert. Derzeit arbeiten rund 12.000 Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn, Sparte DB Netz. Ihre Aufgabe ist es, zu entscheiden, ob ein Zug fährt oder eben nicht. Und ihnen obliegt die Verantwortung für einen sicheren Zugverkehr unter Einhaltung der Fahrpläne. Im Stellwerk geben sie per Hebel, Tasten und Mausklick die entscheidenden Signale für die Weichen. 1.000.000 Überstunden sollen diese 12.000 Fahrdienstleiter angehäuft haben. Das ist nicht wirklich wenig.

Der Hauptgrund für dieses volle Überstundenkonto dürfte die aktuelle Personalknappheit bei den Fahrdienstleitern sein. Und da kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen hat die Bahn in den vergangenen Jahren auf allen Personalebenen zugunsten der Gewinnoptimierung rigide gespart und allein in der Netz-Sparte wurden tausende Stellen abgebaut.

Hinzu kommen speziell bei den Stellwerkern Überalterung und Nachwuchsmangel. Das Durchschnittsalter in ihrer Sparte liegt bei 47 Jahren und damit über dem Konzerndurchschnitt. Es sollen interne Dokumente existieren, die belegen, dass die Überalterung bei Fahrdienstleitern seit mindestens vier Jahren bekannt ist. 2012 hat die DB Netz nach eigenen Angaben insgesamt 1.000 neue Mitarbeiter sowie 800 Nachwuchskräfte eingestellt.

Doch die Ausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst“ dauert drei Jahre und bis sie im Einsatz sind, sind andere Kollegen schon wieder durch Berentungen aus dem Dienst ausgeschieden.

Nach der Lehrzeit verdienen sie etwa 1.900 Euro brutto und je nach Qualifizierung und Berufserfahrung sind später dann bis zu 2.900 Euro monatlich möglich.

60.000 Überstunden im Rheinland

Bei der Deutschen Bahn im Rheinland fehlen nach Angaben der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft rund 60 Fahrdienstleiter, um den Betrieb dauerhaft zu sichern. Die 450 Stellwerker schieben aktuell rund 60.000 Überstunden vor sich her.

Die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen sind am 3. September vorbei, unerwartete Krankmeldungen wünscht sich niemand. Sonst könnte Mainz morgen vielleicht in Bonn, Köln oder Düsseldorf sein.

Pendler haben ein Problem, Reisende sind genervt - und die Welt lacht. Das Chaos um den Mainzer Hauptbahnhof mutet an wie ein Schildbürgerstreich: Der Bahnhof ist technisch auf Stand, in der Ladenzeile warten frisch belegte Brötchen, heißer Kaffee und aktuelle Tageszeitungen, Züge gibt es ebenfalls genug und Reisewillige sowieso. Aber kein Personal, das die Menschen sicher von A nach B leiten kann. Von den 15 Fahrdienstleitern im Mainzer Stellwerk sind fünf erkrankt und drei haben - in den rheinland-pfälzischen Sommerferien - Urlaub genommen. Ein 100-prozentiges Ende der gleichsam desaströsen wie peinlichen Situation ist noch nicht in Sicht. Aber eine Linderung.

Die Mainzer Bahnkunden würden gerne in die Züge einsteigen.Maren Beßler pixelio de

Die Mainzer Bahnkunden würden gerne in die Züge einsteigen. Foto: Maren Beßler pixelio de

Auch in Bonn hoffen die Bahnkunden, von einem solchen Desaster verschont zu bleiben. Ich-und-Du pixelio.de

Auch in Bonn hoffen die Bahnkunden, von einem solchen Desaster verschont zu bleiben. Foto: Ich-und-Du pixelio.de

Mainzer Bahn-Chaos in Köln - das wünscht sich niemand. Foto: Ich-und-Du pixelio.de

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