Mundartnachmittag mit Hermann Doetsch bei der Kolpingsfamilie
„Platt schwätze es schön“
Mülheim-Kärlich. „Mië schwätze Platt“ ist der Titel eines Buches, das Winfried Henrichs vor einigen Jahren herausbrachte und welches als eine Art „Duden“ für den Mülheim-Kärlicher Dialekt helfen soll, die Mundart vor dem Aussterben zu bewahren. Letzteres will auch Hermann Doetsch mit seinen amüsanten Geschichten, wie er sie kürzlich wieder weitestgehend auf Platt einem begeisterten Publikum der Kolpingsfamilie St. Mauritius Kärlich im Pfarrzentrum zum Besten gab, und er will hören lassen, wie schön es ist „Platt ze schwätze“. Sprache ändert sich und insbesondere Dialekte unterliegen einem immer rascheren Wandel, den das zunehmende Zusammenleben von Menschen aus den unterschiedlichsten Sprachräumen mit sich bringt. Zwangsläufig passen sie ihre Sprache an, um einander zu verstehen, bis eines Tages auch kein Mülheim-Kärlicher mehr weiß, dass „füerenzenämens“ das Gegenteil von „hinesch de förresch“ ist oder sagen will: „eins nach dem anderen“ ist etwas anderes als „falsch herum“ bzw. „hinter dem vorderen“. Doetsch will seine „Mission“ aber nicht als wissenschaftlich aufgefasst wissen. Vielmehr will er zusammen mit seinem musikalischen Begleiter Hans Wohlgemuth unterhalten und gleichzeitig etwas „rüberbringen“ von dem, was zumindest nicht ganz verloren gehen soll. Dabei legt er Wert darauf, dass seine Anekdoten nicht erfunden, sondern erlebt sind - die Episoden aus der Schule und aus dem Berufsleben, von abenteuerlichen Bahnfahrten und manchem mehr. Als Zuhörer spürt man die knisternde Situation, wenn er zum Beispiel erzählt, wie er sich als geübter Handballer anstacheln ließ, vom Schulhof der Neuwieder Berufsschule aus einen Schneeball in eines der kleinen Fenster des benachbarten Frauengefängnisses zu werfen, und gleich nach der Pause die vornehme Schulleiterin mit der Direktorin der anderen Anstalt - „su em kläne Kubikmeter“ - im Klassenraum erschien und Maßnahmen forderte. Der Klassenlehrer sagte zu, den Täter „einer harten Strafe zuzuführen“, und als die beiden weg waren, meinte er: „Doetsch, ich hätte auch geworfen.“ Als Stadtführer in Weißenthurm hatte Hermann Doetsch, so berichtete er, einmal eine Kindergruppe im Turm, der der Stadt den Namen gab, und wollte es im Zimmer mit den Porträts früherer Bürgermeister spannend machen und sagte, dieser Raum und der darüberliegende seien einst Gefängnis gewesen, worauf einer der Kleinen fragte: „Da die an der Wand, sind das die Verbrecher?“ Darauf Doetschs spontane Antwort: „Nicht alle!“ Nach jedem Textbeitrag brachte Hans Wohlgemuth ein passendes Lied, und nichts hätte an die Geschichte von der Führung im fiktiven Thurer Gefängnis besser anschließen können als Reinhard Mey’s „Der Mörder ist immer der Gärtner“, eine Parodie auf Kriminalromane und Kriminalfilme, nachdem er vorher mit seinem wohlklingenden Bariton Mey’s „Zeugnistag“ und durch Freddy Quinn bekannte Lieder von Lotar Olias gesungen hatte. Zum Abschluss hieß es schließlich auch diesmal: „Gute Nacht, Freunde …“
