Marika Kilius plauderte in der Remagener Kulturwerkstatt freimütig über ihr Leben
Von der „Kautschukschule“ zu Pirouetten auf dem Eis
Remagen. Das gibt es nicht alle Tage: Eine Sportlegende präsentierte sich auf dem Podium der Kulturwerkstatt. Marika Kilius, Grande Dame des Eises, die mit Tanzpartner Hans-Jürgen Bäumler in den 60er-Jahren zu den Idolen ihrer Generation zählte, plauderte auf Einladung von Hauffes Buchsalon und Professor Jörg H. Ottersbach über ihr Leben. Dass sie zum Welttag des Buches nicht aus ihren mit Shirley Michaela Seul verfassten „Pirouetten des Lebens“ vorlas, wie es in der Ankündigung der Veranstaltung geheißen hatte, sondern selbst erzählte, machte den Abend umso unterhaltsamer.
Gut aufgelegt
Denn die blendend aussehende, gut aufgelegte 70-Jährige brauchte dazu von Moderator Ottersbach nur Stichworte. „Mama Leni war diejenige, die meine Karriere begonnen hat“, erklärte sie. Ihre Mutter, eine Hutmacherin, wusste schon im sechsten Schwangerschaftsmonat, dass es ein Mädchen und berühmt werden würde. Sie gab ihm den Vornamen von Revue-Star Marika Rökk, schickte die Zweieinhalbjährige ins Ballett, „die Kautschukschule“ und auf die Rollschuhbahn, worauf auch der Vater den Ehrgeiz guthieß. „Ich wurde ja nicht gefragt“, so Marika Kilius. Rückblickend findet sie, dass die Unterstützung junger Sportler durch die Eltern „unersetzlich“ ist und führt ihren eigenen Erfolgsweg an. Mit Vier kam sie nach Garmisch zum Eiskunstlaufen, siebenjährig stieg sie mit Franz Ningel in den Eispaarlauf ein, im Alter von Zwölf nahm sie erstmals an seiner Seite an den Olympischen Spielen teil und verpasste mit dem vierten Platz nur knapp eine Medaille. Damals, 1956, in Cortina D’Ampezzo, empfand sie den Glamour des Ortes durch Sophia Loren: „Sie sah hinreißend aus in ihrem hellgelben Overall“. 1963 bei den dortigen Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf, holte sie gemeinsam mit Hans-Jürgen Bäumler den Titel im Paarlauf. Vorher hatten sie und Ningel schon Erfolge eingeheimst und 15-jährig war sie als Solistin 1958 Weltmeisterin im Rollkunstlaufen geworden. Zum deutschen „Traumpaar“ aber stieg sie mit Bäumler auf. Insgesamt gewannen sie fünf EM-und zwei WM-Titel, außerdem zweimal Olympia-Silber. Lediglich olympisches Gold blieb ihnen verwehrt, es ging 1964 an die große Konkurrenz Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow.
Erleichterung statt "Hype"
Ganz entspannt ließ sich Kilius über ihren Werdegang aus, doch das „Jahr der verlorenen Olympiade“, bei der die Russen in Innsbruck Gold erhielten und Kilius mit Bäumler „nur“ Silber, brachte sie in Fahrt. Um bei der ebenfalls Anfang 1964 in Dortmund stattfindenden WM zu siegen, verfolgte Kilius die Strategie, im ballettartigen Stil der Russen anzutreten. Die Zuschauer erkannten den Coup: „Das Publikum hat gelacht, die Westfalen-Halle hat gekocht, das war unvergesslich bis heute“. Nicht zuletzt, weil der Plan aufging und Kilius/Bäumler zum zweiten Mal Weltmeister wurden. Selbstbewusst, aber ohne Selbstgefälligkeit blickte die Ausnahmesportlerin zurück. Wie fühlte es sich an, 1964 das „Bravo“-Cover zu zieren? Mit dieser Frage kann sie nicht viel anfangen: „Ich war nicht von jetzt auf gleich ein Popstar, das hat sich nach und nach entwickelt. So einen Hype, das irrsinnige Gefühl, etwas Außergewöhnliches zu leisten, das kannten wir gar nicht“. Ottersbach: „Also Auftrag erfüllt und abgehakt?“ Antwort: „Genau, da war nur Erleichterung, das Soll erfüllt zu haben“. Wie stand sie zu Bäumler, mit dem sie bis in die 1980er bei Holiday on Ice reüssierte? „Ich war 14 und Jürgen 15. Die Deutschen wollten uns verheiraten, das schürt doch Abneigung! Wir haben eisläuferisch wunderbar zusammengepasst, aber privat wär’s ne Katastrophe geworden“. Stattdessen ehelichte sie 1964 den vermögenden Frankfurter Werner Zahn. Weil sie glaubte, schwanger zu sein. Als sich das Gegenteil herausstellte, wurde trotzdem geheiratet, schließlich waren die Vorbereitungen schon weit gediehen. Mit 95-Meter-Schleppe ging’s in die Kirche. War das romantisch? „Nein, gar nicht“. Doch dem Publikum gefiel es. Der Pfarrer musste die Hochzeitsgäste ermahnen: „Die Leute standen auf den Bänken und klatschten“. Über die Ehemänner, es gab zwei Hochzeiten und zwei Scheidungen, spricht Kilius nicht, wohl aber über ihre Enkelinnen. Da wird Zuneigung spürbar, obgleich ihnen die Erfolge der Oma nichts bedeuten. Und auf die Zuhörerfrage, welches Ereignis oder welche Phase in ihrem Leben sie am meisten berührt habe, antwortet Kilius: „Die erste Zeit mit meinen Kindern. Da war ich losgelöst von allem und ganz bei mir“.
Regionalkolorit
Schließlich kam auch Regionalkolorit ins Gespräch, als sich die Eiskönigin erinnerte, einmal auf einem Wagen des Bad Neuenahrer Dahlienfestes gestanden zu haben. Zudem ist sie, die mit 70 noch weiter durchstarten will – „die Sieben ist meine Glückszahl“ – seit Jahrzehnten mit dem im Sinziger Stadtteil Koisdorf wohnenden Radweltmeister Rudi Altig befreundet. Die beiden Sportgrößen laden einander zu runden Geburtstagen ein, weshalb es nicht überraschte, dass er am Ende des kurzweiligen Abends neben ihr auf dem Podium Platz nahm. Man hätte erwartet, dass die Kulturwerkstatt aus allen Nähten platzt vor lauter Andrang. Allerdings hätten noch einige Zuhörer mehr hineingepasst. Diejenigen aber, die Marika Kilius erlebten, wie sie freimütig über ihr Leben sprach, empfanden sie als „nett“, „natürlich“, „sehr offen“ und gingen meist mit ihrer Autobiografie im Arm nach Hause, hatte doch die berühmte Remagener Besucherin gleich zu Anfang gesagt, dass ihr Buch so geschrieben ist, „wie ich rede“.
