Neuer Trainer von Huddersfield Town feiert am Dienstag, 29. Januar, gegen Everton sein Debüt
Für Jan Siewert gehen die Uhren anders
Der 36-Jährige aus dem Mayener Stadtteil Hausen ist auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere
Hausen/Huddersfield. Jürgen Klopp (FC Liverpool), Pep Guardiola (Manchester City), Mauricio Pochettino (Tottenham Hotspur), Maurizio Sarri (FC Chelsea), Unai Emery (Arsenal London) oder (neuerdings) Ole Gunnar Solskjær – die Liste der Fußballlehrer der ersten sechs Mannschaften der englischen Premier League liest sich wie das Who is Who der weltweiten Trainergilde.
Marco Silva gehört (noch) nicht dazu. Der Coach des FC Everton darf am Dienstag, 29. Januar, um 19.45 Uhr britischer und um 20.45 Uhr deutscher Zeit vor dem Auftritt in Huddersfield einen jungen Mann aus dem kleinen Mayener Stadtteil Hausen als Widersacher begrüßen: Jan Siewert, gerade mal 36 Jahre alt, hat in der vergangenen Woche als Nachfolger von David Wagner das Traineramt beim Tabellenletzten Huddersfield Town angetreten.
Eine einmalige Chance
Für eine kolportierte Ablösesumme von 300.000 Euro durfte der Newcomer die Reserve von Borussia Dortmund frühzeitig verlassen.
„Es ist für ihn eine einmalige Chance, wir wollten ihm da keine Steine in den Weg legen“, ließ sich Borussen-Manager Michael Zorc zitieren.
206 Zuschauer verfolgten Anfang Dezember das Heimspiel der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund gegen die SG Wattenscheid 09 im traditionsreichen Stadion Rote Erde, niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass es das letzte Heimspiel für Jan Siewert im Dienst der Schwarz-Gelben gewesen sein sollte. 24.500 Zuschauer sind am Dienstag im John Smith’s Stadium in Huddersfield Augenzeuge, wenn die „Terriers“ als Schlusslicht der Premier League die „Toffees“ (Karamellbonbons) erwarten. Für Jan Siewert gehen die Uhren also im wahrsten Sinn des Worts anders.
Nachdem David Wagner, der den Verein in der Saison 2016/2017 nach 45 Jahren Abstinenz in die höchste Spielklasse Englands geführt und die Mannschaft in der Saison 2017/2018 sensationell zum Klassenverbleib geführt hatte, am Montag, 14. Januar, schweren Herzens seinen Rücktritt erklärte, nahmen die Dinge ihren Lauf.
Eine Woche später durfte sich Interimstrainer Mark Hudson, der Kapitän der Aufstiegsmannschaft, beim 0:3 (0:1) im Heimspiel gegen ein übermächtiges Mancester City die nächste Niederlage abholen. Wieder war Huddersfield ohne Treffer geblieben, zum elften Mal im 23. Ligaspiel. Der Abstand zum ersten Abstiegsplatz beträgt bereits zehn Punkte.
Direkt nach dem Spiel gingen die (bereits weit gediehenen) Verhandlungen mit Jan Siewert, der schon im Mai 2018 bei den Queens Park Rangers (Football League Championship) auf dem Zettel gestanden hatte, weiter. Am 21. Januar schließlich setzte Jan Siewert, am 23. August 1982 im Krankenhaus in Mayen geboren und im beschaulichen Hausen 500 Meter vom Sportplatz entfernt aufgewachsen, seine Unterschrift unter den bis 30. Juni 2021 datierten Vertrag.
Karriere früh beendet
Beim TuS Hausen durchlief Jan Siewert sämtliche Jugendmannschaften. Nach seinem Wechsel zum TuS Mayen trat er dort in der A-Jugend gegen den Ball. Im Seniorenbereich trug er das Trikot des TuS Mayen (sieben Einsätze in der Oberliga), des VfB Polch, der SG Bad Breisig und des TuS Montabaur. Im zarten Alter von 27 Jahren musste er seine aktive Karriere wegen anhaltender Knieprobleme beenden.
