Die Tage der Jugendsozialarbeit in Sinzig noch scheinen gezählt
Kreis lehnt Zwischenfinanzierung ab
Sinzig/Kreis Ahrweiler. Jüngst wurde noch mit viel Lob gefeiert, nun folgt der Katzenjammer. Die Tage der Jugendsozialarbeit im Sinziger Haus der offenen Tür (Hot) scheinen gezählt. Fakt ist: Bei seiner jüngsten Sitzung lehnte der Jugendhilfeausschuss des Kreises eine Zwischenfinanzierung für die „Kompetenzagentur“, ebenso für die „Schulverweigerer - Die zweite Chance“, die an dem Ort ihre Heimat haben, ab. Damit werden beide Projekte zum 31. Dezember dieses Jahres auslaufen.
Jugendliche und Eltern demonstrierten in der Kreisstadt
Daran änderte auch die Demo von rund 50 Jugendlichen und Eltern in der Kreisstadt nichts. „Lassen Sie uns nicht im Stich“, hatten die jungen Leute aus Sinzig vor dem Jugendgästehaus in Bachem Hilfe vom Kreis eingefordert. Der Ort der Demo war von den Sprecherinnen Anna Katharina Klein, Lara Gotter und Anna Seibold bewusst gewählt worden. Im Jugendgästehaus fand die Tagung der Landesjugendpfleger statt. Allerdings wurde in nicht öffentlicher Sitzung die Zwischenfinanzierung, die die katholische Kirchengemeinde St. Peter in Sinzig wünschte, abgelehnt. Es wäre um rund 138.000 Euro gegangen. Erst im September 2014 wäre mit Zuschüssen aus EU-Mitteln zu rechnen gewesen.
Im Vorfeld der Beratungen im Jugendhilfeausschuss hatten die Kreisverwaltung und das HoT teils auf heftige Weise die Argumente ausgetauscht.
In einer Pressemitteilung stellte der Kreis klar: „Zum Jahresende 2013 laufen zwei HoT-Projekte aus: die „Kompetenzagentur“ und „Schulverweigerer - Die zweite Chance“. Grund: Beide Projekte sind bis Ende 2013 befristet, was bereits seit mehr als einem Jahr feststeht. Diese Projekte wurden vom Bund als Modellprojekte sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert.
Jugendhilfeverein startet zwei neue Projekte
Wie geht es weiter? Der Jugendhilfeverein für den Kreis Ahrweiler (JHV) startet im Januar 2014 zwei neue Projekte zur Integration junger Hartz IV-Empfänger in den Arbeitsmarkt.
Damit wird sichergestellt, dass im Kreisgebiet keine Betreuungslücken entstehen, wenn zwei Projekte des HoT Sinzig zum Jahresende 2013 auslaufen. Entsprechende Befürchtungen von Jugendlichen, die bisher im HoT betreut wurden, seien daher unbegründet, betont die Kreisverwaltung.
Die beiden neuen JHV-Projekte können junge Menschen aufnehmen, die von 4,5 Fachkräften betreut werden. Das JHV-Projekt „Fit für den Job“ setzt an bei der Berufsorientierung, der Berufswahl und der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen. Das Projekt „Globus“ verfolgt unter anderem das Ziel, einen möglichst hohen Anteil der Teilnehmer in reguläre Ausbildungsverhältnisse zu vermitteln. Der JHV hat sich mit diesen selbst entwickelten Förderprojekten beworben und den Zuschlag mit Finanzierungszusage aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds erhalten.
Im Übrigen gibt es eine breite Palette von Angeboten durch Jobcenter, Berufsberatung und sonstige Träger bei den Hilfen zur Eingliederung in Schulen, Ausbildung, Beruf und zur sozialen Integration. Hier stehen aktuell mehr als 100 Plätze und darüber hinaus mehrere Beratungsangebote verschiedener Träger zur Verfügung.
Die Kreisverwaltung bedauert, dass das HoT die Fortführung seiner auslaufenden Projektarbeiten für 2014 nicht sichergestellt hat. Das Jobcenter hat das HoT mehrfach auf entsprechende wertige, neu ausgeschriebene Förderprojekte aufmerksam gemacht und gebeten, das HoT möge sich mit eigener Konzeption bewerben.
Demgegenüber hat der Jugendhilfeverein sich rechtzeitig mit selbst entwickelten Förderprojekten zur Integration von jungen Menschen in den Arbeitsmarkt beworben und den Zuschlag für diese Projekte mit Finanzierungszusage aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds erhalten.
Wie sind die Perspektiven für Förderprogramme 2014? Der katholischen Kirchengemeinde St. Peter als Träger des HoT steht es frei, die bisherigen Maßnahmen mit eigenen Mitteln fortzuführen. Das HoT hat für ein mögliches Nachfolgeprogramm Interesse angemeldet; es handelt sich um die Teilnahme an einem gemeinsam vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung konzipierten Modellprogramm „Jugend stärken im Quartier“. Ob überhaupt und wann es stattfindet, ist zurzeit jedoch ungewiss, unter anderem, weil dafür Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds zur Verfügung stehen müssen. Ferner bleibt abzuwarten, ob der Kreis hierfür überhaupt infrage kommt.
