Wirtschaft | 08.03.2021

- Anzeige - Die Dernbacher Gruppe Katharina Kasper informiert:

Was kann Tagespflege leisten?

Tage in liebevoller Gesellschaft für Senioren und eine Entlastung für pflegende Angehörige

Anneliese Gräßer und Ute Scheid vor der Tagespflege des Seniorenzentrums St. Franziskus in Selters. Foto: Dernbacher Gruppe Katharina Kasper

Dernbach: Tagespflegeeinrichtungen stellen für pflegebedürftige Senioren eine Möglichkeit dar, Pflege- und Betreuungsangebote zu nutzen, ohne stationär in eine Senioreneinrichtung zu ziehen. Sie bilden damit einen wichtigen Baustein in der Pflegekette, der zwischen der ambulanten Pflege und der stationären Pflege anzusiedeln ist. Die emotionale Hürde pflegebedürftiger Senioren und ihrer Angehörigen, dieses Angebot zu nutzen, ist trotz der nachweislich positiven Effekte hoch. Senioren fühlen sich oft im ersten Moment von ihren Angehörigen in eine Betreuungseinrichtung abgeschoben und Angehörige plagt ein schlechtes Gewissen, weil sie denken, ihre persönlichen Pflichten von Fremden erledigen zu lassen.

Was ist die Tagespflege fähig zu leisten? Wie fühlen sich Senioren in den Einrichtungen und sind die Sorgen und Schuldgefühle von pflegebedürftigen Senioren und Angehörigen begründet? Mitarbeiter Michael Roesler hat Anneliese Gräßer (92 Jahre) befragt, die das Angebot der Tagespflege im Seniorenzentrum St. Franziskus in Selters nutzt. Auch ihre Tochter, Ute Scheid (67 Jahre), stand für das Interview zur Verfügung.

Michael Roesler: Liebe Frau Gräßer, liebe Frau Scheid, Sie wohnen in getrennten Haushalten, rund 40 Minuten voneinander entfernt. Das ist ja schon eine ganze Ecke, die Sie auseinanderwohnen. Wie kann man dabei täglich den Kontakt halten und aufeinander achten?

Scheid: Das geht so klassisch bei uns gar nicht.

Michael Roesler: Wie sind sie denn auf die Tagespflege gekommen?

Scheid: Wir haben zuerst ein paar Veränderungen an meiner Mutter wahrgenommen. Sie ist zunehmend ins Negative abgerutscht und hat auch manchmal Angst bekommen. Als wir von einer Tagespflege in der Nähe hörten, entschieden wir uns dazu, das einfach einmal auszuprobieren. Ich musste durchaus ein wenig Druck ausüben, aber sie hat das dann mitgemacht und zugestimmt, es auszuprobieren.

Gräßer: Ja, ich gehe unheimlich gerne hier hin und es macht halt auch einfach Spaß.

Scheid: Ja, sie ist auch ganz anders seit der Zeit. Total anders.

Michael Roesler: Wieder positiver?

Scheid: Aber hallo. Absolut.

Redaktion: Was macht Ihnen am meisten Spaß hier, Frau Gräßer?

Gräßer: Der Zusammenhalt mit den Leuten, die kommen. Man ist nicht einsam. Da kommt mal der dazu und mal ein anderer und der Tagesverlauf wird auch prima zusammen bewältigt. Wir machen alles Mögliche und auch vom Kopf her wird man gefordert. Dann ist auch schnell mal Mittag und dann hab ich hier meinen Liegestuhl. Da wird ein bisschen Mittagsschläfchen gemacht und dann ist man wieder frisch und es kann weitergehen. Die Damen schlagen einem dann vor, was man noch alles zusammen machen kann und dann ist auch schnell wieder halb Drei oder halb Vier. Wenn wir dann zusammen Kaffee getrunken haben, ist es Vier und wir fahren heim.

Michael Roesler: Als Sie zuhause waren, haben Sie da selbst gemerkt, dass es Ihnen nicht gut ging?

Gräßer: Ich will mal sagen: Man ist zuhause eben allein und auch ein bisschen einsam. Man hat seine Arbeit, das ist schon richtig und die macht man ja auch. Aber hier ist es schon ganz was anderes. Hier freut man sich dann drauf, dass mehrere Leute da sind und dass man sich beschäftigen kann. Man kann sich einbringen. Ich helfe gerne in der Küche mit, wenn etwas ist und das macht Spaß. Da hat man das Gefühl, dass man noch ein bisschen gebraucht wird.

