Stadtmuseum Andernach
Objekt des Monats Mai: Fahne der rheinischen Separatistenbewegung
aus Andernach
Andernach. Stürmische Zeiten erlebte Andernach in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg: Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot, Geldentwertung und politische Unruhen prägten die ersten Jahre der Weimarer Republik in der Bäckerjungenstadt. Unser „Objekt des Monats“ Mai ist ein seltenes Relikt aus jener Epoche: Die Fahne der rheinischen Separatistenbewegung von 1923.
Nach der Revolution von 1918 wurde Andernach zunächst von US-amerikanischen Soldaten besetzt, im Oktober 1922 ging die Besatzungsmacht an die Franzosen über. In jener Zeit trat eine radikale politische Gruppierung in Erscheinung: die Separatisten, auch „grüne Rheinlandtruppen“ genannt. Sie forderten die Herauslösung des preußischen Rheinlands aus dem Deutschen Reich und die Bildung einer unabhängigen Republik in enger Anlehnung an Frankreich.
Diese Loslösungsbestrebungen hatten eine lange Tradition: Die meisten Rheinländer waren mit den Preußen nie richtig warm geworden, unüberbrückbar schienen die Unterschiede hinsichtlich der Konfessionen, der Mentalitäten und des Militarismus. Dies führte dazu, dass sich viele Rheinländer nur wenig mit der „fremden“ Staatsmacht im fernen Berlin identifizieren konnten und wollten. Nach dem Ende des Krieges und dem Einrücken französischer Truppen ins Rheinland schien eine Möglichkeit für eine politische Neuausrichtung gekommen. Befeuert durch die allgemeine Notlage in den Jahren 1922/23 wagten die Separatisten im Oktober 1923 die Ausrufung der rheinischen Autonomie. „Hauptstadt“ der „Rheinischen Republik“ wurde Koblenz; das Vorgehen wurde von der französischen Besatzung offen unterstützt und Josef Friedrich Matthes als Ministerpräsident eingesetzt.
Am 22. Oktober 1923 wurde das Andernacher Rathaus besetzt und die „Rheinische Republik“ ausgerufen. Sehr wahrscheinlich wurde unsere Fahne in genau jener Zeit am Rathaus gehisst. Sie zeigt die Farben Grün, Weiß und Rot. Jene Farbkombination war bereits 1797 für die sogenannte „Cisrhenanische Republik“ vorgesehen gewesen - ebenfalls ein von Frankreich abhängiger rheinischer Staat, der jedoch nicht zustande gekommen war. Dabei stehen Grün und Weiß für die Farben der Rheinprovinz. Die heutige Fahne des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ist übrigens fast identisch.
Zum separatistischen Bürgermeister wurde im Oktober 1923 der Andernacher Kaufmann Leineweber erklärt, nachdem der gewählte Bürgermeister Heinrich Mettlich bereits im April von der „interalliierten Rheinland-Kommission“ ausgewiesen worden war - er konnte erst im September 1924 nach Andernach zurückkehren.
Doch sollte der Spuk nicht lange andauern. Noch am Nachmittag des 22. Oktober 1923 hatten aufgebrachte Andernacher Bürger das Rathaus gestürmt, um die Separatisten zu vertreiben. Die französischen Besatzungssoldaten griffen jedoch ein und verhinderten die „Gegenrevolution“. Die Beschlagnahmung von Vieh und Lebensmitteln durch die Anfang November aus Bonn angerückten „grünen Rheinlandtruppen“ führte ebenfalls nicht dazu, dass die Separatisten große Sympathien in der Andernacher Bevölkerung gewinnen konnten. Zahlreiche Verwaltungsbeamte verließen unter Protest die Stadt. Eine der führenden Kräfte gegen die separatistische Bewegung war der beliebte und einflussreiche Pfarrer Adolf Rosch. Nach zahlreichen Protesten aus der Bevölkerung wurden die „grünen Rheinlandtruppen“ am 13. November aus der Stadt abgezogen. Am 16. November erlitten die Separatisten in der Schlacht von Aegidienberg (Bad Honnef) eine verheerende Niederlage gegen die bewaffnete Landbevölkerung. Am selben Tag legte dann der Andernacher Bürgermeister Leineweber sein Amt nieder. Acht Tage später zogen die Separatisten aus dem Rathaus ab. Am 27. November 1923 verkündete dann „Ministerpräsident“ Matthes die Auflösung der separatistischen Regierung.
Unser Objekt des Monats, die von Zeit und Witterung arg strapazierte und verblichene Fahne der „Rheinischen Republik“ (grün-weiß-rot), ist ein wichtiges Zeitzeugnis für eine chaotische, krisengeplagte Zeit in der Andernacher Stadtgeschichte.
