Leserbreif zur Stadtentwicklung
„Wir haben heute auch dafür die Verantwortung“
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Große Ereignisse lassen uns den Blick nach vorne richten. Alle dürften sich auf die Aufwertung der Stadt und der Region freuen. Ich auch. Lassen die Planungen doch bereits jetzt viele gute Ansätze für die Parks und das Ahrufer erkennen. Auch wir, die Bürger, werden nachhaltig einen Nutzen von diesen Veränderungen haben. Aber bekanntlich ist dort wo Licht ist, auch Schatten.
Jeder, der mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht auch Dinge, die man bei allem Wohlwollen hinterfragen sollte. Dazu gehören Entscheidungen, die bereits vor Jahren beschlossen wurden und nun umgesetzt werden. Viele der kleinen Spielplätze, die aufgegeben wurden und nun bebaut werden. Ich kann diese Stadtplanungslogik nur bedingt nachvollziehen. Verständlich, wenn Straßen wie die Carl-Weisgerber-Weg gebaut, Baugenehmigungen erteilt und für Familien mit jungen Kindern eine „Spielfläche“ ausgewiesen wird. Das ist zukunftsorientiertes Denken für künftige Generationen und war und wäre gut. Wäre, aber wenn nun diese Freiflächen, wie die am Carl-Weisgerber-Weg Nr. 7 bebaut werden, dann frage ich mich ernsthaft, wo Kleinkinder der nächsten Wohngeneration spielen sollen.
Die Stadt hat eine sehr hohe Baunachfrage, der meines Erachtens hemmungslos nachgegeben wird. Und wofür? Hoffentlich nicht nur, um die vielen millionenschwere Projekte der Stadt zu realisieren. Denn jedes neue Firmengebäude und jedes neue Wohn- und Eigentums-/Mietwohnungen-Projekt versiegelt die Böden. Und das mit Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel, aber auch bezüglich des Mikroklimas, welches für die Lebensqualität der Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Denn in dicht besiedelten Gebieten, wie zum Beispiel unserer Stadt, nehmen auch die geschaffenen Bauwerke enormen Einfluss auf das Mikroklima. Wer dies erkennt und entsprechend handelt, hat die Möglichkeiten, mit städtebaulichen Maßnahmen die mikroklimatischen Verhältnisse in die gewünschte Richtung zu beeinflussen.
Blumenrabatte auf bestehenden Grünflächen können mich, mit Blick auf die nächsten Generationen, nicht überzeugen. Das ist etwas für das Auge. Das alleine reicht jedoch nicht aus. Und ich möchte die älteren Bürger der Stadt sensibilisieren, an ihre Enkel und deren Kinder zu denken.
Der neu gewählte hauptamtliche Beigeordnete der Stadt, Herrn Diewald, ist in dieser Stadt geboren. Und daher hege ich die Hoffnung, dass er bezüglich den Anforderungen an unsere heutige Verantwortung neue Maßstäbe setzt. Es ist höchste Zeit, den Belangen zum Erhalt der Umwelt mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Der Gedanke, dass die Stadt es zulässt, dass der Klostergarten des ehemaligen Ursulinenkloster Calvarienberg demnächst bebaut wird, lässt mich erschauern. Unwiederbringlich geht ein mögliches Touristen-Potential wie beispielsweise ein Klosterpark, Garten-Natur-Parcour, Garten der Sinne aber auch Veranstaltung von Sommerkonzerten verloren. Wenn schon viele neue Baugebiete ausgewiesen wurden, sollte im Gegenzug natürliche „Ausgleichsfläche“ für die Belange der bereits hier lebenden Bürger bereitgestellt werden. Das könnte auch eine Umgestaltung an der unterhalb des Wingsbaches (Maibachklamm) gelegenen Laiwochgeländes sein. Die früher sehr beliebte Badestelle an der Ahr sollte wieder einen Erholungswert erhalten. Denn „grüne Lungen“ werden seltener im Stadtgebiet.
Die Weinbergs-Monokulturen sind leider für das Mikroklima der Stadt ohne Bedeutung. Leider, ja leider fehlt in der Stadtentwicklung eine Statistik, die innerhalb der Stadtgrenzen (nicht des Kreisgebietes) aufzeigt, wie sich der qm-Anteil an freien, unbebauten Flächen im Laufe der Zeit verringerte.
Es geht mir nicht um mich als Rentner. Es geht mir um die kommenden Generationen und dass die Stadt auch für diese noch lebenswert ist. Wir haben heute auch dafür die Verantwortung. Matthias Gies,
Bad Neuenahr-Ahrweiler
