Jahnhalle: 60 Jahre Mittelpunkt des kulturellen Lebens in Bad Breisig
Wohnblocks an Stelle der Jahnhalle?
von Walter Fabritius
Bad Breisig. Je länger sich Gerüchte halten, desto glaubhafter wird ihr Inhalt. Wenn es z.B. stimmt, dass man seitens der Stadt überlegt, den Standort der „Jahnhalle“, jenes bisher unverzichtbaren Veranstaltungsortes wichtigen örtlichen Lebens, einer schnöden Rendite - Wohnbebauung zu opfern, tangiert dies manche Idealisten (in erster Linie Karnevalisten), die in der Vergangenheit viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit geleistet haben, um die Halle über mehr als ein halbes Jahrhundert in einem vorzeigewürdigen Zustand zu halten. Niemand verkennt, dass die Fremdenverkehrsstadt Bad Breisig längst eine ansehnlichere Festhalle verdient hätte, aber da man das nicht geschafft hat, füllte die „Jahnhalle“ über 60 Jahre diese schmerzliche Lücke und bot den städtischen Vereinen - und zuweilen einem angemessenem Kulturleben - ein Dach über dem Kopf. Nun scheint es verlockend zu sein, den Standort der Halle einschlägigen „Baulöwen“ für deren Ideen frei zu geben, und so die Finanzmisere der Quellenstadt zu mildern. Grundsätzlich sollte man für solche Überlegungen Verständnis haben, denn als Bürger ist man daran interessiert, dass die Stadt auf wirtschaftlich gesunden Füßen steht. Aber gesund ist sie halt nur, wenn auch dem geselligen und kulturellen Leben der Einwohner - und auch deren Kurbeitrag zahlenden Gäste - gebührend Rechnung getragen wird.
Die „Jahnhalle“ ist also ins Gerede gekommen, und da scheint es richtig, ihrer rund 50 Jahre alten Vita einmal nachzuspüren, denn zuweilen wird manch Unsinniges über ihre Herkunft erzählt. Wahr ist: Ihre Geschichte beginnt mit dem nach Ende des Krieges explosionsartig aufflammenden Erlebnis - Hunger der von den Jahren der Entbehrung gebeutelten Menschen. Ausflugslokale, wie die ehemals blühende „Waldburg“ oberhalb von Remagen, hatten in den fünfziger Jahren Hochkonjunktur. Die in Bussen, Gruppen und einzeln zur „Waldburg“ pilgernden Menschenmassen wollten nicht nur die tolle Aussicht von hier oben genießen, sie wollten auch verzehren, feiern und tanzen. Die „Waldburg“ platzte angesichts der vielen Besucher aus allen Nähten. Die Besitzer ließen deshalb eine provisorische Veranstaltungshalle neben dem Hauptgebäude errichten. Sie gerieten dabei nachträglich mit den Baubehörden in Konflikt, und die verfügten nach langem Streit den Abriss der illegal gebauten Holzkonstruktion. Franz Fabritius, Lehrer an der
Remagener Volksschule, zugleich der dynamische, umtriebige Vorsitzende des Niederbreisiger Turnvereins und des örtlichen Verkehrs- und Verschönerungsvereins, kämpfte längst um die Errichtung einer Halle in seinem Heimatort, schon um den in ihrer Leistung herausragenden Breisiger Turnern (ihre Säbel- Degen- und Florettfechter z.B. gehörten zur Elite des deutschen Fechtsports) eine angemessene Trainings- und Wettkampfstätte zu verschaffen. Eine Lösung des Problems schien aus Kostengründen in weiter Ferne. Da hörte Fabritius zufällig von dem Schicksal der Halle auf der „Waldburg“, er erfuhr, dass der gesamte Holz - Bausatz der abgerissenen Festhalle für 20.000 D-Mark zum Verkauf stand. Nun traf es sich, dass der damalige Niederbreisiger Bürgermeister Heinrich Klein gerade sein Herz an das große internationale Volkstums- und Trachtenfest verloren hatte, das wiederum auf Betreiben von Franz Fabritius im Jahr 1959 in Niederbreisig