Nach Veranstaltung am Bertha-von-Suttner-Gymnasium
Die Chance zum (Weiter-)Leben! Philipp Rauch spendete Stammzellen
aus Andernach
Andernach. Die Suche nach Stammzellenspendern, um an Blutkrebs Erkrankten Heilung und ein zweites Leben zu geben, ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Am Bertha-von-Suttner-Gymnasium organisiert die Schülervertretung gemeinsam mit der DKMS regelmäßig Infoveranstaltungen, um potentielle Stammzellenspender zu finden. Im April 2025 hatten sich mehr als sechzig Jungen und Mädchen aus der Oberstufe als mögliche Spender registrieren lassen, auch Philipp Rauch, damals Jgst. 12 - und dann kam er plötzlich als Spender in Frage. Hier sein Bericht:
„Anfang September 2025. Mitten im Geschichtsunterricht ploppte eine E-Mail auf meinem iPad auf. ‚DKMS‘ sah ich: „Sie kommen möglicherweise als Stammzellenspender für eine an Blutkrebs erkrankte Person infrage. Bitte melden Sie sich schnellstmöglich.“ Vom Schulhof aus rief ich an:
„Gott sei Dank, dass Sie sich so schnell gemeldet haben, Herr Rauch“. Es schien ernst zu sein. Eine freundliche Frau erklärte mir die Lage. Sie fragte mich, ob ich noch immer zur Spende bereit wäre. „Ja“. „Wir würden Ihnen gerne ein Set zur Bestätigungstypisierung zukommen lassen. Damit müssten Sie sich beim Hausarzt Blut abnehmen lassen und es uns dann zurückschicken. Wir melden uns dann in etwa acht Wochen bei Ihnen, sollten Sie tatsächlich in Frage kommen.“
Danach verdrängte ich die Sache im Vorabistress.
Ende Oktober klingelte mein Telefon: „DKMS hier, ich habe Nachrichten für Sie, Herr Rauch.“ Plötzlich war alles wieder da. Wie fühlt man sich in diesem Moment? Ich weiß es bis heute nicht richtig. Ich sollte also tatsächlich einem Menschen das Leben retten können. Darauf war ich schon stolz. Die Voruntersuchung in Köln sollte Anfang November stattfinden, die Behandlung am 26.11. – ich stimmte trotz der Vorabiklausuren in dieser Zeit zu. Diese Klausuren hätten niemals so wichtig sein können, da für meinen genetischen Zwilling wahrscheinlich jeder Tag zählte. Unterstützung und Entgegenkommen von der Schule gab es!
Bei der Voruntersuchung werden potentielle Spender gründlich untersucht und ausführliche Aufklärungsgespräche geführt. Wie in ca. 90% der Fälle war die periphere Stammzellenspende vorgesehen. Dafür wird in beide Armvenen, ähnlich einer Dialyse, ein Zugang gelegt. Das Blut wird durch eine Zentrifuge geleitet, in der die Stammzellen gewonnen werden. Fünf Tage vorher muss der Spender ein Medikament spritzen, das für eine vermehrte Produktion von Stammzellen im Knochenmark und deren Ausschwemmung in die Blutbahn sorgt. Dabei können leichte Nebenwirkungen wie bei einem grippalen Infekt auftreten. Bei den meisten Spendern ist das Nervigste der Pieks der Spritzen, sonst merken sie gar nichts. Anders bei Philipp:
„Kurz nach der Voruntersuchung lag ich flach im Bett. Ich rief in Köln an – denn durch einen tatsächlichen grippalen Infekt können sich die Nebenwirkungen des gespitzten Medikaments verstärken. Ein Abbruch der Stammzellenspende war noch möglich. Ich wusste aber, dass der ohnehin schon enorm geschwächte Patient bereits mit einer Chemo-Therapie angefangen und damit auch kein Immunsystem mehr hatte und praktisch durch einen einzigen Erreger den Tod finden könnte. Abbruch war für mich keine Option. Ich begann mit der Spritzenbehandlung. In den nächsten Tagen hatte ich keine Kraft, nicht mal zum Essen. Gliederschmerzen machten Bewegung fast unmöglich. Solche Auswirkungen sind aber die Ausnahme! Der Gedanke, der mich bei der Stange hielt, war: „Denk darüber nach, wofür das alles gut ist. Zieh es durch.“
Nach fünf ewig langen Tagen fuhr meine Mama mich am 26.11. nach Köln, mir ging es richtig dreckig. Es begannen die fünf längsten Stunden meines Lebens, aus meinem Blut wurden Stammzellen gefiltert. Mein Zustand - meiner Erkrankung im Vorfeld und nicht der Entnahme geschuldet! - wurde in den nächsten Stunden auch nicht besser. Abkoppeln von der Maschine, und dann ging es mir tatsächlich besser. Durch die Blutwäsche waren mir die ganzen Medikamente aus den Spritzen aus dem Körper gewaschen worden. Ich war zwar schwach, fühlte mich aber überhaupt nicht mehr so „vergiftet“ wie vorher. Man zeigte mir den fertigen Beutel voller Stammzellen. Ein ziemlich verrücktes Gefühl. Eine eierschalenfarbene Flüssigkeit, von der man beinahe meint, sie würde glitzern, als wäre es verdünntes Gold. Stimmt natürlich nicht. Auch, wenn solche Beutel für manche Menschen tausendmal wertvoller sind.
