Zentrale Gedenkfeier des Landes Rheinland-Pfalz zum Volkstrauertag in Mayen
Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!
Dr. Michel Friedmann hält Gedenkrede in der Herz-Jesu-Kirche
Mayen. Am 16. November war in diesem Jahr in Deutschland Volkstrauertag. Das ist ein staatlicher Gedenktag für die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen und einer der sogenannten „stillen“ Feiertage. Die Feierlichkeiten zum Volkstrauertag setzen sich zusammen aus einer Andachtsmesse und einer Feierstunde. Die zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag findet jeweils im Deutschen Bundestag statt. Eine Rede des Bundespräsidenten ist üblich, ebenso die musikalische Gestaltung, das Spielen der Nationalhymne und des Liedes „Der gute Kamerad“, das unter seiner Anfangszeile „Ich hatt‘ einen Kameraden“ besser bekannt ist. Angelehnt an die Form der zentralen Gedenkstunde werden in allen Bundesländern und den meisten Städten und Gemeinden ebenfalls Gedenkstunden mit Kranzniederlegungen durchgeführt. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge initiierte 1950 die erste Veranstaltung zum Volkstrauertag zentral im Bundestag in Bonn. Die Festlegung des Datums änderte sich 1952 in deutlicher Abgrenzung zum Heldengedenktag des Dritten Reiches. Mit der Wahl eines Datums am Ende des Kirchenjahrs, einer Zeit im Zeichen des Todes, hob die thematische Ausrichtung bewusst den Schrecken des Krieges hervor und nicht dessen Glorifizierung. Die zentrale Gedenkfeier des Landes Rheinland-Pfalz fand in diesem Jahr in der Mayener Herz-Jesu-Kirche statt. Vor der Gedenkfeier zelebrierten Pfarrerin Metje Steinau für die evangelische Kirchengemeinde und Dechant Matthias Veit vom katholischen Pendant einen ökumenischen Gottesdienst für die Gäste der zentralen Gedenkfeier. Pastor Veit begrüßte die einheimischen Gläubigen und Gäste in Mayen, einer Stadt „die leidvoll die Schrecken des Krieges erlebt hat.“ Pfarrerin Steinau befasste sich mit den Seligpreisungen der Bergpredigt, die bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Nach einem Musikstück des Schulorchesters des Megina-Gymnasiums, das die ganze Gedenkfeier des Landes Rheinland-Pfalz musikalisch gestaltete, wurde die Festlichkeit eröffnet. Dazu begrüßte Michael Hörter als Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge viel politische Prominenz namentlich, verschiedene soldatische Funktionsträger und weitere hochrangige Gäste, um dann die Aufmerksamkeit auf die Grußworte von Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu lenken.
Malu Dreyer spricht Grußworte
Auch 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges und 75 Jahre nach Ausbruch des 2. Weltkrieges sei Frieden noch keine Selbstverständlichkeit, konstatierte Frau Dreyer und war damit sofort bei den Konflikten in Syrien und besonders der Ukraine. Frau Dreyer verlas dazu ein Zitat von Jean-Claude Junker, dem heutigen Präsidenten der Europäischen Kommission: Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen! An die 55 Todesfälle deutscher Soldaten in Afghanistan erinnernd, wünschte Frau Dreyer allen Soldatinnen und Soldaten, auch aus den befreundeten Streitkräften, sie mögen unversehrt in die Heimat zurückkehren. Künftige Kriegseinsätze seinen durch Prävention zu verhüten, war die Forderung von Frau Dreyer. Das Land werde in diesem Jahr voraussichtlich 10.000 Menschen aus aller Welt aufnehmen, die oftmals nur mit wenigen Habseligkeiten geflohen sind. Das sei eine große Herausforderung für das Land und die Kommunen. „Wir benötigen vor allem dringend Wohnraum.“ so die sozialdemokratische Ministerpräsidentin und weiter appellierend „Ich bitte auch die Bürger und Bürgerinnen unseres Landes um Unterstützung. Lassen Sie uns diese Herausforderung durch einen großen Akt der Solidarität gemeinsam meistern.“
Rede von Dr. Michel Friedmann
Für die eigentliche Gedenkrede der Feier konnte Dr. Michel Friedman gewonnen werden. Herr Friedman stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie und wurde 1956 in Paris geboren. Als achtjähriger kam er nach Deutschland und lies sich mit 18 Jahren einbürgern. Seine Großmutter und die Eltern überlebten den Holocaust, indem sie von Oskar Schindler mittels seiner bekannt gewordenen Liste gerettet wurden. Von 2000 bis 2003 war Herr Friedman stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.
„Unsere Welt ist nicht gerecht …“ begann Herr Friedmann seine emotionale Gedenkrede provokativ, die er weitgehend frei hielt und nur selten anhand von nieder geschriebenen Stichworten lenkte. Wie ein roter Faden zog sich dabei die Metapher des Durchbrechens von Kreisläufen durch die Rede, eigener, dem von Krieg und Frieden oder Hass und Liebe. Oskar Schindler, den der Redner noch persönlich kannte, habe seinen persönlichen Kreislauf durchbrochen, denn der zunächst durchaus regimefreundliche Unternehmer verdankte sein Vermögen jüdischen Zwangsarbeitern, bevor er 1.200 davon über seine Liste vor einem Ende in Konzentrationslagern gerettet hat. Auch vor Aussagen und Fragen, die viele nicht gerne hören, machte Friedman in seiner Rede nicht halt. So stellte er die Frage in den Raum des Gotteshauses, welche Kreise vielleicht durchbrochen worden wären, wenn die Kirche in der Zeit von 1933 bis 1939 nicht so intensiv geschwiegen hätte. Zur aktuellen Situation im Syrienkonflikt stellte der Redner fest, dass die Türkei mittlerweile 1 Million Flüchtlinge aufgenommen hat und wir Deutschen schon anfangen zu zittern „wenn es sechsstellig wird“. Es vorzubringen gefiel Herrn Friedmann nicht sonderlich und dennoch wollte er auf ein Zitat nicht verzichten, das von Marcus Tullius Cicero überliefert ist: Der ungerechteste Friede ist immer noch besser als der gerechteste Krieg.
Auf die Gedenkrede folgte ein Gedichtvortrag von zwei Schülerinnen der Albert-Schweitzer-Realschule Plus, die von Friedrich Silcher vertonte Dichtung Ludwig Uhlands „Der gute Kamerad“ vorgetragen von Bernd Schmitz auf seiner Trompete und die Totenehrung durch den Standortältesten und Kommandeur des Zentrums operative Kommunikation Oberst Christian Bader. Mit der Nationalhymne schloss die Gedenkfeier. - WE -
Dr. Michel Friedman hielt eine emotionale Gedenkrede, die viele deutliche Mahnungen enthielt sowie zahlreiche persönliche Momente.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (v.l.), Oppositionsführerin Julia Klöckner, der Vorsitzende des Landesvolksbundes Michael Hörter, Gedenkredner Dr. Michel Friedman und Mayens Oberbürgermeister Wolfgang Treis nach der zentralen Gedenkfeier auf dem Weg zum Empfang der Stadt Mayen.