erstmals stattgefunden hatte - mit riesigem Erfolg. Der aufstrebende Touristenort war dadurch in allen Medien präsent und Heinrich Klein erkannte in dem Fest eine großartige Werbemasche für den Ort, sofern man es zu einem alljährlichen Ereignis machen könnte. Aber auch für diesen Zweck bedurfte es einer dazu geeigneten Halle. Da kam ihm der Hinweis auf den verfügbaren Bausatz der „Waldburg“ – Halle gerade recht. Für den Kauf des Bausatzes der „Waldburg“-Halle wurde schnell ein Gemeinderatsbeschluss erwirkt. Die Konstruktion wurde gekauft, bevor Konkurrenten wach wurden. Erstaunlicherweise war auch ein Bauplatz für die Turn- und Festhalle schnell gefunden: Die Villa Wenté an der Koblenzer Straße mit ihrem Vorgarten stand zum Verkauf – ein idealer Platz, wenn man sie abriss und somit Platz für den mit wenig Aufwand zu errichtenden Holzbau schaffte. Wichtig war auch, dass man im Umfeld genügend Parkplätze einrichten könnte. Erstaunlich schnell wurde die Bau- Genehmigung beschafft, und bald wurde die preiswerte Halle errichtet. Damit man sie auch für alle angepeilten Zwecke nutzen könnte, stellte man die „Baracke“ rundum auf einen Steinsockel, erhöhte in der Mitte die Decke mittels Stahlträger (um bestimmte Turn – Disziplinen zu ermöglichen), baute einen Toiletten-Trakt, Umkleideräume mit Duschen und eine Küche seitlich an: Die Halle stand und wurde als Hommage an den Berliner Turn-Pionier „Jahnhalle“ getauft. Bald bewies der Bau mit ersten Großveranstaltungen seine Funktionstüchtigkeit. Erste Sport-Feste wurden darin aufgezogen – Breisiger Vereine hatten ein Zuhause. Die Halle erlebte erst die wahre Bewährungsprobe mit dem großen Volkstums- und Trachtenfest 1960, danach jährlich für die gleiche opulente Aufgabe über das folgende Jahrzehnt. Die „Jahnhalle“ diente in den Folgejahren für unzählige Sport- und Turnveranstaltungen, Konzerte und gesellige Events – sie wurde für das Kulturleben der Kommune Niederbreisig der nicht vollkommene, dennoch durchaus brauchbare Mittelpunkt. Eine ganze Reihe der hier stattgefundenen Veranstaltungen haben sich ins Gedächtnis geprägt: Z.B. Die Theaterabende mit dem Theater-Ensemble von Willi Millowitsch, die regelmäßigen Gastspiele der Bonner „Springmaus“, Gastspiele unzähliger Kabarettisten (z.B. Jürgen Becker, Jürgen Knebel, allein 16 mal Konrad Beikircher usw.), Abwicklung der deutschen Jugend-Fechtmeisterschaften, Box-Abende, Konzerte wie z.B. Ernst Mosch und seine „Egerländer“, Abendfüllende Auftritte von Kölner Kult-Bands wie „De Höhner“, „De Räuber“, das „Colonia-Duett“, Veranstaltungen mit afrikanischer, mit brasilianischer, mit polnischer und russischer Folklore – alles fand statt. Bei Konzerten mit der Sinfonie-Orchestern, auch dem WDR-Unterhaltungsorchester (mit Prof. Heinz Geese) usw. wurde wiederholt die vorzügliche Akustik des Holzbaus attestiert. Katzen-, Tauben- und Kaninchenausstellungen- die Halle war für alles geeignet. Jubiläumsveranstaltungen der Schützen, der Breisiger Liedertafel und des Turnvereins, die „Essener Tage“ zur Erinnerung an die historische Verbindung Essen - Breisiger Ländchen, dabei eingebunden Konzerte mit dem Essener Polizeiorchester, Konzerte großer ausländischer Chöre, aber auch des Passatchors aus Travemünde, der Küssnachter Jodler-Chor, nicht zu vergessen: die Serie überregional beachteter großer Rock-Festivals der bekanntesten Bands und… und…. Und: Was wäre die Karnevals-Gesellschaft von 1892 ohne die Jahnhalle? Unter ihrer