Künstlerforum Remagen - Ausstellung in der Villa Heros
„Heimat“ kann so vieles sein
Neun Mitglieder des Künstlerforums vermitteln ihre persönlichen Annäherungen in einer Ausstellung
Remagen. Was „Heimat“ ist, „wird oft erst klar, wenn diese bedroht ist oder verloren geht“, sagte Dieter Wessinger zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung in der Villa Heros. Krieg, Flucht, Naturkatastrophen, Globalisierung und Internet lassen Heimat als „fragiles Konstrukt“ erscheinen. Wessinger selbst, einer von neun Künstlerforum-Beteiligten, setzt dem Unbehaustsein ein Denkmal, indem er durch ein grau getünchtes Konglomerat von 189 Milchkartons anonyme Siedlungen heraufbeschwört. Hatice Caska-Oehm aber erklärt, dass man sogar mehrere Heimaten besitzen kann. „Das eine spricht deutsch, das andere türkisch, dennoch verstehen sie sich“, deklamierte die Dirndl tragende Kulturwanderin aus ihrem Poem „Zwei Herzen“. „Denn, sie schlagen in einer Brust, in einer einzigen, in meiner“, zitierte Caska-Oehm die Schlusszeilen.
Sie bringt neben Gedichten, die das „Hier“ und „Da“ ausloten und von ihren 46 Jahren in Deutschland sprechen, auch ein Poesiealbum mit. Weil sie sich manches Mal zwischen zwei Stühlen fühlte, dürfen diese als Stellvertreter zweier Sprachen, Kulturen und Klimazonen die Gedichte begleiten. Ganz anders macht Peter Mallmann von den gleichen Möbeln Gebrauch. Er übt Politikkritik per Installation „Heimat in Europa“. Rot-schwarz-gelbe Stühle, ein Klosett und ein Stuhl mit Griechenlandflagge vermitteln drastisch: Deutschland verliert, seiner üppigen Finanzspritzen wegen. Meist aber thematisieren die Künstler Intimität oder Fremdsein. Ein intensives, sehr persönliches Bekenntnis liefert Anja Katrin Grimm, die mit Super-8 Filmen ihres Großvaters der Jahre 1961 bis 1972 lebensfrohe Familiensequenzen von heiter bis kurios aufzeigt: Gute Laune im Opel Kapitän und Fiat 500, die erwachsene Tochter beim Wäscheaufhängen und Kühefüttern im Bikini, Feste mit selbst geschossenem Wild und Opa, der nach einem Wespenstich den Daumen luxuriös im Weinglas kühlt.
Ausgewählte private Räume rücken Rosmarie Feuser mit zwei hochgestellten Panoramafotos ihres Ateliers und Cornelia Harss als fabelhafte Malerin des Trost- und Rückzugsortes Badewanne ins Visier. Letztere blickt gleich dreifach aus authentischer Perspektive, allerdings in verschiedenen Badezimmern auf ihre schaumumrandeten Beine und kleiner werdende Kacheln. Die Künstlerin unterminiert zudem die eindeutige Bewertung von Zuhause: So wohlig wie sich ihre „Frau Baumann“ beim Fernsehgucken auf dem altdeutschen Sofa ausgestreckt, so glücklich ist ebenfalls der Landstreicher über den ergatterten, geschützten Schlafplatz in fremden Räumen. Wie sehr der Anblick vertrauter Dinge Geborgenheit zu spenden vermag, das führt Gitta Büsch mit unprätentiösen anrührenden Aquarellen von Kochtöpfen, Küchengeschirr, „Mutters Nähmaschine“ und „Vaters Kurbelwelle“ vor.
Dagegen bringt Pieter Jos van Limbergen das tradierte Szenarium der Schäferidylle ins Wanken, wenn er den Hirten und seine Tiere zweimal in „reiner“ Natur fotografiert und einmal vor dem Hintergrund eines Atommeilers. Dass Heimat, wie auch immer definiert, mit tiefen, guten Gefühlen zu tun hat, wird einem angesichts der digitalen Interieurs „Daimlerstraße“ von Harald Priem bewusst. Gerade, weil diese nicht den Funken eines solchen Gefühls entfachen können. Früher waren die Quartiere vielleicht einmal Heimat für ihre Bewohner. Nun aber sehen die abgelebten, verlassenen, verdreckten Räume so aus, als ob kein menschliches Wesen mehr irgendwelche Mühen in sie investiert, weshalb in ihnen nur noch das kalte Grauen wohnt. Auf den zweiten Blich erkennt man, dass Priem die ehemaligen Domizile auf seine Weise in Besitz nimmt. In surrealer Übergröße lehnt er etwa einen als Ascher benutzten Teller an die Wand und lässt eine Lampe raumfüllend schweben.
Die Ausstellung ist bis Montag, 11. November, samstags und sonntags, von 15 bis 18 Uhr, geöffnet.