In einem Hotel in der Nähe warteten wir auf die endgültige Entlassung. Ich wollte nur noch essen und schlafen. Dieses Mittagessen im Hotelrestaurant war so ziemlich das beste Essen der letzten Wochen. Kurz danach kam der Anruf: „Alles gut, fahren Sie nach Hause, Sie hören von uns.“
Zuhause war ich wie ausgeknockt. 15 Stunden später kroch ich aus dem Bett. Denn am nächsten Tag ging der Alltag wieder los. Lernen, Klausuren, lernen, Klausuren - das war mein Zeitplan bis Weihnachten.
Im Dezember erfuhr ich, wie es weiterging: Meine Spende ging in die USA, an wen, weiß ich nicht. Nach neun Monaten werde ich erfahren, wie es meinem Zwilling geht.“
Nach den Regeln der DKMS kann es eine Kontaktaufnahme von Spender und Empfänger erst nach einer zweijährigen Anonymitätsfrist geben, wenn beide Seiten das wünschen.
„Ich möchte direkten Kontakt mit meinem Zwilling aufnehmen. Ich will ihn unbedingt kennenlernen. Schließlich ist derjenige jetzt tatsächlich der nächste Blutsverwandte, den ich habe. Diese drei Monate haben mich verändert. Vom ersten Moment an, als ich auf dem Schulhof stand und vor Aufregung gezittert habe, wusste ich, dass diese Reise etwas Besonderes werden kann. Die Möglichkeit, jemandem mit seinem eigenen Körper das Leben zu retten, pumpte mich so voll mit Adrenalin wie ein Fallschirmsprung und ein Bungee Jump zusammen. Meistens fehlen mir die Worte, wenn ich mit meinen Mitmenschen darüber spreche, das habe ich schon oft festgestellt. „Wow, ich find das so toll.“, „Ich hab noch nie gehört, dass das jemandem passiert ist!“ Die Anerkennung ist toll, sie ist aber nicht das, was mich selbst an dieser Geschichte so fasziniert. Ich rette mit meinem Blut möglicherweise Leben. Ich kenne denjenigen nicht und doch sind wir so tief miteinander verbunden. Anonymität hin oder her, ich habe das Gefühl, einem Menschen vertraut zu sein, ohne ihn jemals gesehen oder gesprochen zu haben. Glaubt mir, das ist ein ziemlich bizarres Gefühl.
Diese Zeit hat mir eine ganz andere Sichtweise auf das Leben ermöglicht. Dinge, die vorher als selbstverständlich galten, sind es nun nicht mehr: Gesundheit, Glück und das Leben selbst. Das sind Dinge, auf die andere Menschen auf dieser Welt nicht mal eine Chance haben. Und gerade ich darf einem anderen Menschen diese Chance geben. Lasst uns glücklich schätzen, dass wir gesund sind und uns zufriedengeben mit dem, was wir haben! Machen wir nicht Dinge zu unseren Problemen, die gar keine Probleme sein dürften. Wir regen uns übereinander auf wegen Kleinigkeiten, ärgern uns über nicht funktionierende Drucker oder die lange Schlange an der Supermarktkasse. Und dann gibt es so viele Menschen, die froh wären, sie hätten solche Probleme. Und stattdessen müssen sie sterben. Jeder von uns kann etwas tun. Mit ein paar Klicks wird man bei der DKMS registrierter Stammzellenspender. Es kostet nichts, aber wenn man es nicht tut, kann es jemandem das Leben kosten. Also werdet Spender, am besten heute noch. Denn niemand weiß, wann euer genetischer Zwilling euer Blut braucht. Und dann könnt ihr genau das tun. Ihm eine zweite Chance geben.“
Philipp Rauch/Heribert Heil
Weitere Informationen: www.dkms.de
Philipp Rauch spendete Stammzellen, hier bei der Entnahme in Köln. Foto: Philipp Rauch
Die Entnahme dauert etwa fünf Stunden. Foto: Philipp Rauch
Das Schülersprecherinnenteam des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums mit den Mitarbeitern der DKMS. Foto: Heribert Heil
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Jeder kann sich bei der DKMS registrieren lassen. Foto: Philipp Rauch