Allgemeine Berichte | 27.04.2015

Sarah Kasper-Brötz sprach im Sinziger Schloss über Mythos und Wirklichkeit eines sozialen Phänomens

Auch in hiesiger Gegend wurden die Hexen verbrannt

Nach dem Vortrag stellte sich die Referentin den Fragen des Publikums. HG

Sinzig. Als Sarah Kasper-Brötz kürzlich beim Turmgespräch des Denkmalvereins im Schloss über „Hexen - Mythos und Wirklichkeit eines sozialen Phänomens“ sprach, hatte sie sich viel vorgenommen. Es ging ihr darum, jenseits populärer Bilder wie dem munteren Ritt in der Walpurgisnacht zum Tanzplatz, der niedlichen Kinderbuchheldin Bibi Blocksberg oder der bösen Hexe aus dem Märchen das große historische Themenfeld Hexerei vorzustellen. Zugleich war ihr wichtig, mit Beispielen aus der Region zu illustrieren, dass „auch in unserer Heimat Hexen verfolgt und hingerichtet wurden“, wobei sie sich auf Gerhard Knolls Buch „Hexenjagd: Hexenverfolgung im Kreis Ahrweiler 1500-1660“ stützte. Wie aber ein Thema, das Bibliotheken füllt, für einen gut einstündigen Vortrag zurechtstutzen und es sinnvoll gliedern? Historikerin Sarah Kasper-Brötz fand ihre Strategie, indem sie auf verbreitete Vorurteile über das Hexenwesen reagierte. Viele meinen, die katholische Kirche sei für den Hexenglauben und die Verfolgungen verantwortlich, Hexen seien aus religiösen Gründen gehetzt worden, es handele sich immer um Frauen, die Prozesse seien willkürlich gewesen und gehörten ins Mittelalter. Doch konnte die Referentin all dies als falsch oder grob vereinfachend enttarnen. Der Glaube an Hexen ist sehr alt und stellt eine Vermischung verschiedener vorchristlicher und christlicher Vorstellungen dar. Im Mittelalter wurde Hexerei weitgehend toleriert und nur der Schadenszauber bekämpft. Erst als sich im 13. Jahrhundert die Auffassung durchsetzte, Hexerei könne es nur mithilfe des Teufels geben und 1320 Papst Johannes XXII. erlaubte, die Inquisition von Ketzern auch auf die Hexen auszudehnen, begann die systematische Verfolgung. Von der Schweiz griff sie an der Schwelle zur Neuzeit 1446/47 in Heidelberg auf Deutschland über. 1468 ließ Papst Paul II. die Folter bei Prozessen zu. Der 1486 erschienene „Hexenhammer“, ein Buch des Dominikaners und Inquisitors Heinrich Kramer zur Legitimierung und Anleitung von Hexenprozessen, verstärkte die Hysterie.

Menschenleben verbrannt

Für die Hochzeit der Verfolgungen in Deutschland zwischen 1560 und 1660, speziell die dritte Verfolgungswelle (1585 bis 1630), fand Kasper-Brötz auch Belege in hiesiger Region. So raffte das „Große Brennen“ zwischen 1628 und 1639 in Ahrweiler 30 Menschenleben hin, „mehr als die Hälfte der Hinrichtungen in 150 Jahren“. Im Schreckensjahr 1629 starben in Altenahr zehn Personen und auch in Brück, Altenburg, Hönningen, Kesseling, Kreuzberg und Pützfeld brannten die Scheiterhaufen besonders häufig. Religiöse Vorstellungen wirkten mit. Doch zur Zeit der Massenverfolgungen, auch die Zeit der Reformation, kam vieles zusammen. Für eine rasch gewachsene Bevölkerung herrschte Nahrungsknappheit und folglich Teuerung, was die Schere zwischen Arm und Reich vertiefte. Das Klima kühlte ab und Missernten während dieser „Kleinen Eiszeit“ verursachten Hunger, Krankheiten und Seuchen. Soziale Spannungen nahmen zu. Die Menschen waren verzweifelt. Sie konnten sich ihr Unglück nicht anders erklären als durch Hexen und teuflische Mächte.

