Arp Museum bereitet den Stipendiaten des Schlosses Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz eine Plattform
Offenes Terrain für junge Kunst
Ausstellung noch bis 12. April geöffnet
Remagen. Wem ist das nicht schon passiert: Auf der Suche nach mehr Erkenntnis blickt man auf das Schild zum Kunstwerk, nur um zu erfahren, dass der Künstler auf den Titel verzichtet hat. „o.T. (ohne Titel)“ muss derzeit auch eine Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck auskommen. Eine Verneinung als Motto zu wählen, zwei dürre Buchstaben mit Punkt dahinter, dieser leicht als Verweigerung und schwerlich als Einladung zu verstehende Minimaltext ist vielleicht nicht die ideale Werbung für die neue Präsentation. Dabei hätte sie genau das verdient. Am besten stellt sich der Besucher vor, „o.T“ stehe für „offenes Terrain“. Denn in der Ausstellung zeigen 15 Künstler ihre Arbeiten, die 2014 in den Genuss von Anwesenheitsstipendien im Künstlerhaus Schloss Balmoral kamen oder von Projekt- und Reisestipendien des Landes Rheinland-Pfalz.
Das Stipendium hält ihnen finanziell den Rücken frei und gewährt künstlerisch freie Bahn, wenngleich für die Balmoral-Stipendiaten mit Malerei erstmals ein Thema ausgegeben wurde. Auch „o.T.“ stellt eine Premiere dar: Die Ausstellung ist zum Jubiläum 20 Jahre Künstlerhaus die erste von zukünftig alljährlich im Arp Museum zu bestaunenden Abschluss-Präsentationen der Stipendiaten. Museumsdirektor Oliver Kornhoff, zugleich Leiter des Künstlerhauses Balmoral seit 2013, wirkt als Scharnier und öffnet nur zu gerne die Rolandsecker Museumstüren für die jungen noch nicht etablierten Positionen.
Rasante Tunnelmalerei
Um sie ins beste Licht zu rücken, hat der Stipendiat und Kurator der Ausstellung Arne Reimann stilistische und thematische Gewichtungen vorgenommen. In den Tunnel, der den Bahnhof mit dem Museumsneubau verbindet, schießen kraftvoll und rasant Linien und Flächen einer schwarz-weißen Wandmalerei ein. Balmoral-Stipendiatin Christine Rusche agiert ökonomisch und effektiv, indem sie ein Gestaltungsmodul gespiegelt und gedreht vier Mal einsetzt. Der Besucher erlebt gleichsam eine Verbildlichung des Rauschens der Züge. Einbezogen in die Ausstellung ist auch das Foyer. Wo der ukrainische Künstler und Architekt Serhii Torbinov seine ortsspezifische Installation in einer Raumnische festmacht, lässt der Konstruktivismus grüßen. Abgezirkelte schwarze Formen mit feinen roten Linien erscheinen auf der weißen Wand wie ein geometrisches Gemälde – auf den ersten Blick. Doch sind es nicht gemalte, sondern bemalte abgewinkelte Flächen, die sich auch nicht auf eine Wand beschränken, sondern aus ihr hervortreten und auf die Nachbarwände und den Boden übergreifen - eine frappierende räumliche Inbesitznahme.
Architektur der Armut
Auf ganz andere Weise bewegt, wie wenige Meter weiter die Koreanerin Hyejin Cho eine Architektur der Armut inszeniert. Sie hat fragile ruinöse Behausungen aus verkohlten Ästen geschaffen und erinnert so, auch auf leidvolle familiäre Erfahrungen gründend, an Verelendung von Wohnsituationen in Seoul.
Treppauf begegnet man in der eigentlichen Ausstellungsetage Gaby Peters‘ kalt-aggressivem „Haha“-Arrangement bestehend aus schwarzen Kugeln auf Springfedern und grellroten Plastikmündern mit gebleckten Zähnen auf weißen Wandpodesten vor Spiegeln. Den Kontrast dazu bildet ihre reizlose Konfettimaschine. Tina Kohlmann aus Frankfurt am Main steuert eigentümliche Masken bei. Sie schöpfen aus ethnischen Traditionen, sind aber in ihrer Materialität – farbige Kunststoffseile – offenkundig moderne Kreationen. Es fasziniert, dass von diesen Pseudogesichtern, obgleich sie keinem bestimmten Kult-Kontext entspringen, doch etwas Bezwingendes ausgeht.
Gut. Schlecht. Pfui
Das Kopfkino startet automatisch angesichts der Fotoserie „Auschwitz Parking“ des gebürtigen Ukrainers Kirill Golovchenko. Der in Mainz und Odessa lebende Künstler zeigt keine Konzentrationslager, sondern Alltagsimpressionen der polnischen Stadt heute. Eigentlich banale Motive wirken doppeldeutig, weil das Wissen des Betrachters um den Holocaust die Wahrnehmung infiltriert, etwa wenn der Fotograf im Geschäft Wodka in roten Gasflaschen fokussiert.
Offenkundig heftige Kost unterbreitet die Berlinerin Cornelia Renz, die ihre drastischen gegenständlichen Darstellungen vorgefundener Motive in Tusche auf zwei sich später überlagernde Acrylglasflächen zeichnet. Sie kombiniert feine linear aufgebaute Figuren, wie man sie aus der Druckgrafik kennt, mit Comic-Elementen und den Rasterpunkten der Pop Art. Zu sehen sind Waffen, entblößte und verkrüppelte Körper, zur Schau gestellte Sexualität diverser Spielarten, Verwirrung bei den Geschlechterrollen. Wer kennt sich noch aus in Zeiten schwindender Werteübereinkunft, wer weiß noch was „Good.Evil.Pfui“ ist, wie Renz eines ihrer Bilder betitelt?
Kette aus Eigenhaar
Mit Versatzstücken arbeitet auch Martin Bruneau aus der Region Burgund. Aus Theodore Géricaults berühmtem Gemälde „Floß der Medusa“ (1819) zitiert er und isoliert er malerisch gekonnt die ausgestreckten Arme, die Bewegung des Winkens jener verzweifelten Schiffbrüchigen. Wie damals, als Géricaults Werk Kritik an der Politik und Gesellschaft übte, legt es auch Bruneau, konzentriert auf die Hilfe bittende Geste, darauf an, mit seinem Bild auf aktuelle Missstände aufmerksam zu machen. Mit akzentuierter ungegenständlicher Malerei in Beige-, Grau-, Blaugrau-, Rose- und Schwarztönen ist Stephan Dill vertreten. Dagegen breitet Markus Saile in seinen Arbeiten bildfüllend ein fast ausgewaschenes Kolorit mit zarten Binnenstrukturen aus. Schwer zugänglich, aber des Zugangs wert ist das introvertierte Kunstschaffen Nisrek Varhonjas. Seit elf Jahren arbeitet die in Gerolstein geborene und in Köln lebende Künstlerin an einem verzweigten Gesamtkunstwerk in sehr eigener Bildsprache. Objekte, Textil- und Papierarbeiten, die in Rolandseck in Vitrinen gezeigt werden, wirken rätselhaft, intensiv und sehr persönlich. Zur Werkgruppe „Mein Vater ist tot“ gehören etwa ein genähtes „Tagesloch“, eine Kette aus Eigenhaarperlen, ein gestrickter Stammbaum.
Die Ausstellung ist bis 12. April, dienstags bis sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr, geöffnet. Eine Kuratorenführung wird für Sonntag, 1. März, 14 Uhr angeboten.
Serhii Turbinov kreierte die „Arp Museum Bahnhof Rolandseck Intervention“.
