„Kriegskinder“ erinnerten sich im Remagener Pfarrzentrum
Krieg, Flucht und fremde Väter
Sieben Zeitzeugen schilderten die Kriegsjahre und die Nachkriegszeit aus Kindersicht
Remagen. Betroffene Stille herrschte so manche Minute im Remagener Pfarrzentrum, als sieben Zeitzeugen, sogenannte „Kriegskinder“, in den Jahren zwischen 1930 und 1945 geboren, von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählten. Da war die Rede von fremden Männern, ihren Vätern, die aus dem Krieg oder der Gefangenschaft heimkehrten, und ihnen teils völlig fremd geworden waren. Eingeladen worden waren diese „Kriegskinder“ zu Gesprächen von Mechtild Haase vom Caritas-Verband Ahrweiler und von Christoph Hof, Pastoralreferent im Dekanat Remagen-Brohltal.
Nach einer Lesung der Journalistin und Autorin Sabine Bode aus ihrem Buch „Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ traf sich die Gruppe interessierter „Kriegskinder“ zu einer Gesprächsreihe. Die Treffen boten die Gelegenheit, von prägenden Kindheitserlebnissen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit zu erzählen und sich auszutauschen.
Aus der Fülle dieser Erinnerungen erzählten Wolfgang Breith, Ruth Kilp, Helga Hofmann, Helene Pertz, Hubertus Kreickmann, Angelika Fuchs und Harald Schmitz-Hübsch am vorletzten Dienstag vor knapp drei Dutzend Interessierten.
Zuvor erläuterte Mechtild Haase, das man früher gesagt habe: „Ach, die Kinder haben das alles nicht so mitgekriegt.“ Doch das Erlebte habe geprägt. „Es tut einfach gut, sich das von der Seele zu reden. Es kann aber auch für andere und die Familie interessant sein“, betonte Haase die Beweggründe für diese Gesprächsreihe. Aus den Gesprächen waren einzelne Erinnerungen eines jeden für diesen Abend im Pfarrzentrum vorbereitet, in Themen wie „Väter“, „Flucht“ und „Vertreibung“ geordnet worden.
Und was die Zeitzeugen zu erzählen hatten, machte betroffen, beeindruckte nachhaltig und trieb den Zuhörern das eine oder andere Mal die Tränen in die Augen. Da zitierte Ruth Kilp einen Satz ihres Vaters vom 1. September 1939: „Jetzt haben es die Idioten doch tatsächlich wahr gemacht und marschieren in Polen ein.“ Das Grauen des Zweiten Weltkrieges hatte seinen Anfang genommen.
Da erinnerte sich der 1944 fünfjährige Harald Schmitz-Hübsch an die vielen roten Fähnchen und Fahnen mit Hakenkreuzen aus Anlass von „Führers Geburtstag“: „Das triefende Rot der Fahnen aus den Fenstern. Ich war verzaubert. Das war ideologische Verführung pur.“ Schmitz-Hübsch erinnerte sich aber auch an eine blutrote Feuerwand, wie ein riesiges Martinsfeuer hat er das bombardierte Köln im Gedächtnis. Auch an den Satz seines Kindermädchens „Ach, mein geliebtes Köln“ erinnerte er sich.
Monika Hofmann erinnerte sich an das Jahr 1948. Sie war fünf Jahre alt, als ihr Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam: „Ich schrie, weil der Mann für mich ein Fremder war.“ Auch Angelika Fuchs hatte geschrien, als ihr Vater im September 1945 halb verhungert aus russischer Gefangenschaft heimkehrte. Sie musste ihn später ihn der Nervenklinik besuchen, denn er hatte den Krieg nicht verkraftet. Allen „Kriegskindern“ wohl gleich ist, dass sie ihre Väter vermisst hatten oder ganz ohne Väter aufgewachsen waren. Die Väter waren, kehrten sie heim, oft nicht mehr dieselben wie vorher. So auch der Vater von Schmitz-Hübsch, der 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft in einem Asbeststeinbruch im Ural barfuß mit Glatze, Wasserbauch und Fleckfieber zurückkehrte. „So lief er jahrelang durchs Dorf. Meine Mutter schämte sich noch Jahre für ihn“, so Schmitz-Hübsch. Als er selbst als junger Mann in die Welt hinaus gewollt habe, habe sein Vater ihm gesagt: „Sieh zu, dass du weg kommst, denn mir hat man meine Jugend gestohlen.“ Auch die Flucht kam in den Erinnerungen zum Tragen. Wolfgang Breith zeigte den Steiff-Teddy seiner Tante, der ihn, seinen Bruder und die Oma 1946 bei der Vertreibung aus dem Riesengebirge begleitet hatte. Mit Großmutter, Mutter und Bruder war die knapp zweijährige Monika Hofmann aus Breslau geflohen. Mit im kleinen Gepäck hatte die Mutter ein Stück Spitze vom Hochzeitskleid. „Damit wollte sie wohl an ihrer Würde festhalten in der neuen Heimat“, so Monika Hofmann.
Viele Erinnerungen folgten, die die Zuhörer betroffen machten. Im Anschluss unterhielten sich die Zeitzeugen mit den Zuhörern und besichtigten eine Stellwand, an der Angelika Fuchs den zeitlichen Ablauf des Krieges und eine Reihe von Fotografien zusammengetragen hatte.