Scheid: Ja, man muss auch sagen, dass meine Mutter inzwischen akzeptiert hat, dass sie die Hilfe braucht und seitdem ist es auch leichter für sie geworden, die Hilfe anzunehmen. Da wollte sie am Anfang nicht dran. Dass sie etwas vergesslich ist, ist ja nicht tragisch und sie hat auch ein großes soziales Umfeld. Sie ist ein sehr offener Mensch und hat viele Freundinnen und die Großnichte wohnt auch im Haus. Die ganze Familie hat natürlich ein Auge auf sie. Auch die Nachbarschaft. Das funktioniert so ganz gut. So lange sie so fit ist, ist das alles in Ordnung so. Als der Lockdown war, habe ich befürchtet, dass sie wieder in ein Tief rutscht. Ich bin dann oft zu ihr hingefahren und habe mit ihr geübt und wir haben uns beschäftigt und Spiele zusammen gespielt. Wir haben viel gelacht, aber es war eine große Herausforderung auch für mich. Dann kam aber jede Woche von ihr dieselbe Frage: „Wann machen die wieder auf?“. (zur Mutter) Nicht wahr?

Gräßer: Ja, richtig!

Michael Roesler: Die Tagespflege war wegen Corona lange geschlossen, richtig?

Gräßer: Ja. Fast ein halbes Jahr. Aber ich kann es nur empfehlen. Es tut mir gut!

Scheid: Ja und außerdem muss man sagen, dass alle hier sehr nett sind. Unglaublich nett, das muss ich wirklich sagen. Das ist wirklich toll. Ich habe sogar gesagt, ich würde selber hingehen. Und es ist heute ja so: Ich kann die Mutter nicht nehmen. Ich bin auch keine Pflegerin. Ich kann alles organisieren, aber bei einigen Sachen bin ich dann auch überfordert.

Michael Roesler: Fehlt einem da manchmal das Handwerkszeug, um mit verschiedenen Situationen umzugehen?

Scheid: Ja, absolut und da ist ja auch eine emotionale Bindung. Wäre die nicht da, wäre einiges vielleicht etwas leichter, aber da man keine Distanz hat, ist vieles auch unglaublich schwer.

Michael Roesler: Merken Sie auch eine deutliche Entlastung, Frau Scheid?

Scheid: Selbstverständlich! Man macht sich ja schon Gedanken, wenn die Mutter alleine zuhause ist. Wenn ich bei ihr bin, kochen wir zusammen und wir gehen auch Laufen. Sie ist ja noch körperlich sehr fit mit ihren 92 Jahren.

Michael Roesler: Wie würden Sie die Veränderung durch die Tagespflege beschreiben, Frau Gräßer?

Gräßer: Ich bin zufriedener. Ich leiste noch was. Auch für mich und das ist gut! Ich mag die Leute, die hier sind und auch die Mitarbeiter machen das gut. Die sind für jeden geeignet. Das merkt man.

Scheid: Ich habe auch das Gefühl, dass die hier mit meiner Mutter Spaß haben.

Gräßer: Ja. Einige von den anderen sind vielleicht ein bisschen zurückhaltender als ich. Ich sage das, was ich denke. So bin ich halt. Die sind aber alle super. Mehr kann man nicht sagen.

Michael Roesler: Ich habe ein bisschen rausgehört, dass sich Ihr Verhältnis zueinander wieder verbessert hat, seit die Tagespflege mit dabei ist. Stimmt das?

Scheid: Ja. Das war vorher… ich bin in so eine Depression gerutscht.

Gräßer: Es war angespannt, kann man sagen. (lacht)

Scheid: (lacht) Ja, das ist gelinde ausgedrückt.

Gräßer: Das darf man aber sagen, oder?

Michael Roesler: Ja, selbstverständlich!

Michael Roesler: Was denken Sie, hält andere Menschen davon ab, die Tagespflege zu nutzen?

Scheid: Vorurteile! Die Angst abgeschoben zu werden.

Michael Roesler: Von Seiten der pflegebedürftigen Senioren!

Scheid: Ja.

Michael Roesler: Was könnte für die Angehörigen ein Grund sein?

Scheid: Schlechtes Gewissen! Das alte Rollenbild ist immer noch so drin.

Michael Roesler: Man verlangt es also grundsätzlich von sich ab, dass man mit diesen Situationen alleine klarkommen muss? Auch wenn es die vielen Vorteile von Tagespflegen gibt?

Scheid: Das will halt niemand hören. Meine Mutter hat meinen Vater und ihre Mutter gepflegt. Das ist so drin. Meine Mutter hatte auch Panik bekommen, als es sich abzeichnete, dass es bei ihr anders sein könnte. Ich habe ihr gesagt, dass ich alles für sie tun würde, ich aber verschiedene Dinge nicht leisten kann, die sie brauchen wird. Ich kann nicht pflegen. Würde ich es versuchen, würde sie darunter leiden und ich mit ihr.

Michael Roesler: Viele Menschen denken, die Tagespflege wäre der erste Schritt ins Altersheim.

