Rathausverein Oberwinter zeigt beeindruckende Ausstellung vom ersten Arzt in Oberwinter „Sanrat“ Dr. Felix Wirtz
Schriftenreihe des Rathausvereins Heft 3 über den Sanitätsrat ist erschienen
Ausstellung ist bis Ende September zu sehen
Oberwinter. Er muss eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein, der erste Oberwinterer Arzt Dr. Felix Wirtz, dem der Rathausverein Oberwinter um Vorsitzenden Hans Metternich eine Ausstellung gewidmet hat. Zudem wurde unter dem Obertitel „Oberwinterer Geschichte(n) innerhalb der Schriftenreihe des Rathausvereins Heft 3 dem Sanitätsrat Dr. Felix Wirtz (1864 bis 1952) gewidmet. Hier wird vieles über den engagierten Arzt, den „Sanrat“ erzählt, ebenso wie über die medizinische Versorgung der Bevölkerung im 19. Jahrhundert. Hans Atzler konzipierte die Ausstellung und das Heft und schrieb die Texte nach jahrzehntelangen Recherchen. Christian Schmiedel gestaltete die Ausstellung und das Heft. Schon bei der Ausstellungseröffnung im Alten Rathaus präsentierte sich der Saal gut besucht und nach der Begrüßung durch Hans Metternich führte Hans Atzler die vielen Besucher in die Ausstellung ein.
Rau aber herzlich
Nette Anekdoten wusste er über den rauen, aber herzlichen und sehr engagierten Arzt in Oberwinter zu erzählen. „Seine Lebensleistung ist beeindruckend. Man kann nur staunen, wie ein einzelner Mensch ein solches Arbeitspensum über fast 60 Jahre bewältigt hat“, sagte Atzler über Wirtz bei der Vernissage. Eine Menge Anekdoten, die nicht alle ins Heft 3 der Schriftenreihe passten, weiß der Jurist und Heimatforscher Hans Atzler zu erzählen. Und immer wieder, wenn die Ausstellung öffnet und neue Gäste kommen, fallen Atzler wieder neue ein. Vom Frühjahr bis zum Herbst sei er noch bis ins hohe Alter täglich in aller Frühe im Rhein geschwommen. Er habe es gewagt, sich im Dorf Oberwinter als selbstständiger „Zivilarzt“ niederzulassen, in dem wegen des niedergehenden Weinbaus große Armut herrschte. Nicht selten habe er sich in Naturalien bezahlen lassen, auch um seine aus Oberwinter stammende Frau und die neun Kinder zu ernähren. Was er nicht gemocht habe, sei, auf der Straße von Patienten angesprochen zu werden.
Hose runter!
Damit sei er aber schnell fertig geworden, denn er verlangte dann vom Patienten, sich an Ort und Stelle zwecks Untersuchung die Hose auszuziehen. Damit war das Gespräch rasch zu Ende und die Untersuchung konnte, wenn wirklich notwendig, später in der Praxis durchgeführt werden. Unglaublich vielen Geschichten hat Atzler über den ersten Oberwinterer Arzt ausgegraben. Zudem erschloss er ganz neue Möglichkeiten in Zeiten, als der Transport das größte Problem war: Als einer der ersten, die im Ort ein Fahrrad hatten und auch darauf fahren konnten, fuhr er bis nach Berkum und Oeverich und bot in den dortigen Gasthäusern Praxisstunden an. Mit dem Ruderboot setzte er sogar nach Rheinbreitbach über. Wegen mangelnden Telefonanschlusses diente tagsüber eine rote Fahne und nachts ein rotes Licht als Signal für einen Notfall. Weil seine Patienten so arm waren, vermied er soweit möglich das Verordnen teurer Medizin, die damals noch immer extra in der Apotheke hergestellt werden musste, und riet zu alten Hausmitteln, oder stellte die Rechnungen teils erst Monate oder Jahre später.
Die Bedeutung von Hygiene
Auch verwies er auf die Bedeutung von Hygiene, brachte den Kindern des Orts das Schwimmen bei und arbeitete parallel als Impf- und Schularzt sowie Arzt bei der Reichsbahn und sogar Tierarzt. Diesen Themen sind ebenfalls Seiten in der Schriftenreihe gewidmet. Nach der Ausstellungseröffnung feierte einen Tag später der Rathausverein sein Sommerfest im Alten Rathaus und im Garten. Die Ausstellung war dabei natürlich auch in aller Munde. So wurde das Hochzeitsbild von Felix Wirtz und seiner Frau Getrud ebenso bewundert wie die zehn Schautafeln, die Bilder und die Exponate in den Vitrinen. Da ist das Verlobungs-Kaffeeservice ebenso ausgestellt wie die medizinischen Geräte, die damals benutzt wurden.
Ein erfülltes Leben
Felix Wirtz wurde ist 1864 als ältestes von 17 Geschwistern in Lengsdorf bei Bonn geboren und starb 1952 in Oberwinter. Auf Initiative des Remagener Landbürgermeisters, Clemens von Lassaulx, wurde Dr. Felix Wirtz 1892 zunächst als Distriktarzt in der Gemeinde angestellt. Als selbstständiger Zivilarzt ließ er sich 1893 nieder und betrieb bis 1950 seine Praxis im „Wirtz’schen Haus“, Ecke Ankergasse/Am Yachthafen, das aus dem Vermögen der Schwiegereltern stammte. Der Titel Sanitätsrat rührt von seiner Zeit als Arzt im Hilfslazarett Rolandseck während des Ersten Weltkriegs, als er in der „Station Kölner Hof“ eingesetzt war. In dieser Zeit wurde ihm der Titel „Sanitätsrat“ verliehen, den er zeitlebens führen durfte. Die meisten Dorfbewohner sprachen ihn daher bis in sein hohes Alter mit „Herr Sanrat“ an. „Er hat fast 60 Jahre die Landpraxis geführt – der wirtschaftlichen Notwendigkeit gehorchend – seine Tätigkeit auch auf Nachbarorte ausgedehnt, die er jahrzehntelang nur mit Fahrrad oder Pferd erreichen konnte. Er muss über eine vorzügliche Gesundheit verfügt, einen sehr starken Willen gehabt und eine eiserne Disziplin sich selbst gegenüber besessen haben, um alle seine Aufgaben geistig und vor allem körperlich zu bewältigen“, so ist zu lesen. Die Ausstellung ist noch bis Ende September geöffnet, jeweils samstags, von 17 bis 18.30 und sonntags, von 11 bis 12.30 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. Das Heft 3 liegt dort zu einem geringen Preis aus.
