Rhein-Mosel-Fachklinik und Stadt Andernach gedachte der Opfer des Nationalsozialismus
„Erinnern bedeutet: Nicht vergessen“
Dokumentarfilm beschäftigte sich mit der Täterrolle von Ärzten während der NS-Diktatur
Andernach. Mehr als 1400 Patienten der damaligen Andernacher Heil- und Pflegeanstalt waren unter den Psychiatriepatienten, die während der Nazi-Diktatur ermordet wurden. Gemeinsam mit der Stadt Andernach und dem Landesverband Psychiatrieerfahrener gedachte die Rhein-Mosel-Fachklinik deshalb am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus, an die vielen unschuldigen Opfer im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Insgesamt wurden mehrere Hunderttausend als lebensunwert bezeichnete Menschen von den Nationalsozialisten ermordet. „Erinnern bedeutet: Nicht vergessen“, sagte Andernachs Oberbürgermeister Achim Hütten anlässlich der Kranzniederlegung am „Spiegel-Container“ in der Innenstadt, der 1996 von Andernacher Bürgern initiiert und errichtet wurde, um die Erinnerung wach zu halten. Hütten rief zahllose aktuelle Internetbeiträge ins Bewusstsein, die nicht mit freiheitlichen Werten korrespondieren. „Unsere Werte werden nur triumphieren, wenn wir unseren Teil dazu beitragen.“ Auch eine solche Veranstaltung trage dazu bei, so Hütten.
„Ärzte als Täter während der NS-Diktatur“
Nach der Kranzniederlegung traf man sich am Abend zu einem gemeinsamen Gottesdienst in der Klinikkapelle. Anschließend gab es eine Veranstaltung im Konferenzzentrum der Rhein-Mosel-Fachklinik, die mit dem bedrückenden Dokumentarfilm „Sichten und vernichten - Psychiatrie im Dritten Reich“ von Ernst Klee begann. Der Film beschäftigte sich mit der Täterrolle von Ärzten in der Zeit des Nationalsozialismus und belegte, dass viele nach der Befreiung 1945 weiter als Ärzte arbeiteten und oft Ruhm und Anerkennung erhielten. Dr. Stefan Elsner, Ärztlicher Direktor der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, griff die Thematik in seinem Vortrag am Beispiel des Arztes Dr. Werner Heyde auf: Der Arzt machte mit guten Verbindungen zu Nazi-Größen schnell Karriere, übernahm unter anderem die medizinische Leitung der „Aktion T4“, die die Euthanasie-Morde organisierte und durchführte. Heyde war es auch, der die Vergasung der Patienten mit Kohlenmonoxid vorschlug (auf Befehl Hitlers sollten nur Ärzte diese Tötungen durchführen). Wer getötet wurde, entschieden Ärzte anhand von Akten - ohne die Betroffenen jemals untersucht zu haben. Gegen Ende des Krieges setzte sich Heyde, der 1941 auch einmal in der Andernacher Klinik war, nach Dänemark ab und arbeitete schließlich bis in die 1950er Jahre unter dem Namen Sawade in Deutschland als Arzt. Obwohl er einigen Kollegen seine wahre Identität verriet, erhielt er sogar Aufträge als gerichtlicher Gutachter. Elsner: „Er soll insgesamt 7000 Gutachten erstattet haben, ein für ihn zunehmend einträgliches Geschäft.“ Ende 1959 war das Versteckspiel beendet: Heyde stellte sich der Justiz, als er befürchten musste, angezeigt zu werden. Fünf Tage vor Beginn der Hauptverhandlung nahm er sich das Leben. In einem Abschiedsbrief rechtfertigte er sein Tun als NS-Arzt mit den bekannten grausamen Phrasen der Täter und war sich offensichtlich keiner Schuld bewusst. Und obwohl ein Untersuchungsausschuss des Landtags eine Liste mit Personen erstellte, die von der eigentlichen Identität des Arztes wussten, kam es zu keiner „juristischen Aufarbeitung, die diesen Namen verdient“, beklagte Elsner.
Landeskrankenhaus (AöR)
Dr. Stefan Elsner, Ärztlicher Direktor der Rhein-Mosel-Fachklinik, erläutert die Täterrolle von Ärzten während der NS-Diktatur.