Regie fanden in den rund 60 Jahren, da die Jahnhalle existiert, in ihr weit über 400 Karnevals- und Kulturveranstaltungen von über die Region hinaus geschätzter Qualität statt. Es ist halt nicht so, dass die „Jahnhalle“ nicht ausreichend genutzt wurde. Es bedurfte dazu nur genügender Initiative – und die kam (leider) oft genug nur von den dynamischen Vereinen. Aber – für kulturelle Initiative sollte die Halle mit ihren Möglichkeiten auch mehr von dazu eingerichteten Stellen der Stadt genutzt werden. Bürger und Gäste würden es durchaus dankbar zur Kenntnis nehmen. Keine Frage: Die Halle hat ihre Mängel, aber dank mancher stets für die Belange der Stadt ehrenamtlich wirkenden Bürger (in erster Linie aktive KG – Mitglieder) wurde sie über lange Jahrzehnte als ein vorzeigbarer, stets funktionstüchtiger Veranstaltungsraum erhalten und immer wieder nachgerüstet. Waren es doch z.B. Mitglieder der KG und einige Freunde, die im Jahr 1980 die wegen Brandschutz-Mängeln plötzlich für abrisswürdig erklärte „Jahnhalle“ sanierten, statt sie aufzugeben. In einem freiwilligen Einsatz wurden die Wände komplett ausgemauert, die Halle mit einer Brandschutz - Zwischendecke versehen, Küchen und Toiletten saniert, ein Foyer, Garderoben und Lagerräume abgetrennt, breite Notausgänge und eine mustergültige Ent- und Belüftung geschaffen. Es waren auch die vielen freiwilligen, die Arme hoch krempelnden Karnevalisten, die (für die Stadt kostenlos) Weihnachten 1993 die vom Extrem - Hochwasser demolierte Halle in einem beispiellosen Kraftakt wieder herrichteten, mit gespendetem Industrie - Fußboden versahen und bald so renovierten, dass sie schon nach drei Wochen wieder voll nutzbar war. Auf dem Vorplatz hat die KG Zuwege gepflastert und zusätzliche Parkplätze geschaffen. Durch ihren Einsatz konnten hier die ortsansässigen Gastronomen bemerkenswert gelungene Schlemmerabende ausrichten, die Kommune konnte Wahlen und politische Veranstaltungen durchführen, Bürger konnten Familienfeste organisieren, die Öffentlichkeit konnte Verabschiedung und Einführung von Bürgermeistern durchführen.
Fazit ist: Zur Zeit ist die „Jahnhalle“ weiter voll funktionsfähig; sie kann vom Veranstalter mit einer einwandfreien Küche und Theke bewirtschaftet werden, hat ordentliche Garderoben, genügend Lagerräume, annehmbare Toiletten, gute Be- und Entlüftung und isteinwandfrei zu beschallen. Die Elektrik ist weitgehend OK. Auch die Heizung funktioniert noch, müsste aber sicher bald ersetzt werden, wenn die Halle weiter in Betrieb gehalten werden sollte. Leider ist die Decke über der Bühne etwas niedrig, aber daran scheiterte bis heute noch keine Veranstaltung. Es waren vor Jahren schon Fonds geschaffen, mit denen eine Erhöhung der Decke finanziert werden sollte, doch dann sind die Gelder (leider) anderweitig verwendet worden. Die Halle hat kein Parkplatz-Problem und sie liegt zentral. Die „Jahnhalle“ lebt – hoffentlich noch lange ! Sie ohne Bereitstellung einer vollwertigen, einsatzbereiten neuen Veranstaltungshalle dem Wohnungsbau zu opfern, sollte gut überlegt werden. Das Gemeinwesen einer Kommune lebt von - meist in Vereinen organisierten - Bürgern, die etwas unternehmen, die eine Stadt erst lebens- und liebenswert machen – und sie brauchen ein angemessenes Zuhause. Mit unausgereiftem Ersatz für die Jahnhalle wäre weder den Vereinen, noch der gesamten Bürgerschaft gedient. Die Karnevalisten z.B. hoffen – auf Kölsch: „Er hät noch emmer Joht jejange!“
FA
