Politik | 19.09.2015, 14:00 Uhr

Ahrtaler Unternehmer bringt Sachspenden persönlich zu Flüchtlingen

Hilfsaktion geht auf Kos weiter

Die Situation ist katastrophal: Inmitten von Müll und beißendem Gestank harren ganze Familien aus. Manche können nach zwei Tagen weiter. Andere sind schon seit Wochen hier.
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Bad Neuenahr/Kos. Bei der Soforthilfe für Flüchtlinge auf Kos kamen so viele Spenden zusammen, dass die geplante Kapazität der Airline gesprengt wurde. Die Fluglinie bot daraufhin an, weiteres Volumen zur Verfügung zu stellen. Da das Gepäck immer nur in Begleitung einer Person befördert werden kann, entschloss sich Initiator Marc Ulrich kurzerhand, selbst mit der weiteren Ladung nach Kos zu fliegen. Auf der griechischen Insel kamen die mit Hilfsgütern gepackten Kartons auf dem ganz normalen Kofferband an. Der gesamte Flughafen verfügt über nur sieben Kofferwagen, vier davon dienten zum Transport der Spenden zum bereitstehenden Lkw. Die Reaktionen der Touristen waren sehr unterschiedlich. Die meisten wollten von alledem nichts wissen und einfach ihren Urlaub genießen. Vereinzelte wiederum fragten direkt nach, wo und wie sie helfen können.

Als die Flüchtlingsströme im Mai begannen, hat sich auf der Insel eine private Hilfsorganisation gegründet. „Kos Solidarity“ unterstützt seitdem die Ankömmlinge mit dem Lebensnotwendigsten. „Es ist unglaublich, was diese Griechen hier leisten“, berichtet Marc Ulrich beeindruckt. „Wirtschaftlich geht es ihnen selbst sehr schlecht und trotzdem geben sie für die Flüchtlinge ihr letztes Hemd.“ Zur Organisation gehört auch der Spediteur Yannis Papapostolou. Er bringt die Waren vom Flughafen direkt zum Lager. Dieses befindet sich nur zwei Kilometer von der Küste entfernt, dem Hauptankunftsort der Flüchtlinge. Auf etwa 400 Quadratmetern stapeln sich hier Lebensmittel, Kleidung, Schuhe und Hygieneartikel für Babys, Kinder, Frauen und Männer. „Wir würden gerne noch mehr Spenden annehmen, aber wir müssen bald aus diesem Lager ausziehen, weil der Vermieter es wieder anderweitig benötigt“, erklärt Yiorgos Josophides die unglückliche Situation. Er ist Physik- und Philosophie-Lehrer. Seinen kompletten Sommerurlaub hat er Tag und Nacht für Kos Solidarity gearbeitet und auch jetzt, wo die Schule wieder begonnen hat, investiert er jede freie Minute in die Flüchtlingsarbeit.

Eine erdrückende Situation

Auch wenn es täglich wieder neue Herausforderungen gibt, hat der Tag eine gewisse Routine. Gegen 11 Uhr treffen die Freiwilligen ein, um Sandwiches vorzubereiten und Kleidung zu sortieren. Die Helfer kommen mittlerweile aus der ganzen Welt: Belgien, Schweden, England, Argentinien, Neuseeland, Bolivien, Spanien, Dänemark und viele auch aus Deutschland. Seit Mai ist der Verein „Flying Help“ aus Fischbach mit großer Unterstützung vor Ort. Es ist immer mindestens eine Person des Vereins auf Kos, zusätzlich unterstützt die Organisation konkret mit finanziellen Mitteln, wenn akuter Bedarf besteht. Zum Beispiel an Schuhen. „Heute haben viele Flüchtlinge ein Ticket für die Fähre nach Athen - aber etliche tragen nicht mal Schuhe“, erläutert der Vorsitzende Michael Goldhahn die erdrückende Situation. „Wir fahren jetzt gleich zusammen mit einer Kollegin von Kos Solidarity in einen Schuhladen und kaufen dort 60 Paar á 10 Euro“.

