Arp Museum zeigt Ausstellung „Der Max ist da“
Früchte einer Freundschaft: „Schönstes Spalierobst“
Beziehungen zwischen den Werken von Hans Arp und Max Ernst
Rolandseck. Lebenslang hielt die Freundschaft, die den damals 26-jährigen Hans Arp mit dem fünf Jahre jüngeren Max Ernst verband, seit sie sich 1914 in Köln kennen gelernt hatten. „Die schönsten Früchte am Baume Dadas, Spalierobst vom Scheitel bis zur Sohle, züchteten mein Freund Max Ernst und ich in Köln...“. So enthusiastisch schätzte Arp ihrer beider künstlerischen Eingebungen und Begabungen ein. Auch Stolz schwang mit darüber, wie man sich spielerisch die Bälle zuzuwerfen vermochte.
Die Wertschätzung und Nähe empfanden beide von Anfang an als stark. Sogleich schlossen sie ihren „Freundschaftspakt“, so Max Ernst. Weil dies vor 100 Jahren geschah und es mit dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck und dem Max Ernst Museum Brühl des LVR je ein Haus gibt, das einem der Künstler gewidmet ist, breiten sie das Spektrum dieser besonderen Freundschaft in einer Doppelausstellung aus und bereichern sie durch gegenseitige Leihgaben.
Den Kölner Dadaismus begründet
Heißt es unter dem gemeinsamen Untertitel „100 Jahre Freundschaft Hans Arp und Max Ernst“ in Brühl „Der Arp ist da!“, lautet der parallele Ruf in Rolandseck „Der Max ist da!“. Kaum, dass sie aufeinanderstießen, trieben ihre Biographien auseinander. Ernst meldete sich als Kriegsfreiwilliger, Arp floh nach Zürich und wurde dort Mitbegründer des Dadaismus. Doch nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, begründeten Arp, Ernst und Johannes Theodor Baargeld zusammen den Kölner Dadaismus. Damit begann die gegenseitige künstlerische Befruchtung von Arp und Ernst, die sich durch all ihre Schaffensphasen zog. Gekennzeichnet war sie von gemeinschaftlichen Projekten und unter anderem im Jahr 1954 beider Teilnahme an der 27. Biennale von Venedig, aus der sie höchst erfolgreich hervorgingen: Max Ernst erhielt den großen Preis für Malerei, und Hans Arp nahm selbigen für Skulptur entgegen. Separate und gemeinsame Stationen der Lebenswege sind in Rolandseck auf einer großen Text-Bild-Tafel nachzulesen.
Inspiration Natur
Dem Besucher hilft beim aufschlussreichen Rundgang, dass sich die Beschriftung für Max Ernsts Schaffen in Rot von der schwarzen Schrift für die Arpschen Arbeiten abhebt. Allenthalben scheinen Bezüge auf. Beide befassten sich mit der menschlichen Figur. Von Arp sind Zeichnungen und Collagen seiner zu Hunderten variierten „Poupées“ zu sehen, doch auch die silberfarbige Skulptur „Drei Grazien“ und eine ebenfalls gewellte blaue Glasfigur. Weit weniger abstrahiert malte Max Ernst einen Tänzer unterm Sternenhimmel. In einem anderen Bild mit dem Titel „Sie haben zu lange im Walde geschlafen“ scheinen die wilden Protagonisten, völlig surreal, klobig und hohlköpfig gebaut, alle Ringelreihen dieser Welt ironisch zu kommentieren. Ebenso inspirierte die Natur beide Künstler. Arp schuf, angeregt durch Wolken, Sterne, Steine seine „Konstellationen und „Konfigurationen“. Bewegte Ovale zählten alsbald zu seinen elementaren Grundformen. Als Max Ernst 1935 bei Alberto Giacometti in der Schweiz besuchte, bearbeitete er Steine des Forno-Gletschers zu ovalen Skulpturen mit Mensch- und Tiereinritzungen. Drei fasst die Ausstellung als Gruppe zusammen. Mehr Verwandtschaft erschließt sich angesichts der Bronzen von Arps „Constellation“ und Ernsts „Table mise“ (Gedeckter Tisch).
