„Turmgespräch im Schloss“
Spannende Symbolik
Karl-Friedrich Amendt sprach über die Deutung von Zahlen außerhalb der Mathematik
Sinzig. Zahlen sind rechnerische Größen. Doch wird ihnen bis heute oft ein tieferer Sinn zugeschrieben. Die Kulturgeschichte der Zahlen ist durchdrungen von ihrer geheimnisvoll-religiösen Deutung, wie Karl-Friedrich Amendt beim jüngsten „Turmgespräch im Schloss“ darlegte. Angelockt hatte der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Denkmalpflege und des Heimatmuseums in Sinzig seine zahlreich im Kultursaal erschienenen Zuhörer mit dem Titel „Warum hat der Sinziger Kirchturm acht Ecken?“.
Bis zur Antwort aber musste sich das Publikum gedulden, da die Zahl „Acht“ unter den interpretierten Beispielen zuletzt vorkam. Allerdings tat das dem Informations- und Unterhaltungswert seiner Ausführungen zwischenzeitlich keinerlei Abbruch. Einleitend sprach Amendt vom tatsächlichen Rechenwert, etwa von Zahlenreihen, wie dem auch als Zirkel benutzbaren Knotenmaßband des Pythagoras, von magischen Quadraten, der unendlichen Fibonacci-Folge oder der Proporzrechnung des in Architektur und bildender Kunst angewandten Goldenen Schnitts.
Häufig ist die Zahlensymbolik religiös grundiert. „Gott hat alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“, so steht es etwa im Buch der Weisheit geschrieben.
Als „Theologie in Zahlen und Symbolen“ bezeichnete Amendt die „Geheime Offenbarung“ des Johannes, und dem heiligen Augustinus (354-430 n. Chr.) werde die Aussage zugeschrieben: „Zahlen sind die in der Welt präsenteste Form der Weisheit Gottes, die vom menschlichen Geist erkannt werden kann“. Der Islam sieht das ganz ähnlich: In der Sure 72 (Dschinn), Vers 28, des Korans heißt es: „... und er umfasst alles, was sie haben, und die Zahlen aller Dinge hat er gezählt“. Zahlen könnten und sollten also dazu beitragen, die Schöpfung Gottes zu verstehen, erklärte der Vortragende, bevor er, basierend auf Zuordnungen der Autoren „heiliger Schriften“, Philosophen und Künstler, die Zahlen „Eins“ bis „Acht“ beleuchtete.
Mit der „Vollkommenheitszahl 1“ beginnt jedes Zahlensystem. Und da die Welt ihren Anfang in Gott hat, symbolisiert sie den Ursprung, das Ur-Eine, Ungeteilte und Absolute sowie in den monotheistischen Religionen der Juden, Christen und im Islam den Schöpfergott selbst.
Sonnengott und Schöpfergott
In Mesopotamien galt die Sonne, bis heute in vielen Religionen verehrt, als Schöpfergott. Die Ähnlichkeit der lateinischen Wörter „solus“ (alleine, eins) und „sol“ (Sonne) sollen den Zusammenhang der Eins mit dem Schöpfer- und Sonnengott belegen. Frappierend ist es nachzuvollziehen, wie die geometrische Wiedergabe der „Eins“ als Punkt, in christlicher Darstellung zum Kreis vergrößert, in goldenen Heiligenscheinen gipfelt.
Die „Zwei“ bedeutet das Auseinanderfallen der göttlichen Einheit. Sie ist die Zahl des Nicht-Göttlichen, zugleich indes die Symbolzahl der Dynamik und Kreativität, „da sich Kreativität nur im Spannungsfeld von Gegensätzen entwickeln kann; und nur hinter den Gegensätzen ist für Suchende der Weg zur einen Wahrheit zu finden“. Seit jeher, lange vor der christlichen Dreifaltigkeit, gilt die „Drei“ als göttliche Zahl.
Viele Kulturen nehmen neben göttlichen Triaden zudem zyklische Dreiheiten wahr, wie Kindheit, Erwachsensein, Alter; Geburt, Leben, Wiedergeburt oder die Mondphasen.
Bei der „Acht“ angelangt, führte Amendt an, dass Christen und Juden in dieser eine Zahl des Neubeginns sahen. So hatte Noah acht Männer und acht Frauen in seiner Arche, um die neue Menschheit zu sichern. Am achten Tag nach Menstruationsbeginn gilt die verheiratete jüdische Frau wieder als rein. Und am achten Tag nach Beginn der (Kar-)Woche ist Christus auferstanden.
Den Gedanken des Neubeginns mit der Taufe greifen ebenso viele achteckige Taufbecken christlicher Kirchen auf. So beispielsweise auch das Taufbecken der Sinziger Kirche St. Peter. Genauso nachvollziehbar ist die Form oktogonaler Grabstätten und Beinhäuser: Sie ist eindeutiger Fingerzeig für die Gläubigen auf den Tod als Tor zu neuem Leben.
Auch Karl der Große beabsichtigte einen Neuanfang. Nach seiner Krönung zum Kaiser verstand er sich als höchster Repräsentant und Stellvertreter Gottes für die gesamte Christenheit. Architektonisches Symbol dieses Anspruchs war die achteckig um 800 errichtete Aachener Pfalzkapelle. Sie war Vorbild weiterer frühmittelalterlicher Kirchen.
Ein Vorbild, das dank der staufischen Karlsverehrung bis in die Erbauungszeit der Sinziger Pfarrkirche mit ihrem oktogonalen Zentralturm (um 1225) wirkte.
Der Redner führte neben den genannten Zahlenausdeutungen eine Fülle weiterer historischer an und illustrierte sie mit seiner Powerpoint-Präsentation. Museumsleiterin Agnes Menacher dankte ihm für den mit großer Aufmerksamkeit verfolgten, aufschlussreichen Vortrag als stellvertretende Vereinsvorsitzende.
Das Publikum brachte seine Anerkennung durch kräftigen Applaus zum Ausdruck.