Petra Klein: „Großer Bedarf für Jugendsozialarbeit im Kreis“
Das HoT und seine Chefin Petra Klein gaben ebenfalls eine umfangreiche Stellungnahme ab, die den Aussagen der Verwaltung in vielen Punkten entgeben steht. So heißt es vom HoT: „Ehe wir uns vor sieben Jahren um die Projekte beim Bund beworben haben, hielten wir es für eine Selbstverständlichkeit, vorab den Jugendhilfeausschuss um eine Stellungnahme zu bitten. Wir wurden seinerzeit einhellig dazu aufgefordert, uns um diese Projekte zu bewerben.
Es handelt sich hierbei nicht - wie von der Verwaltung dargestellt - um Projekte der Arbeitsmarktförderung. Vielmehr geht es hierbei um zwei Projekte der Jugendsozialarbeit. Aus diesem Grunde hatten wir auch den Jugendhilfeausschuss damit befasst. Jugendsozialarbeit ist Pflichtaufgabe des Kreises und nicht des Jobcenters oder der Bundesagentur für Arbeit.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Förderungen durch den Europäischen Sozialfonds zeitlich begrenzt sind. Der ESF stößt nur Modellprojekte an, die - entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip - im Erfolgsfall von der unteren Ebene (der eigentlich Verantwortlichen) weitergetragen werden sollen.
In den letzten sieben Jahren ist es uns gelungen, jährlich 55 sozial benachteiligte junge Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren aus dem Hartz-IV-Bezug in Schule, Ausbildung oder Arbeit zu vermitteln. Da ein Jugendlicher im SGB-II-Bezug den Staat monatlich 1000 Euro kostet und davon 65 Prozent der Kreis finanzieren muss, ergeben sich für den Kreis jährliche Einsparungen von 429.000 EUR. An diesen Zahlen ist nichts zurückzunehmen. Stellt man diesen Einsparungen die Personalkosten von 138.000 Euro entgegen, so ist schnell festzustellen, dass - jenseits der vielfältigen individuellen und sozialen Vorteile - dem Kreis erhebliches Geld eingespart wurde. In den letzten sechs Jahren rund 2,5 Millionen Euro.
Es geht uns nicht darum ‚auf Teufel komm heraus‘ Mitarbeiterstellen zu sichern. Vielmehr geht es darum, den offenkundigen Bedarf gerade sozial benachteiligter junger Menschen zu decken. Sie brauchen Ansprechpartner, die Ihnen helfen Perspektiven zu entwickeln. Wir finden, dass wir niemanden durchs Rost fallen lassen dürfen, weil er einen schlechten Start und schlechte Startbedingungen hatte.
Der Bedarf an Jugendsozialarbeit im Kreis Ahrweiler ist groß. Rund 25 Prozent der von uns betreuten Fälle sind uns vom Kreisjugendamt geschickt worden und der Kreis hat in den letzten Jahren keinen Cent für unsere Jugendsozialarbeit zahlen müssen (sie zahlt nur einen Personalkostenzuschuss für unseren offenen Jugendtreff, wie für die anderen Jugendpfleger auch). Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten nach der Case-Management-Methode sehr konzentriert und erfolgreich mit den einzelnen Jugendlichen.
Wir streben nur eine Zwischenfinanzierung durch den Kreis Ahrweiler an. Im Frühjahr beginnt das Interessenbekundungsverfahren für die nächste Förderunde des ESF. Anders als zuvor können sich nicht mehr die Freien Träger bewerben. Der Bund sieht also eindeutig die Jugendsozialarbeit als Aufgabe des Landkreises.
Aus diesem Grund können sich in dieser Förderrunde nur die öffentlichen Träger der Jugendhilfe - Kreisjugendamt bewerben. Wenn der Kreis Ahrweiler sich um die Förderung der Jugendsozialarbeit im HoT bewirbt, dann ist aufgrund unserer erfolgreichen Arbeit eine Mittelzuweisung ab September mehr als wahrscheinlich.
Deshalb hat unser Träger, die katholische Kirchengemeinde St. Peter in Sinzig, bereits im Oktober den Antrag auf Zwischenfinanzierung beim Kreis gestellt. Seit dem Jahresanfang 2013 bin ich darüber im Gespräch mit dem Kreisjugendamt und im Frühsommer 2013 habe ich hierzu ein längeres Gespräch mit dem Landrat geführt.
Unsere Bitte an alle Kreistagsmitglieder ist, die Zwischenfinanzierung von 138.000 Euro zu genehmigen und das Kreisjugendamt aufzufordern, am Interessenbekundungsverfahren für die nächste Förderperiode des ESF teilzunehmen. Es versteht sich von selbst, dass ich bei der entsprechenden Antragsstellung jede Unterstützung gebe.“ Soweit HoT-Chefin Petra Klein zu den Grundlagen.