Hunderte Flüchtlinge campieren im Müll

Tagsüber werden Kleidungsstücke zusammengestellt. Dann fahren die ersten Helfer zur Ausgabe am Hafen. Der aktuelle Anblick der Promenade auf Kos könnte widersprüchlicher nicht sein. Auf der einen Seite sitzen Touristen im Restaurant, einen Steinwurf entfernt campieren hunderte Flüchtlinge in Müll und beißendem Gestank. Sie schlafen in Zelten oder einfach auf dem nackten Straßenboden. Manche sind nur zwei Tage hier, andere schon seit Wochen. Unter ihnen auch viele Kinder und sogar Babys. Die Kleinen bekommen besonders viel Fürsorge von Kos Solidarity. Nahrung, Kleidung, Hygieneartikel, Umarmungen - hier trifft Ohnmacht auf pure Nächstenliebe.

Hilfe wird individuell geleistet

Neben den Verteilaktionen am Tag gibt es eine zentrale Ausgabe am frühen Abend. In private PKWs werden Sandwiches, Obst und Wasser geladen - dann geht es zum Hafen. An drei Punkten errichten die Helfer provisorische Ausgabestellen, die Flüchtlinge bilden eine Reihe und holen sich ihre Tagesration ab. „Es ist einfach unglaublich, wie viel Freude hier ein Apfel auslösen kann“, berichtet Marc Ulrich bewegt. Nach der Ausgabe kommen die Helfer mit den Flüchtlingen ins Gespräch. Sie erzählen ihre Geschichte und man erfährt, was sie gerade am dringendsten benötigen. „Ich war überrascht, wie individuell die Hilfe hier geleistet wird. Die Helfer merken sich das Gesicht oder den Namen, notieren Kleider- oder Schuhgrößen und bringen die Sachen am nächsten Tag mit“, erläutert Ulrich. Für Flüchtlinge mit einem Ticket zur Fähre nach Athen beginnt nun eine neue Etappe. Sie haben ihre alte Existenz hinter sich gelassen und die lebensgefährliche Überfahrt mit dem Schlauchboot geschafft. Was jetzt auf sie wartet, ist dennoch komplett ungewiss.

So können Sie helfen

Kos Solidarity benötigt vor Ort jede Hand. Interessenten für einen Freiwilligendienst können sich wenden an:
kos.solidarity@gmail.com

Geldspenden nimmt der Verein flying help e.V. entgegen. IBAN: DE57 75061168 000 1093371 BIC: GENODEF1SWN

Die Situation ist katastrophal: Inmitten von Müll und beißendem Gestank harren ganze Familien aus. Manche können nach zwei Tagen weiter. Andere sind schon seit Wochen hier.
Selbst mit solch kleinen Schlauchbooten versuchen die Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt durchs Mittelmeer. Spätestens bei diesem Anblick weiß man, dass so etwas niemand riskiert, wenn er eine andere Alternative für sich und seine Familie sehen würde.

Selbst mit solch kleinen Schlauchbooten versuchen die Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt durchs Mittelmeer. Spätestens bei diesem Anblick weiß man, dass so etwas niemand riskiert, wenn er eine andere Alternative für sich und seine Familie sehen würde.

Lebensmittel-Ausgabe am Abend: es gibt Sandwiches, Obst und Wasser. Unglaublich, wie viel Freude ein Apfel auslösen kann.

Lebensmittel-Ausgabe am Abend: es gibt Sandwiches, Obst und Wasser. Unglaublich, wie viel Freude ein Apfel auslösen kann.

Viele Kinder und auch Babys sind unter den Flüchtlingen. Sie schlafen in Zelten oder einfach auf dem harten Straßenboden.

Viele Kinder und auch Babys sind unter den Flüchtlingen. Sie schlafen in Zelten oder einfach auf dem harten Straßenboden.

Die Situation ist katastrophal: Inmitten von Müll und beißendem Gestank harren ganze Familien aus. Manche können nach zwei Tagen weiter. Andere sind schon seit Wochen hier.

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