Allgemeine Berichte | 27.04.2015, 16:14 Uhr

Sarah Kasper-Brötz sprach im Sinziger Schloss über Mythos und Wirklichkeit eines sozialen Phänomens

Auch in hiesiger Gegend wurden die Hexen verbrannt

Nach dem Vortrag stellte sich die Referentin den Fragen des Publikums. HG
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Sinzig. Als Sarah Kasper-Brötz kürzlich beim Turmgespräch des Denkmalvereins im Schloss über „Hexen - Mythos und Wirklichkeit eines sozialen Phänomens“ sprach, hatte sie sich viel vorgenommen. Es ging ihr darum, jenseits populärer Bilder wie dem munteren Ritt in der Walpurgisnacht zum Tanzplatz, der niedlichen Kinderbuchheldin Bibi Blocksberg oder der bösen Hexe aus dem Märchen das große historische Themenfeld Hexerei vorzustellen. Zugleich war ihr wichtig, mit Beispielen aus der Region zu illustrieren, dass „auch in unserer Heimat Hexen verfolgt und hingerichtet wurden“, wobei sie sich auf Gerhard Knolls Buch „Hexenjagd: Hexenverfolgung im Kreis Ahrweiler 1500-1660“ stützte. Wie aber ein Thema, das Bibliotheken füllt, für einen gut einstündigen Vortrag zurechtstutzen und es sinnvoll gliedern? Historikerin Sarah Kasper-Brötz fand ihre Strategie, indem sie auf verbreitete Vorurteile über das Hexenwesen reagierte. Viele meinen, die katholische Kirche sei für den Hexenglauben und die Verfolgungen verantwortlich, Hexen seien aus religiösen Gründen gehetzt worden, es handele sich immer um Frauen, die Prozesse seien willkürlich gewesen und gehörten ins Mittelalter. Doch konnte die Referentin all dies als falsch oder grob vereinfachend enttarnen. Der Glaube an Hexen ist sehr alt und stellt eine Vermischung verschiedener vorchristlicher und christlicher Vorstellungen dar. Im Mittelalter wurde Hexerei weitgehend toleriert und nur der Schadenszauber bekämpft. Erst als sich im 13. Jahrhundert die Auffassung durchsetzte, Hexerei könne es nur mithilfe des Teufels geben und 1320 Papst Johannes XXII. erlaubte, die Inquisition von Ketzern auch auf die Hexen auszudehnen, begann die systematische Verfolgung. Von der Schweiz griff sie an der Schwelle zur Neuzeit 1446/47 in Heidelberg auf Deutschland über. 1468 ließ Papst Paul II. die Folter bei Prozessen zu. Der 1486 erschienene „Hexenhammer“, ein Buch des Dominikaners und Inquisitors Heinrich Kramer zur Legitimierung und Anleitung von Hexenprozessen, verstärkte die Hysterie.

Menschenleben verbrannt

Für die Hochzeit der Verfolgungen in Deutschland zwischen 1560 und 1660, speziell die dritte Verfolgungswelle (1585 bis 1630), fand Kasper-Brötz auch Belege in hiesiger Region. So raffte das „Große Brennen“ zwischen 1628 und 1639 in Ahrweiler 30 Menschenleben hin, „mehr als die Hälfte der Hinrichtungen in 150 Jahren“. Im Schreckensjahr 1629 starben in Altenahr zehn Personen und auch in Brück, Altenburg, Hönningen, Kesseling, Kreuzberg und Pützfeld brannten die Scheiterhaufen besonders häufig. Religiöse Vorstellungen wirkten mit. Doch zur Zeit der Massenverfolgungen, auch die Zeit der Reformation, kam vieles zusammen. Für eine rasch gewachsene Bevölkerung herrschte Nahrungsknappheit und folglich Teuerung, was die Schere zwischen Arm und Reich vertiefte. Das Klima kühlte ab und Missernten während dieser „Kleinen Eiszeit“ verursachten Hunger, Krankheiten und Seuchen. Soziale Spannungen nahmen zu. Die Menschen waren verzweifelt. Sie konnten sich ihr Unglück nicht anders erklären als durch Hexen und teuflische Mächte.

Verfolgung durch die Kirche

Daher ging die Verfolgung nur teilweise von der Kirche oder der weltlichen Obrigkeit aus. Oft kamen die Impulse direkt aus der Bevölkerung. Vielfach bildete man in den Dörfern, so in Königsfeld, Ahrweiler oder Kempenich, Ausschüsse, um Hexen aufzuspüren. Zudem wurde die Obrigkeit, wie zahlreiche Beispiele belegen, von den Untertanen genötigt, auch an ihren Wohnorten scharf gegen das Hexenunwesen vorzugehen. Im Prozess galt es, ihnen fünf Merkmale nachzuweisen: den Hexenflug, das Treffen mit dem Teufel und anderen Hexen auf dem „Hexensabbat“, den Pakt mit dem Teufel, den Geschlechtsverkehr mit ihm und den Schadenzauber. Da das System auf dem Denunziantentum basierte, gingen ihm die Verdächtigen nicht aus. Die Angeklagten wurden bedrängt, andere Hexen zu benennen, um die vermeintliche Verschwörung aller Hexen aufzudecken.

Mutter von sieben Kindern

Maria Neliß aus Green oder Lohrsdorf war von zwei hingerichteten Frauen als Hexe besagt worden, als sie 1553 vor Gericht stand. Nach der Folter gestand die Mutter von sieben Kindern, was man von ihr hören wollte. Sie widerrief, gestand erneut unter der Folter und bezichtigte schließlich vier Männer und acht Frauen beim Hexentanz dabei gewesen zu sein. Die Zaubereivorwürfe und Hexereiverfahren konnten übrigens jedermann treffen. Sie richteten sich gegen arme, einfache Leute und Menschen mit schlechtem Ruf, aber auch allgemein gegen Personen, die den Zorn oder Neid ihrer Mitmenschen hervorriefen. Diese gehörten oft den dörflichen und städtischen Eliten an. So erfolgte im Jahre 1629 zur Zeit der schlimmsten Hexenverfolgung in Ahrweiler die Hinrichtung des langjährigen Schöffen, Bürgermeisters und prümschen Hofschultheisses Nikolaus Stapelberg.

Der Vereinsvorsitzende Karl-Friedrich Amendt bedankt sich bei Sarah-Kasper-Brötz mit einem Weinpräsent.

Der Vereinsvorsitzende Karl-Friedrich Amendt bedankt sich bei Sarah-Kasper-Brötz mit einem Weinpräsent.

Nach dem Vortrag stellte sich die Referentin den Fragen des Publikums. Fotos: HG

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