Die Galerie Rosemarie Bassi präsentiert Mary Bauermeisters Objekte, Grafik und Installationen
In Kontakt mit dem eigenen Genius
Remagen. Weißes Gewand, graue Haare, lebendige blaue Augen. Kein Zweifel: Die Künstlerin ist anwesend. Mary Bauermeister war ein Glückfall für alle interessierten Vernissagebesucher der Galerie Rosemarie Bassi. Sie erzählte, erklärte bereitwillig, kommentierte auch begeistert, was sie von der ungewöhnlichen Kunstdichte im Zentrum Remagens hält: „Eine kleine Stadt mit so vielen Galerien und alle helfen einander, wo gibt es denn das?“ Rosemarie Bassi zeigte sich bei der Vernissage überwältigt: „Heute ist ein Wahnsinnstag. Ich denke zurück an 1979, ich denke an den Rolandshof“.
Damals stellte sie in Rolandseck als erste deutsche Galerie Bauermeister aus und danach noch zweimal. „Sie lebt die Kunst und sie lebt ihr Leben in der Kunst“, zollte Bassi ihr höchstes Lob. Die Künstlerin hat damit nicht aufgehört. Im Gegenteil: „Ich vergrößere mich, ich komme mir vor, wie ein alter Baum, der noch mal Früchte trägt“. 40 Jahre lang hat sie ihr Atelierhaus mit Garten in Forsbach bei Köln eingerichtet. Sie will es als Museum betreiben mit ihrem Archivar Hauke Ohls, der auch zur Eröffnung kam, als Leiter. Derweil baut sie ein neues riesiges Atelier in einem Pferdegestüt im Oberbergischen auf.
Fülle an Ideen, Techniken, Materialien
Was die als „Mutter des Fluxus“ apostrophierte hellwache 80-Jährige in rund sechs Dekaden Künstlerleben erfahren, angestoßen und praktiziert hat, kann eine einzige Ausstellung natürlich nicht spiegeln und ist auch schwer fassbar. Dennoch breitet die neue Präsentation „accompagnata“, die Galeristin Bassi begleitend zur großen Retrospektive „da capo“ im Mittelrhein Museum Koblenz zeigt, eine Fülle an Ideen, Techniken und Materialien aus.
Bauermeister hat Kunstgeschichte geschrieben. Schon Anfang der 60er Jahre traf sich in ihrem Kölner Atelier in der Lintgasse 28 die Avantgarde der Kunst, mit Namen wie Nam June Paik, John Cage und weiteren Persönlichkeiten aus Literatur, bildender Kunst und Musik, so auch ihr späterer Ehemann Karlheinz Stockhausen. Bauermeister ermöglichte im Atelier Konzerte und Aufführungen. Musik, Malerei, Lyrik – die Künstler waren auf der Suche nach interdisziplinären Formen, was Bauermeister, die dies förderte, zur Prä-Fluxus-Protagonistin macht. In New York, wohin sie 1962 mit Karlheinz Stockhausen ging und in den wichtigsten Museen ausstellte, feierte die Innovative künstlerische Erfolge, „mit dem, was man in Deutschland als Handarbeit abtat, jedenfalls nicht als Kunst akzeptierte“ – ihren Textil- und Steinkompositionen sowie den mehrschichtigen Linsen-Arbeiten.
Sie gehört zu den wenigen weiblichen Künstlern dieser Zeit, die den Sprung zur Weltgeltung schafften. Anfang der Siebziger kam sie wieder nach Deutschland, arbeitete zurückgezogen vom Kunstmarkt. Vielleicht ist sie auch deswegen in der Heimat weniger bekannt ist, als im europäischen Ausland und in den USA.
Verzweigter künstlerischer Kosmos
Und damit lockt die Schau in Remagen: Kästen oder Scheiben mit eingeschlossenen optischen Linsen brechen das Licht, bezirzen durch Reflexionen, ins Rund gezauberte Minibilder und, so sie frei im Raum hängen, durch Mehransichtigkeit.
Sogar Linsen-Tische hat Bauermeister geschaffen, die offenbar keine Scheu verspürt, ihre Kunst dem Alltagsgebrauch dienstbar zu machen. Durchblick gewährt auch der Lichtkasten von 1963 mit Laken, dessen eingefasste Aussparungen als lichte Lachen und Buchstaben erscheinen. „Yes, so perhaps“ lautet die alles in der Schwebe lassende Aussage. Solcher Leichtigkeit stehen die Steinarrangements auch aus jüngerer Zeit gegenüber. Steine wachsen in Rundformationen empor, sie bilden darin zugleich Brücken aus von einer Windung zur anderen, so in der Bodenarbeit „Schwarzer Spiralnebel - Steinchaos dunkel“.