König und Alien
Sensibilisiert für Analogien, wird man etwa aufmerksam auf das Eulenmotiv in Arp bemaltem Holzrelief „Antipode de la monnaie II“ und im Ölgemälde „Les phases de la nuit“ (Die Phasen der Nacht) von Max Ernst. Man bringt sogar Arps Kartonrelief „Person mit Hörnern vom Menschen weit entfernt“ (1955) zusammen mit der wunderbaren Bronze von Ernst „The King playing with the Queen” (Der König spielt mit der Königin, 1944) – der Hörner wegen, die auch der König trägt. Das ist bei aller Gemeinsamkeit spielerisch-poetischen Vorgehens und gleicher Inspirationsquellen wohl auch der fokussierten Wahrnehmung geschuldet. Denn die Unterschiede der jeweils einzigartigen Formensprachen treten ebenfalls hervor, zum Beispiel, wenn auf einem Podest mit lauter Arp-Objekten die Ernst-Figur „Gai“ (lustig) steht. Der Name passt. Wie ein Alien, so andersartig, wirkt bei näherem Hinsehen das ulkige Kerlchen mit Gesicht und einer Art Regenschirm. Ebenso unvorstellbar ist, dass die eigenwillige Max Ernst-Bronze „Jeune femme en forme du fleur“ (Junge Frau in Gestalt einer Blume) mit eckigem Kopf und minimierten Gesichtsmerkmalen über einer Blüte von Hans Arp käme, obwohl auch er in seinen Skulpturen Gestalten und gerundete Pflanzenformen vereinte.
Frottagen und Wort-Eruptionen
Schwärmen über den Einfallsreichtum und die wundersamen Anmutungen unbekannter Strukturen in bekannten Motiven lässt sich vor Ernsts „Histoire naturelle“ (Naturgeschichte). Die Blätter von Ernsts erstmals 1926 veröffentlichtem und 1972 nochmals aufgelegtem umfangreichsten Frottagen-Zyklus faszinieren durch die sinnliche Wirkung durchgeriebener Musterbildung aus der Natur sowie der Art, wie Ernst damit gestalterisch operiert. Auch die ersten aus Ernsts dunkler Seite seiner Fantasie geborenen Vögel tauchen auf. Klar wird, dass der Künstler fabelhafte Rätsel entwarf, die nicht der Auflösung harrten, sondern der Erweckung mannigfacher Assoziationen. In diesem Bestreben war Hans Arp mit dem Freund eines Geistes Kind. Denn Arp, die künstlerisch bildende und dichtende Doppelbegabung, verfasste zum Mappen-Werk der Naturgeschichte eine verrückte Einleitung. Darin schrieb er etwa: „Mit seinen elfeinhalb Schwänzen zählt der Mensch im möblierten Zimmer des Weltalls zehneinhalb Gegenstände, die in ihren Knopflöchern Vulkane und Geysire tragenden Vogelscheuchen, die Schaufensterfronten der Eruptionen, die Auslagen des Lavafadens, die Systeme von Sonnengeld…“
Die anregende Ausstellung in Rolandseck ist bis Sonntag, 22. Februar, geöffnet: dienstags bis sonntags, von 11 bis 18 Uhr. Unter www.arpmuseum.org informiert das Museum über das Begleitprogramm, gleiche Öffnungszeiten gelten für die Ausstellung „Der Arp ist da!“, im Max Ernst Museum, Brühl, Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1. Es gibt einen gemeinsamen Katalog.
5101,1: Mensch und Pflanze vereint Max Ernst in dieser „Jeune femme en forme du fleur“ (Junge Frau in Gestalt einer Blume).
