Junge Spanierin erwirbt in Miesenheim Berufs-Kenntnisse
Europa - auch im Berufsleben grenzenlos
Andernach. Sie heißt Paula und kommt aus Castellón, einer Stadt, 60 Kilometer von Valencia im östlichen Teil Spaniens gelegen. Paula ist zurzeit Gast in unserem Land. Nicht als Touristin, nicht als Austauschschülerin, die junge Frau möchte in Deutschland eine Berufsausbildung zur Bäckerin oder Konditorin durchlaufen. Gerade absolviert die 32-jährige Spanierin ein dreimonatiges Praktikum in der Landhauskonditorei von Ulrike Schmitz in Miesenheim. Dies ist möglich dank der Kooperation zwischen der Handwerkskammer Koblenz und dem Berufsbildungszentrum in Valencia. Dort konnten sich angehende JunghandwerkerInnen, (Schwerpunkt Bäckerhandwerk) im Rahmen eines Auswahlverfahrens für eine Berufspraktikums-Stelle in Deutschland qualifizieren, die die jungen Spanier Ende März antraten.
Europaweiter Austausch von Fachkräften ist notwendig
Die Handwerkskammer Koblenz und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), eine Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit, hatten 13 Bewerber ausgewählt. Petra Laudemann, die bei der Handwerkskammer Koblenz das Projekt „Junghandwerker werden mobil“ (Mobilitätsberatung) betreut, erläuterte „Blick aktuell“ den Hintergrund: „Deutschland wird bei seinen europäischen Nachbarn für seine effektive, duale Berufsausbildung geschätzt. Die Zweigleisigkeit von betrieblicher und schulischer Ausbildung genießt in Europa ein hohes Ansehen“. Das Sonderprogramm MobiPro-EU der Bundesagentur für Arbeit machte auch im Handwerkskammer-Bezirk Koblenz den europäischen Austausch von Junghandwerkern möglich. Dieser Austausch erscheint weiterhin berufspolitisch zwingend notwendig, um dem steigenden Fachkräftemangel durch die Vermittlung von europäischen Fachkräften entgegenzuwirken. Bis Ende März 2014 hatten insgesamt bereits fast 9.000 junge Menschen aus der Europäischen Union eine Förderung aus dem Sonderprogramm beantragt. Das waren wesentlich mehr als erwartet. Seit April werden daher keine neuen Anträge mehr für dieses Jahr angenommen. Weitere Informationen erhält man auf den Internetseiten unter www.thejobofmylife.de/.
„Blick aktuell“ vor Ort
Für Paula und ihren heimatlichen Freund David, der ebenfalls in einem Betrieb in Plaidt ein Praktikum macht, reichte der „Fördertopf“ glücklicherweise noch. So war es „Blick aktuell“ möglich, Paula Cassa Caballer auf ihrer Arbeitsstelle zu besuchen und mit ihr zu sprechen, - deutsch, denn Paula versteht und spricht unsere Sprache gut. Der Verlauf ihrer bisherigen Ausbildungsgeschichte ist ein Zeichen für Paulas Vielseitigkeit: Zunächst hatte sie ein Mathematikstudium durchlaufen und abgeschlossen. In dieser Zeit hatte sie auch Gelegenheit im Rahmen eines Studentenaustauschs neun Monate in Mainz zu studieren. Dabei erwarb sie ihre ersten Deutsch-Kenntnisse. Dann folgte eine Ausbildung zur Försterin. Warum nicht Mathematikerin, warum nicht Försterin? Paula: „Keine Arbeit oder schlechte Arbeit“. Die unattraktiven Berufsaussichten in ihrem Land bewegten sie schließlich, sich beim Berufsbildungszentrum in Valencia für das Auslandspraktikum zu bewerben. Der berufliche Wochenverlauf sieht für die Praktikantin so aus, dass sie jeweils drei Tage im Betrieb tätig ist und zwei Tage in der Handwerkskammer Koblenz einen Deutsch-Kurs besucht. Wovon Sie in Deutschland lebt? Sie erhält einen monatlichen Praktikumslohn, der aus dem Förderprogramm noch auf einen Betrag aufgestockt wird, von dem sich die mit David gemeinsam bezogene Wohnung und der Lebensunterhalt bestreiten lassen. Gerne würde Paula schließlich die Ausbildung zur Bäckerin oder Konditorin machen, zumal sie bereits in ihrer Heimat im Verkauf einer panadería (Bäckerei) tätig war und ihr dies Freude bereitet hat. Das Aufstehen um Ein Uhr in der Nacht ist für sie kein Problem mehr. Nach der Arbeit schläft sie drei bis vier Stunden und abends geht sie früh zu Bett.
Heimweh? „Nein“, sagt sie, in der Nähe sind ja auch David und eine Cousine in Köln, von der sie auch schon mal in Miesenheim besucht wurde. Außerdem wird sie nach dem Praktikum erst mal wieder nach Hause reisen, bis gegebenenfalls dann im September die Ausbildung in Deutschland beginnt. Ulrike Schmitz, die innovative Gründerpreis-Gewinnerin von 2006 und Inhaberin der Landhauskonditorei (zehn Filialen und über 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern) bildet derzeit sechs junge Leute im Bäcker- und Konditorberuf aus. Es wäre nicht einfach, an guten motivierten Nachwuchs zu kommen, sagt sie, sodass der Blick über die europäischen Grenzen Sinn mache. Deswegen sagte sie der Handwerkskammer auch gleich zu, der jungen Spanierin die Möglichkeit eines Berufspraktikums in ihrem Betrieb zu geben. Und Ulrike Schmitz ist froh, dass sie sich für Paula entschieden hat. Bei Interesse der engagierten und aufgeweckten jungen Frau scheint der Weg zu einer Ausbildung im Hause Schmitz offen.
