Rupert Neudeck begeisterte sein Publikum in der Kulturwerkstatt
An erster Stelle Respekt
Remagen. „18 Millionen Flüchtlinge sind derzeit in Afrika unterwegs, davon ein Viertel in oder auf dem Wege nach Südafrika. Die meisten aber wollen nach „Schengenland“, d.h. irgendwie nach Europa. Das Geld für die Reise haben sie sich fast immer in ihren Dörfern ausgeliehen, oft von obskuren Geldverleihern. Für die meisten gibt es daher kein Zurück, bevor sie nicht diese Kosten wieder reingeholt haben. Schon wurden die ersten ermordet, weil sie mit leeren Taschen zurückkamen und den Kredit nebst Zinsen nicht abzahlen konnten“, so Rupert Neudeck, der vor voll besuchtem Hause in der Remagener Kulturwerkstatt über seine humanitäre Arbeit in Afrika Arbeit berichtete.
„Natürlich können wir nicht 18 Millionen Menschen in Europa auf einmal aufnehmen. Da muss einerseits in den Herkunftsländern der Flüchtlinge selbst viel passieren. Aber einigen Zehntausend, die zum Beispiel in Mauretanien unter unmenschlichen Bedingungen gestrandet sind, sollten wir unbedingt helfen. Dies sind hoch motivierte Leute, die anpacken wollen. Wenn wir nur wenige Tausend im Jahr nach Deutschland nehmen und hier gut ausbilden und mit einem kleinen Kredit in ihre Heimatländer zurückschicken, dann könnten sie dort Großartiges auf die Beine stellen“, so der durch seine Hilfsaktionen für die Bootsflüchtlinge in Vietnam (Stichwort: Frachter „Cap Anamur“) 1979 bis 1982 weltbekannt gewordene Journalist aus Troisdorf. Schon jetzt unterstützt Neudeck mit seiner neuen Hilfsorganisation „Grünhelme“ die berufliche Ausbildung in einem Flüchtlingslager in Mauretanien, um einen Anfang zu machen.
Neudeck zog in seinem Vortrag, der auf Einladung des Arbeitskreises für entwicklungspolitische Bildung und des Eine-Welt-Ladens Remagen erfolgte, auch eine Bilanz der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika. Viel sei falsch gemacht, an anderer Stelle aber auch einiges erreicht worden. Eine Reihe von afrikanischen Staaten wie Ghana oder Uganda könnten heute selbstbewusst auf die eigenen Entwicklungsleistungen zurückblicken. Oder die Ethiopian Airlines: Diese Partnerfluglinie der deutschen Lufthansa böte heute Ziele überall in Afrika und sogar drei Mal in der Woche nach China an. Dies sei ein gewaltiger Fortschritt aus eigener Kraft. Deshalb sei auch das Prinzip „Handel statt Hilfe“ vielerorts in Afrika zu einer Kernforderung an den Westen geworden. Schon gar nicht sollten als „Nahrungsmittelhilfe“ getarnte Lieferungen hochgradig von der EU subventionierter Nahrungsmittel nach Afrika gekarrt werden, da sie dort die Märkte kaputt machten und die Bauern verarmen ließen.
Mit Blick auf das Verhältnis zwischen Europäern und Afrikanern mahnte Neudeck an, sich auf gleicher Augenhöhe zu bewegen und nicht als Besserwisser aufzutreten. „Was würden Sie sagen, wenn in Remagen eine Gruppe forscher Afrikaner oder Chinesen auftreten und sagen würde, „Ihr habt alles falsch gemacht. Ihr müsst die Wirtschaft und Verwaltung soundso verändern und Euch privat ganz anders verhalten?“ „Sie würden Sie wahrscheinlich rauswerfen!“, so der Referent. Anerkennung und Respekt seien daher die Stichworte einer neuen Form der Zusammenarbeit, die auf den Wünschen und Interessen der zu unterstützenden Menschen beruhen müsste. „Die Zeiten sind vorbei, Geld wie Manna über die Welt zu werfen und dabei ausgerechnet das nicht zu tun, was die Menschen dringend benötigen“.
Für den Arbeitskreis und den Eine-Welt-Laden sprachen sich Sabine Schwarz und Frank Bliss dem Gast abschließend aus, für seinen bewegenden Vortrag und die Teilnahme an der lebhaften Diskussion.
Pressemitteilung
Arbeitskreis für entwicklungspolitische Bildung Remagen