Eine Anordnung „Verschrägung“, ausgehend vom Quadrat mit Geröllecke und Regelwerk, bricht im eleganten Schwung nach rechts oben aus, und ein weiteres Steinwandbild hat die „Ausgefranste Auflösung“ erreicht. Graphisch schmeicheln sich die filigranen Linienwirbel „Zwillinge schwarz-weiß“ ins Auge. Viel zu sehen, entdecken, entziffern und zu rätseln gibt es dann nicht allein im „Pittsburgh Poster mit Holzobjekten“ von 1967, das Darstellungen von schnippelnden und zeichnenden Händen, Formeln und Schrift mit Segmenten veritabler Holzkugeln vereint. Enthalten sind auch Künstlerfragen, wie „What to paint?“ (Was malen?), dazu die Antwort: „paint some unsculptable sculptures“ (Male einige bildhauerisch nicht herstellbare Skulpturen).
Die Zeichnung „Esoteric healing“ von 1973 wartet zwischen zwei sich kreuzenden regenbogenfarbigen Streifen mit Gedanken zum Thema Krankheit auf. Durch Trauma hervorgerufener Krebs, Krankheit aus Mangel an Liebe und Heilung durch Liebe, Einheit, Ganzheit, Harmonie. Sexuelle Energie und kosmische Relationen fließen ebenfalls ein.
Doch nicht nur alle Grenzen der Welt durchströmende Energien, Chaos und Ordnung als auch Natur und Wahrnehmungsphänomene interessierten Bauermeister. Wie sehr die Zeitgeschichte ins Werk hineinspielt, macht eine politisch orientierte Phase Mitte der 1960er Jahre bis Anfang der 1970er deutlich. Aus ihr stammt die Grafik „Don’t defend your freedom with poisoned mushrooms” (Verteidige Deine Freiheit nicht mit vergifteten Pilzen”), mit der Bauermeister Kritik an Atomwaffen übt. Die sarkastische Zeichnung „No fighting on Christmas” (Kein Kampf an Weihnachten) mit Kruzifix-Karikaturen zielte in die gleiche Richtung. Zu den jüngsten Arbeiten zählt ein umgedrehtes Deutschland-Fahnenbild, das zuunterst Schwarz mit dem Schriftzug „Erde“ und darauf vitales Rot und Sonnengelb lagert.
Askese tut der Kunst gut
Bauermeister signierte während der Vernissage auch ihr Buch „Ich hänge im Triolengitter“ über ihr Leben mit Karlheinz Stockhausen, mit dem sie von 1967 bis 1973 verheiratet war. „Sehr froh“ ist sie über die Ausstellung in der Galerie, wegen des Tageslichts für ihre Linsen-Arbeiten und weil sie Galeristin Bassi besonders schätzt: „Diese Frau liebt die Dinge, die sie vertritt.“
In der Kunst vermisst Bauermeister gegenwärtig die Auseinandersetzung mit Themen und beklagt, „heute wird ja alles ökonomisiert“. Als junge Künstlerin habe sie erfahren: „Eine gewisse Askese tut der Kunst gut. Das Motiv darf nicht Geld sein. Geld ist Nebeneffekt einer guten Arbeit“. Die ewig Unangepasste flog von zwei Kunstschulen, die sie besuchte, um Techniken zu erlernen. Gestalten wollte sie immer nur das, „was ich an Inspiration und Intuition empfangen habe“. Die Künstlerin erklärt: „Ich bin nicht Teil einer Bewegung, ich habe nur eine Verpflichtung, in Kontakt mit meinem Genius zu sein. Wenn ich mich nach außen orientiere, bin ich in der Mittelmäßigkeit. Wenn ich mich am Geschmack anderer orientiere, bin ich Opfer des schlechten oder guten Geschmacks.“
In den 1960ern wollten die Künstler ausbrechen aus traditionellen Kunst- und Lebensformen.
Danach gefragt, was im Leben am wichtigsten sei, antwortet die Künstlerin und Mutter von vier Kindern dreier Väter, „verantwortlich sein, nicht nur für meine Taten, sondern für die Menschen.“ In ihrer Jugend hätten sie ästhetische Probleme umgetrieben, nun seien es gesellschaftliche Themen und „die Gestaltung einer enkeltauglichen Zukunft“. Damals hätten sich die Künstler in Grenzüberschreitungen geübt, „aber wenn es kein einziges Tabu mehr gibt, dann müssen die Künstler für Ordnung sorgen“.
Die Ausstellung ist bis 5. Oktober zu sehen, mittwochs bis sonntags 14 bis 18 Uhr. Zum Remagener Kunstsalon gibt es am Sonntag, 13. September, ein Künstlergespräch mit Mary Bauermeister in der Galerie, Marktstraße 109.