Verfolgung durch die Kirche

Daher ging die Verfolgung nur teilweise von der Kirche oder der weltlichen Obrigkeit aus. Oft kamen die Impulse direkt aus der Bevölkerung. Vielfach bildete man in den Dörfern, so in Königsfeld, Ahrweiler oder Kempenich, Ausschüsse, um Hexen aufzuspüren. Zudem wurde die Obrigkeit, wie zahlreiche Beispiele belegen, von den Untertanen genötigt, auch an ihren Wohnorten scharf gegen das Hexenunwesen vorzugehen. Im Prozess galt es, ihnen fünf Merkmale nachzuweisen: den Hexenflug, das Treffen mit dem Teufel und anderen Hexen auf dem „Hexensabbat“, den Pakt mit dem Teufel, den Geschlechtsverkehr mit ihm und den Schadenzauber. Da das System auf dem Denunziantentum basierte, gingen ihm die Verdächtigen nicht aus. Die Angeklagten wurden bedrängt, andere Hexen zu benennen, um die vermeintliche Verschwörung aller Hexen aufzudecken.

Mutter von sieben Kindern

Maria Neliß aus Green oder Lohrsdorf war von zwei hingerichteten Frauen als Hexe besagt worden, als sie 1553 vor Gericht stand. Nach der Folter gestand die Mutter von sieben Kindern, was man von ihr hören wollte. Sie widerrief, gestand erneut unter der Folter und bezichtigte schließlich vier Männer und acht Frauen beim Hexentanz dabei gewesen zu sein. Die Zaubereivorwürfe und Hexereiverfahren konnten übrigens jedermann treffen. Sie richteten sich gegen arme, einfache Leute und Menschen mit schlechtem Ruf, aber auch allgemein gegen Personen, die den Zorn oder Neid ihrer Mitmenschen hervorriefen. Diese gehörten oft den dörflichen und städtischen Eliten an. So erfolgte im Jahre 1629 zur Zeit der schlimmsten Hexenverfolgung in Ahrweiler die Hinrichtung des langjährigen Schöffen, Bürgermeisters und prümschen Hofschultheisses Nikolaus Stapelberg.

Der Vereinsvorsitzende Karl-Friedrich Amendt bedankt sich bei Sarah-Kasper-Brötz mit einem Weinpräsent.

Der Vereinsvorsitzende Karl-Friedrich Amendt bedankt sich bei Sarah-Kasper-Brötz mit einem Weinpräsent.

Nach dem Vortrag stellte sich die Referentin den Fragen des Publikums. Fotos: HG

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Sandra Sattler: Der Zustand der L330 zwischen. Nassau und Zimmerschied ist eine absolute Katastrophe- und das nicht erst seit gestern! Wir sind wohnhaft in Hömberg und werden seit vielen Jahren mit diversen Ausreden vom LBM vertröstet.
  • Janek: Wer die Strecke kennt, kann sich den Grund bereits denken … Der Straßenzustand ist dort so schlecht, dass er besonders für Motorradfahrer ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko darstellt. Dem verunglückten...
  • Siegfried Kowallek: Verwunderlich ist weiterhin, dass die SPD der Neuwieder CDU vorhält, gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss der Christdemokraten in Bund und Land im Hinblick auf die Partei Die Linke zu verstoßen. In insgesamt...
  • Siegfried Kowallek: Die Nennung von BSW und der Partei Die Linke im selben Kontext ist sachlich nicht gerechtfertigt und damit unredlich. Prominentester linker Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine ist Bodo...
  • Beatrix Biskup: Ich habe Bibliotheken immer geliebt und ich freue mich über jeden Schritt den die Stadtbibliothek in Richtung Zukunft geht und über jede Veranstaltung die diese durchführen würde.
Wir helfen im Trauerfall
Wohnträume
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
Wohnträume - Wohnen & Garten im Blick
SO 2 - Wohnträume Sonderseiten -bitte beim Text vom Gartenmarkt
Anzeige KW 15
Rückseite
130 Jahre freiwillige Feuerwehr Bad Neuenahr und Tag der offenen Tür
Empfohlene Artikel
Symbolbild.  Foto: pixabay.com
51