Vom 1. Oktober 2009 bis zum 30. Juni 2015 war er Sportlicher Leiter und Stützpunktkoordinator des Fußballverbands Rheinland. Später fungierte er als Assistent bei der U17- und bei der U18-Nationalelf unter anderem unter Horst Hrubesch, dann als Trainer bei Rot-Weiß Essen und anschließend als Co-Trainer in Bochum bei Gertjan Verbeek. 2017 übernahm Jan Siewert Borussia Dortmund II, nun ist ihm ein großer Karrieresprung gelungen.
Ob dieser Werdegang auf seinem ganz persönlichen Wunschzettel gestanden hatte, als er seiner Heimat beim „Christmas Shopping“ in Mayen am Donnerstag vor Weihnachten einen Besuch abstattete?
Seine neue Heimat ist nun also die britische Insel. Genauer gesagt die 150.000 Einwohner zählende Stadt Huddersfield in der englischen Grafschaft West Yorkshire, 35 Kilometer oder 22 Meilen östlich der Metropole Manchester gelegen.
Eine Stadt, die von David Wagner aus dem Dornröschenschlaf erweckt wurde. Seinem Vorgänger sprach Jan Siewert ein großes Lob aus: „Ich kann mit ihm nicht verglichen werden, er ist ein fantastischer Trainer. Er hat große Fußstapfen hinterlassen“, erklärte der Emporkömmling während seiner ersten Pressekonferenz, als er die Fragen der Journalisten in sehr gutem Englisch beantwortete. „Für mich beginnt in einer neuen Rolle ein neues Kapitel. Ich werde weiter auf meine Weise arbeiten.“
Sprach’s – und setzte seine Mannschaft gleich ins Flugzeug. Von Donnerstag bis Sonntag bereitete er die Spieler in einem viertägigen Trainingslager in Portugal auf die restlichen Spiele der Saison vor, am Dienstag wird es nun gegen den FC Everton ernst.
Mit riesigem Interesse verfolgten auch die Verantwortlichen beim TuS Mayen die Karriere des jungen Mannes. „Ich kann nur den Hut ziehen vor dem, was er in jungen Jahren schon erreicht hat. Allein der Weg zum Fußballlehrer ist nicht einfach, damit hat er die Basis für seinen Werdegang gelegt“, meinte der Sportliche Leiter Thomas Reuter während des Möbel-Arenz-Cups. „Beim Fußballverband Rheinland hat er dem Sichtungswesen eine neue Struktur gegeben. Mit Rot-Weiß Essen hatte er bei seiner ersten Trainerstelle einen Verein übernommen, der eine große Gefahr birgt, praktisch Schalke und Dortmund im Kleinformat. Seine damalige schnelle Entlassung hat er schnell vergessen lassen und jetzt diese große Chance genutzt.“
Ein Stein im Brett
In die gleiche Kerbe schlug der Trainer der SG Eintracht Mendig/Bell. „Es freut mich für ihn. Jan hat schon früh voll auf die Karte Fußball gesetzt. Er musste einigen Leuten hinterherlaufen, um beim Fußballverband Rheinland in diese für ihn wichtige Position zu kommen. Danach hat sich seine Qualität mehr und mehr durchgesetzt“, erklärte Cornel Hirt. „In Dortmund hatte er bei Trainer Lucien Favre ein Stein im Brett, nachdem er in Mönchengladbach bei ihm hospitiert hatte. Jan war schon als Spieler sehr aufgeschlossen und hat sich um viele Sachen gekümmert. Das wird auch in Huddersfield so sein, das steht fest.“
Auch Thomas Reuter, der Sportliche Leiter beim Rheinlandligisten TuS Mayen, hat nur lobende Worte für Jan Siewert parat.Fotos: SK
Cornel Hirt, der Trainer der SG Eintracht Mendig/Bell, ist sich sicher, dass Jan Siewert auch in Huddersfield seinen Weg gehen wird.
