Allgemeine Berichte | 23.09.2013

Reich-Ranicki im Bahnhof Rolandseck

Marcel Reich-Ranicki starb mit 93 Jahren

Einmal trat Deutschlands einflussreicher Literaturkritiker auch im Kreis Ahrweiler auf Vor fünf Jahren sprach er im Bahnhof Rolandseck zum 10. Geburtstag des Verbandes der Redenschreiber

Der hohe Gast gab erwartungsgemäß den klugen, streitlustigen und gewitzten Redner. HG

Rolandseck. Deutschlands wichtigster Literaturkritiker ist tot. Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. Wie kein zweiter hat er leidenschaftlich für die Literatur geworben. Sie war ihm, der sich in seiner bewegenden Biographie „Mein Leben“ als halber Pole, halber Deutscher und ganzer Jude bezeichnete, eine wahre Heimat. Es zeichnete Reich-Ranicki aus, dass er seine Kritiken als Dienst am Leser verstand. Äußerst wichtig war es ihm, verständlich zu schreiben, um möglichst vielen die Literatur näher zu bringen. Als Überlebender des Holocaust wanderte der gebürtige Pole 1958 nach Deutschland aus und wurde bald eine der einflussreichsten Stimmen der deutschsprachigen Literaturszene. 14 Jahre lang schrieb er für „Die Zeit“. 1973 bis 1988 leitete er den Literaturteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Zur Förderung der deutschen Lyrik rief er 1974 die von ihm betreute „Frankfurter Anthologie“ ins Leben. Seither erschien jeden Samstag in der F.A.Z. ein deutsches Gedicht mit Interpretation. Reich-Ranickis Besprechungen waren ersehnt und gefürchtet, denn der Wortgewaltige scheute sich nicht zu rühmen und zu verreißen. Das Publikum dankte es ihm, dass er sich pointiert, farbig und unterhaltsam über das ausließ, was ihm zwischen zwei Buchdeckeln Ärgernis oder literarische Wonne bereitete. Besondere Popularität erreichte er über das Medium Fernsehen. Das „Literarische Quartett“ im ZDF (1988 bis 2001 sowie 2005 und 2006) mit ihm als Leiter und Teilnehmer drang sogar in Kreise vor, die sich nur mäßig für Literatur begeistern. Große Aufmerksamkeit erreichte er zuletzt durch seine eindrucksvolle Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012 im Deutschen Bundestag.

Zu Besuch im Bahnhof Rolandseck

Zumindest einmal trat der charismatische, temperamentvolle, mitunter auch charmante Reich-Ranicki auch im Kreis Ahrweiler auf. Im historischen Teil des Arp Museums, im Bahnhof Rolandseck, einem Ort, der seit jeher gebildete Geister und Prominente gesehen hat, sprach er am 31. Mai 2008 auf der Mitgliederversammlung des in Bonn gegründeten Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). Die Einladung erfolgte aus Anlass des zehnjährigen Geburtstags der Vereinigung. „Der Redenschreiber, ehedem eine skurrile Randerscheinung im Kreise der Werktätigen, ist als Beruf weitgehend auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen“, sagte damals Präsidentin Minita von Gagern. Redenschreiber würden die Weisheit und den Witz der Jahrtausende im Dienst der Rede-Botschaft vorsortieren und bündeln. Der VRdS mit bundesweit über 400 Mitgliedern in Politik, Wirtschaft, Verwaltung habe auch maßgeblich dazu beigetragen, dass in Debattierclubs an Universitäten und Schulen die freie Rede geübt werden kann. Die Präsidentin tat gut daran, vor den 65 Versammelten die Verdienste des Verbandes herauszustellen, denn was auch immer von Reich-Ranickis Ausführungen erwartet werden mochte, sah er dies nicht als seine Aufgabe an. Auch für die Redekunst im Allgemeinen fand er nicht nur Anerkennung, sondern auch Skepsis.

Redekultur in Literatur und Wirklichkeit

Er sprach, wofür er bekannt und beliebt ist, klar und verständlich, war ernst und heiter, ironisch und witzig über Redekultur in Literatur und Wirklichkeit. Die ersten Reden, denen er begegnete, waren die von Brutus und Marc Anton aus Shakespeares „Julius Caesar“. Der knappen Rede des Brutus setzte Marc Anton seine rhetorisch brillante entgegen. „Alles gelogen, aber er überzeugt das Publikum auf dem Forum Romanum.“ Luther bedurfte Gutenbergs Buchdruckerkunst, um vorzudringen, Hitler wäre wohl kaum so „erfolgreich“ gewesen, „wenn nicht der Rundfunk alle seine Reden übertragen hätte“. Mit leidender Mine fragte Reich-Ranicki, ob die heutigen Reden denn alle sein müssten, um dies für jene im Parlament und im Gericht zu bejahen. Glänzende Reden vor Gericht gebe es in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“.

Der Erfolg von Politikern hänge, so der Gastredner, viel zu sehr von ihrer Redebegabung ab. Andere Fähigkeiten müssten hinzukommen. „Sie sehen, dass ich das Ganze ambivalent sehe“, so Reich-Ranicki nonchalant. „Wir können nur dafür sorgen, dass unsere Kinder lernen, Reden zu ertragen und zu halten.“ Minita von Gagern scherzte daraufhin: „Es zeigt das Selbstbewusstsein des Verbandes, dass wir jemanden wie Sie eingeladen haben, von dem wir kein flammendes Plädoyer erwarten konnten. Sie sind ja nicht wirklich tauglich das Redenschreiben zu verfechten“. Reich-Ranicki aber bot durchtrieben Paroli: „Ich könnte das schon hinkriegen, was Lobendes zu sagen, aber doch nicht hier, wo Sie alle versammelt sind, um sich selbst zu feiern“.

Der hohe Gast gab erwartungsgemäß den klugen, streitlustigen und gewitzten Redner. Foto: HG

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