Region. Auch in unserer Region gibt es sie: die stillen Stars des Alltags. Menschen, die anpacken, helfen, Verantwortung übernehmen oder einfach für andere da sind. Ob Feuerwehrmann, engagierte Ortsbürgermeisterin, unermüdliche Nachbarschaftshelfer oder die gute Seele im Sportverein – sie alle sind Heimathelden! BLICK aktuell möchte diesen Menschen eine Bühne geben und der Öffentlichkeit vorstellen – in einer neuen Serie in unserer Zeitung.

Weiterlesen

Symbolbild.  Foto: pixabay.com
27

Region. Wir von BLICK aktuell möchten wissen, wo in eurer Heimatstadt oder Kommune der Schuh drückt! Aus diesem Grund haben wir die neue Serie „HeimatCheck“ ins Leben gerufen. Ob kleine Ärgernisse oder große Probleme: Schreibt uns, was euch bewegt, und wir berichten für euch! Handlungsbedarf gibt es eigentlich immer, sei es bei:

Weiterlesen

Copyright: Museum of Humanity
81

Kreis Ahrweiler. In wenigen Monaten jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal bereits zum fünften Mal. Seitdem hat sich vieles verändert und der Wiederaufbau ist zu einem sichtbaren Symbol für die Kraft und das Durchhaltevermögen der Menschen in der Region geworden. Der Kreis plant zusammen mit der niederländischen Organisation „Museum of Humanity“ eine Freiluftausstellung, um diese Stärke zu zeigen und erfahrbar zu machen.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild. Foto: ROB
46

Jugendliche um drei Uhr nachts von Polizei angehalten

11.04.: Bad Ems: 15- und 13-Jähriger unternehmen nächtliche Spritztour mit Auto

Bad Ems. In den frühen Morgenstunden des 11.04.2026, gegen 03:00 Uhr, wurde durch eine Streifenwagenbesatzung nach einem Hinweis von Zeugen ein Pkw im Stadtgebiet Bad Ems, im Bereich der Straße Am Weißen Stein, kontrolliert. Hierbei wurde festgestellt, dass der Fahrzeugführer erst 15 Jahre alt und demnach nicht im Besitz der erforderlichen Fahrerlaubnis war. Sein Beifahrer war nochmals zwei Jahre jünger.

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: pixabay.com
112

Insbesondere für Säuglinge, Kleinkinder, Senioren und Menschen mit geschwächtem Abwehrsystem ist eine Salmonellen-Erkrankung gefährlich

10.04.: Lebensmittelrückruf: Salmonellen in beliebter Haselnuss-Nougat-Creme

Region. Die Sächsische und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH & Co. KG ruft die Haselnuss-Nougat-Creme der Marke Nudossi auch aus dem rheinland-pfälzischen Handel zurück. Grund: Es wurden Salmonellen nachgewiesen.

Weiterlesen

Hausmeister, bis auf Widerruf
Wir helfen im Trauerfall
Bestellung Nr. 4300003040 - W100 - 606 // Wohnträume MYK
Vorabrechnung, Nr. AF2025.000354.0, April 2026
Wohnträume
SO 2 - Wohnträume Sonderseiten- Modernisieren
Wohnträume
Wohnträume
Titelanzeige Nissan  114/1407895/2454617/4746681
Wir helfen im Trauerfall
Blütenfest
Aushilfskraft (w/m/d)
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0220#
Anzeige Radiologie & Nuklearmedizin
Stellenausschreibung: Betriebshof
Blütenfest