Scheid: Ja, aber das ist falsch.

Redaktion: Sie soll ja grade dafür sorgen, dass die Menschen länger zuhause bleiben können.

Scheid: Ja, ich würde allen empfehlen, sich erst mal ein Bild von der Tagespflege zu machen, um dieses Vorurteil abzubauen.

Michael Roesler: Die Tagespflege bietet hierfür auch Schnuppertage an.

Scheid: Genau. So sind wir ja auch hierhergekommen.

Gräßer: Zuhause ist man eben oft alleine. Ich merke auch, dass die anderen, die hier dazu kommen, sagen: „Das war doch heute wieder schön und interessant.“ Man profitiert davon. Das ist ja der Sinn der Sache. Dernbacher Gruppe

Katharina Kasper

Anneliese Gräßer und Ute Scheid vor der Tagespflege des Seniorenzentrums St. Franziskus in Selters. Foto: Dernbacher Gruppe Katharina Kasper

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Bertram: Das ist mittlerweile der 4. Bus der von dieser Marke vollkommen ausbrennt. Des Weiteren berichte die Rhein Zeitung darüber, dass der VREM 37. Busse der ersten Generation vorsichtshalber außer betrieb...
  • Fabian F: Nichts Neues gefühlt ein Bus pro Woche
  • Sandra Sattler: Der Zustand der L330 zwischen. Nassau und Zimmerschied ist eine absolute Katastrophe- und das nicht erst seit gestern! Wir sind wohnhaft in Hömberg und werden seit vielen Jahren mit diversen Ausreden vom LBM vertröstet.
  • Janek: Wer die Strecke kennt, kann sich den Grund bereits denken … Der Straßenzustand ist dort so schlecht, dass er besonders für Motorradfahrer ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko darstellt. Dem verunglückten...
  • Siegfried Kowallek: Verwunderlich ist weiterhin, dass die SPD der Neuwieder CDU vorhält, gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss der Christdemokraten in Bund und Land im Hinblick auf die Partei Die Linke zu verstoßen. In insgesamt...
  • Siegfried Kowallek: Die Nennung von BSW und der Partei Die Linke im selben Kontext ist sachlich nicht gerechtfertigt und damit unredlich. Prominentester linker Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine ist Bodo...
Jörg Schweiss
Wir helfen im Trauerfall
Titelanzeige
Wohnträume - Wohnen & Garten im Blick
Wohnträume - Wohnen und Garten im Blick
Titelanzeige Nissan  114/1407895/2454617/4746681
130 Jahre freiwillige Feuerwehr Bad Neuenahr und Tag der offenen Tür, 19.04.26
Rückseite
130 Jahre freiwillige Feuerwehr Bad Neuenahr und Tag der offenen Tür
Empfohlene Artikel
Expertenwissen aus erster Hand: Im Rahmen eines Infoabends gibt Dr. Tim Mödder (Chefarzt Kardiologie, internistische Intensivmedizin und Schlaganfalleinheit) Einblicke in Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten bei Herzklappenerkrankungen.  Foto: Joachim Gies | Marienhaus
30

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Viele Menschen kennen das Gefühl: Die Luft wird knapp, die Belastbarkeit lässt nach, vielleicht kommen Schwindel oder Unsicherheit beim Gehen hinzu. Nicht selten werden solche Beschwerden zunächst als „Alterserscheinung“ abgetan. Doch in einigen Fällen steckt eine Erkrankung der Herzklappen dahinter – eine Diagnose, die ernst genommen werden sollte. Um für das wichtige Thema...

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild. Foto: ROB
104

Jugendliche um drei Uhr nachts von Polizei angehalten

11.04.: Bad Ems: 15- und 13-Jähriger unternehmen nächtliche Spritztour mit Auto

Bad Ems. In den frühen Morgenstunden des 11.04.2026, gegen 03:00 Uhr, wurde durch eine Streifenwagenbesatzung nach einem Hinweis von Zeugen ein Pkw im Stadtgebiet Bad Ems, im Bereich der Straße Am Weißen Stein, kontrolliert. Hierbei wurde festgestellt, dass der Fahrzeugführer erst 15 Jahre alt und demnach nicht im Besitz der erforderlichen Fahrerlaubnis war. Sein Beifahrer war nochmals zwei Jahre jünger.

Weiterlesen

Dauerauftrag 2026
Imageanzeige
Wir helfen im Trauerfall
Titelanzeige KW 15
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
SO 2 - Wohnträume Sonderseiten- Modernisieren
Wohnträume
Sachbearbeiter (m/w/d)
Blütenfest
Blütenfest in Meckenheim
Leiter/in (w/m/d)
Sachbearbeiter/in (w/m/d)
130 Jahre freiwillige Feuerwehr Bad Neuenahr und Tag der offenen Tür, 19.04.26